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der seltsame hannes

peter campa | der seltsame hannes

Hannes Weinzierl war eigentlich ein ganz normaler Mann. Er war nicht zu groß und nicht zu klein, nicht zu dick und nicht zu dünn, nicht zu gescheit und nicht zu blöd. So dachte er über sich selbst. Trotzdem wurde bereits in der Schulzeit immer wieder betont: „Weißt du, dass der Hannes intelligent ist?“ Seine Schulkollegen betonten dies und die Antwort war immer wieder dieselbe: „Und was nutzt ihm das?“


Obwohl Hannes so intelligent war, lief er stets mit offenen Schuhbändern in die Klasse. Einige Schulkollegen traten auf die Schuhbänder, sodass Hannes nicht selten zu Fall kam. Und wenn man ihn anredete, sagte er zumeist gar nichts. Und so war er froh, wenn der Unterricht zu Ende war und er endlich nach Hause gehen durfte. Er fürchtete sich nämlich vor den Kindern.
Seine Mutter war achtundvierzig, als sie ihn gebar. Der Vater war zweiundfünfzig, ein Frühpensionist, der den ganzen Tag im Bett lag. Eigentlich war er gar nicht krank, der Vater. „Dem fehlt doch nichts“, pflegten die Verwandten zu sagen. Er war bei der Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft gewesen, doch dann war er der Rationalisierung zum Opfer gefallen. So hatte man ihn bei vollen Bezügen in die Rente geschickt.


Hannes war langsam. Zum Anziehen brauchte er morgens fast eine Stunde. Nicht selten war es vorgekommen, dass er in der Schule ankam und feststellen musste, dass er seine Schultasche daheim vergessen hatte.
Manchmal kitzelte er sich selbst und sagte: „Schleck schleck, hihi, kicher, kicher!“ oder er wiederholte Dutzende Male seine Wohnadresse. „Hannes Weinzierl, fünfzehnter Bezirk, Pouthongasse 4/5“. Und dann begann er, laut zu kichern. „Das soll also ich sein!“ dachte er.

„Ich glaube, du bist nicht ganz normal“, hatte seine Mutter des Öfteren gesagt, „du solltest einmal zum Arzt gehen und dich untersuchen lassen!“ Allmählich hielt sich Hannes tatsächlich für einen Irren.
Inzwischen ist der Hannes einundzwanzig Jahre alt geworden. Wohl duscht er sich einmal in der Woche, doch riecht er manchmal nach Gacki und auch aus dem Mund riecht er manchmal wie ein Pavian. Vor allem, wenn er Bier getrunken hat. Bei seiner Mutter trinkt Hannes natürlich kein Bier. Aber er geht gern in Lokale und da kommt schon einiges zusammen. Um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, trägt Hannes inzwischen einen langen Bart. Dennoch kommt er bei den Frauen nicht allzu gut an, was ihn sehr verwundert. Seine Mutter erinnert ihn des Öfteren an seine Schulkollegen. Was aus denen alles geworden ist. Der Gaugusch Josef etwa, der hat gleich nach der Matura geheiratet und den Führerschein gemacht. Dann ist er in den Staatsdienst eingetreten und hat er drei Kinder bekommen. Jetzt hat die Familie ein Einfamilienhaus in Neusiedel an der Zaya. Das ist ein vernünftiger Mensch, der Gaugusch!


Der Hannes, der ist nicht so. Der geht gern ganz alleine in die Natur. Stundenlang. Hannes ist ein Mystiker. Er liest gerne esoterische Bücher, wie etwa Alan W. Watts „Die Kosmologie der Freude“. Er genießt die Lichterfahrungen. Er kann sich an zwei frühere Leben erinnern. Eines als Krokodil und eines als Kaiser Caligula.


Der Hannes hat kein Geld. Wohl gibt ihm seine Mutter vierzig Euro Taschengeld im Monat. Aber die hat er meistens in drei Tagen schon versoffen. Und dann geht er in Lokale und mus­tert die Gesichter. Wenn jemand langsam schaut oder wenn Hannes meint, eine Person hätte ihn angelächelt, stellt er sich vorsichtig daneben und hebt an: „Pfau, Alter, hast du vielleicht ein, zwei Euro, ich kann mein Bier nicht bezahlen!“ Meistens schnorrt der Hannes nur Männer an, Frauen schnorrt der Hannes zumeist nicht an. Vor denen hat er Respekt. Sexuellen Respekt! Er will sich nämlich seine Illusionen nicht zerstören lassen. Dass die Frau, die ihn möglicherweise angelächelt hat, liebt! Und im Grunde hält sich der Hannes für einen Frauenfreund. Das war er doch schon immer, oder? Vor Männern hat er zwar auch eine gewisse Angst, doch die schwindet mit jedem Bier.

Irgendwie schafft es der Hannes immer wieder, sich auf diese Art einen Rausch zu verdienen. In den frühen Morgenstunden macht er sich dann auf den Heimweg zu seiner Mutter. „So wie der Gaugusch möchte ich nicht leben!“, denkt er mitunter und: „Ob der Gaugusch auch Angst vor Frauen hat?“


Vor einem Jahr war Hannes bei Gaugusch eingeladen. Das war kurz nach dem Schülertreffen. Da saßen sie alle. Fast alle. Sechsundzwanzig Schüler waren es bei der Matura gewesen. Jetzt waren vierzehn Schüler gekommen. Zwei waren gestorben, einer bei einem Autounfall und einer an einer Gehirnblutung. Von den vierzehn waren zehn verheiratet, zwei geschieden, der Kalinka Josef war Kaplan geworden und als Einziger außer dem Hannes unverheiratet. Da hatte er Mut gefasst und den Gaugusch gefragt: „Du Gaugusch, wie ist denn das eigentlich, so eine Ehe?“ Dieser hatte geantwortet: „Wenn du willst, lade ich dich ein, da kannst du sehen, wie das ist. Hast du nächsten Dienstag Zeit?“ „Ja“, hatte Hannes geantwortet. Da hatte er den mühseligen Weg nach Neusiedel an der Zaya auf sich genommen – Hannes hatte nämlich kein Auto – und hatte bald das schmucke Häuschen ausgemacht, das sich hinter einem Thujenhain verbarg. Im Garten spielten zwei Kinder. Lächelnd standen sie am Gartentor, der Gaugusch und seine Frau, und als sie den Hannes schon von der Weite erkannten, winkten sie ihm zu und Gaugusch sagte: „Hallo, Hannes, hast du hergefunden?“ „Wie man sieht“, hatte Hannes entgegnet. Und Gauguschs Frau lächelte. „Das ist Judith“, sagte Gaugusch, „meine Frau!“ Hannes gab Judith die Hand und dann dem Gaugusch. „Keine schlechte Frau, die Judith“, denkt Hannes, „ aber die darf ich wohl nicht haben!“ „Darf ich dir unser Haus zeigen?“, fragt der Gaugusch, „hier kannst du ablegen!“ „Ihr habt aber ein schönes Haus!“, meint Hannes etwas verlegen. „Ja, und bezahlt ist es auch!“, erwidert Gaugusch. In der Garageneinfahrt steht ein tonnenschwerer Mitsubishi mit einer Anhängerkupplung. Darauf prangt das Nummernschild MI-NKA 32. „Ist das ein Wunschkennzeichen?“, will Hannes wissen. „Das ist mein Firmenwagen!“, sagt Gaugusch stolz. „Bei welcher Firma bist du denn?“, wollte Hannes wissen. „Ich bin Bereichsleiter bei der OMV!“ „Und wer ist Minka?“ „Das ist meine Frau, die Judith, die nenn ich immer so. MI ist gleichzeitig das Kennzeichen von Mistelbach. Und wie geht es dir so, Hannes ?“ Gaugusch spielt den Neugierigen. „Na ja, mir geht es nicht so gut! Ich bin ein bisschen depressiv!“ „Ja, das macht nichts, das haben wir alle manchmal!“, stoppt Gaugusch die weitere Diskussion. „Du kannst jetzt reinkommen, es ist aufgedeckt!“ „Was ist denn das für ein Geräusch?“, will Hannes wissen. „Unser Aushilfsgärtner mäht gerade den Rasen!“ „Wirklich“, denkt Hannes, „dieser Rasen ist wirklich so eben, so glatt, dass man direkt ausrutschen könnte beim Fußballspiel!“ Hannes hört auf zu denken, denn jetzt hört er Judiths Frage: „Hannes, willst du Suppe essen? Die ist aber noch etwas heiß!“ An der Wand hängen Bilder in rahmenlosen Bilderhaltern. Es sind abstrakte Bilder, es könnten Computergrafiken sein. Einige Wirbel sind drinnen. Aber im Prinzip keine Aussage. Die gläserne Tischplatte ist mit zwei Klemmspots, in denen Halogenlampen stecken, bestens ausgeleuchtet. „Kann man die Fenster eigentlich aufmachen?“, interessiert sich Hannes. „Nein“, sagt Gaugusch, „das ist wegen der Klimaanlage! Es gibt hier nur Belüftungsschlitze. Wir haben eigens ein baubiologisches Gutachten erstellen lassen!“ „Du Hannes“, Judith will ein Gespräch anfangen, „möchtest du nicht gerne einmal Kinder haben? Kinder sind etwas sehr etwas Schönes!“ „Ich weiß nicht“, sinniert Hannes, „wenn es sich ergibt!“ Dann essen sie die Hühnersuppe. „Du, Walter“, meint Hannes jetzt zaghaft, „wo ist denn da eigentlich ...?“ „Wenn du wo hin musst“, antwortet Gaugusch, „da im ersten Stock, die gläserne Treppe hinauf, dann die erste Türe links!“ Hannes macht sich auf den Weg. „Wo ist denn da der Lichtschalter?“ „Ich mach dir Licht, der Schalter ist hier unten!“ Hannes betritt das WC. „Hier ist es ganz dunkel!“ Die Halogenleuchte ist durchgebrannt. „Gibt’s denn hier kein Fenster?“ „Nein, wie schon gesagt, wegen der Klimaanlage. Hannes, tust du uns einen Gefallen? Bitte, wenn du fertig bist, drücke den Schalter im WC, es gibt nur den einen. Das ist die elektrische Lüftung.“ „Ihr habt aber ein modernes Haus!“, muss Hannes zugeben. „Irgendwie hats da aber eine trockene Luft!“ „Wenn du willst, schalte ich den Luftbefeuchter ein!“ Walter Gaugusch nimmt seine Fernbedienung zur Hand. „Walter“, Hannes wagt es fast nicht zu fragen, „weißt du, was ich schon lange wissen wollte?“ „Nun, schieß los, Hannes?“ „Bist du eigentlich ein glücklicher Mensch?“ „Aber das siehst du doch, Hannes! Ich habe drei Kinder, die liebs­te Frau der Welt und noch dazu ein tolles Haus und einen Mitsubishi in der Garage stehen! Wie undankbar wäre ich, wenn ich nicht zufrieden wäre? Das größte Glück dieser Welt ist doch die Selbstzufriedenheit. Hab ich nicht recht? Du solltest dir auch ein Haus kaufen und eine Familie gründen, Hannes!“ „Aber du bist wirklich nie verzweifelt, nie unglücklich?“ „Nein, Hannes, meine Frau ist okay, meine Kinder sind okay, unser Haus ist okay und ich bin okay. Ich bin einfach den vorgezeichneten Weg gegangen. Das würde ich dir im Übrigen auch raten.“ „Du, Walter, wann hast du zum letzten Mal geweint?“ „Da kann ich mich nicht erinnern, da muss ich noch ein sehr kleiner Bub gewesen sein! Und wenn ich dir etwas sagen darf – von Mann zu Mann – vielleicht wärst du auch zufriedener, wenn du dich öfters waschen würdest!“ „Walter, ich glaube, ich muss jetzt gehen. Ich danke euch noch für die herrliche Bewirtung!“, versucht Hannes sich aus der Affäre zu ziehen. „Du wirst doch nicht schon gehen, du bist doch gerade erst gekommen. Du könntest dich noch herrlich mit meiner Frau und mit mir unterhalten.“ „Ich fühl mich hier irgendwie nicht wohl, Walter!“ „Hier bist du in der herrlichsten Familie der Welt, und du wagst es, dich nicht wohl zu fühlen! Du bist schon ein komischer Patron, in der Schulzeit ist mir das nie an dir aufgefallen! Also, wenn du willst, bring ich dich noch zum Bahnhof nach Mistelbach!“ „Danke, Walter, ich geh auch gerne zu Fuß ! Ich muss nachdenken!“ „Also bitte, wie du glaubst, schöne Grüße noch an deine Frau Mama!“ Judith sagt noch: „Danke für den Besuch!“ Gaugusch bringt Hannes noch zur Tür. Hannes geht bei der Tür hinaus und ist froh, wieder frei zu sein. Nach etwa einem Kilometer Fußmarsch beginnt er nachzudenken. „Was ist eigentlich das Glück?“ „Des Glück is a Vogerl!“ heißt es doch in einem alten Wienerlied. Aber wie schafft das der Gaugusch, dass er immer glücklich ist? Und so glücklich, wie er behauptet, kommt er mir ja auch nicht vor. Man muss ja nicht gerade ein Sandler werden, aber so glücklich wie der Gaugusch möchte ich auch nicht sein. Sicher, ich muss aufpassen, dass ich kein Sandler werde. Vielleicht bin ich irgendwie ein Sonderling und der Gaugusch ist normal. Es kann auch sein, dass ich die Ehe nicht verstehe!“ Hannes bemerkt plötzlich ein Schild an einem Haus. ENERGIEAUSGLEICH steht da in großen Lettern. „Aha“, denkt Hannes, „das ist einfach, was es heute schon alles gibt, da ist man unausgeglichen, da kann man da her kommen und man wird wieder ausgeglichen. Vielleicht mach ich das einmal.“

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Die Mutter hatte Hannes immer wieder kritisiert, warum er nichts arbeite, da könne er sich ja vieles leisten, ein Auto zum Beispiel, aber Hannes wollte gar kein Auto. Er lebte in den Tag hinein und liebte nichts mehr, als beide Hände frei zu haben. So gut wie nie sah man ihn mit einer Tasche in der Hand. Wenn er einmal doch arbeiten musste, was selten genug vorkam, begannen seine Zweifel an der Echtheit der Welt. „Wenn jemand etwas nur wegen dem Geld tut, dann will er das ja gar nicht wirklich tun!“, sinnierte er. Das ist dann keine Tätigkeit von innen heraus. Glücklicherweise konnte er ja noch bei seiner Mutter wohnen und mitessen.
Aber eigentlich hatte er fast keine Freunde. Dabei träumte er immer wieder von der großen Liebe. Er konnte die große Liebe außerdem nicht von Sex unterscheiden. Beides erschien ihm irgendwie fremd und seltsam. Am liebsten aber ging er einsam auf der Straße spazieren und stellte sich vor, er sei der neue Bob Dylan. Das war aber nicht der Original-Bob-Dylan, sondern eine kreative Weiterentwicklung, die je nach Art des Spazierganges unterschiedliche Formen annahm. Das war eine der wenigen neuen Entwi­cklungen der letzten Jahre. Im Allgemeinen versuchte er nach wie vor, die Welt mit den Augen seiner Mutter zu sehen, was immer weniger gelang. Hannes war nicht seine Mutter. Die Welt, die seine Mutter und sein verstorbener Vater ihm mitgeteilt hatten, die Urteile, die sie über Personen gefällt hatten, waren seine Urteile, und die Bekannten, über die sie erzählten, waren seine Bekannten. Er meinte, es sei brav, wenn er kein eigenes Urteil habe. Jedesmal, wenn von ihm verlangt wurde, sich von der mütterlichen Realität abzulösen, geriet er in Panik, hatte Angst, schlimm zu sein und entwurzelt. So gab er nach außen tonlos vor, einen Schritt nach vor zu machen, nach innen aber ermahnte er sich und er hörte eine innere Stimme, die ihm sagte, er möge brav sein. Er war nicht so einer mit den langen Haaren, obwohl er lange Haare hatte. Er war auch nicht arbeitsscheu, obwohl er die Arbeit scheute. Oft dachte er nach, was das wohl war, ein richtiger Arbeitsscheuer. Er selbst war kein Arbeitsscheuer. Und Langhaariger war er auch nicht. Und so bemühte er sich, einerseits ein fortschrittlicher Typ zu sein, andererseits seiner Mutter nicht untreu zu werden.

Doch die Menschen auf der Straße, die schätzten das nicht. Sie hielten Hannes eher für einen Obersandler und für nicht recht zurechnungsfähig. Ja, einige meinten sogar, er hätte eins in der Schüssel. Das ganze Jahr hindurch hatte er die Moonboots an, die er vor zehn Jahren einmal von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Wohl waren diese schon etwas löchrig, doch waren sie erstens von seiner Mutter und zweitens soll man nichts wegwerfen.
Vor zwei Jahren hatte er einmal eine Freundin gehabt, der Hannes. Seiner Mutter war dies gar nicht recht gewesen. „Ein merkwürdiges Frauenzimmer, diese Anita!“ hatte sie gesagt, als diese einmal bei ihr angerufen und nach Hannes gefragt hatte. „So eine Frau wie diese kommt mir nicht ins Haus! Hannes, du solltest auf deinen Umgang achten, zuerst solltest du schauen, dass du dein Studium fertig machst und dann hast du immer noch genug Zeit, wenn du eine Familie gründen willst!“ Und dabei war es geblieben. Hannes hatte sein Studium nicht fertig gemacht, und von Anita hat er sich sofort getrennt, als er merkte, dies sei seiner Mutter irgendwie nicht recht. Er hat dann nie wieder eine Frau angeredet, sich dann spirituellen Dingen zugewandt und wie um zu beweisen, dass er trotzdem ein Mann sei, trank er ein Bier und dann noch eins und noch eins und spätestens nach dem achten Bier begann er, auf der Straße laut zu schreien. Am liebsten deklamierte er Nietzsche: „Schlamm ruht auf dem Grund der Seele, und wehe wenn der Schlamm Geist hat!“

Doch irgendwie träumte er immer noch von der Superfrau, und wenn ihn eine anlächelte, etwa eine Verkäuferin, meinte er, dies sei seine Frau, er brauche sie nur noch zu heiraten. Beim Eurospar sah er einmal eine Kassierin, die wünschte ihm ein schönes Wochen­ende, worauf er vor Glück jauchzte und dann immer wieder in diese Spar-Filiale ging, um seiner Frau nahe zu sein. Ja, je entfernter dieses Glück war, je unerreichbarer, umso schöner war es für ihn, obwohl er meinte, er ginge mit ihr. Er meinte es aber nur.
In der Oberstufe der Mittelschule hatte er einen Freund gehabt, den Schnellinger Kurtl, das war lange Zeit sein Vorbild gewesen. Der hatte keine Probleme, wie er nicht müde wurde zu betonen, der schminkte sich gerne und lief auch nicht ungern mit Stöckelschuhen herum. Und tatsächlich schien dies einigen Mädchen zu gefallen. Die Frage einiger Kollegen, ob er denn nicht schwul sei, verstand er stereotyp zu beantworten, indem er behauptete, er wäre lesbisch. Er sei nicht der Kurt, sondern die Kurta, und er würde sich nichts sehnlicher wünschen, als von einer Frau in den Arsch gefickt zu werden. Eine Zeit lang bewunderte ihn der Hannes, auch er wollte gerne so auf Frauen zugehen. Als ihm dies aber nicht gelang, zog er sich zurück und verlor den Kurt aus seinen Augen. Hannes hatte auch noch andere Schulkollegen, mit denen er sich gut verstand. Der Hohenlechner August etwa, der hatte auch keine Probleme, und der betonte das nicht einmal. Das war wirklich ein feiner Kerl.


Einmal ging Hannes auf der Pilgramgasse spazieren. Da war er dreiundzwanzig. Er dachte gerade über eine neue Version von Bob Dylans „Desolation Row“ nach, als plötzlich ein Auto langsam neben ihm vorbeifuhr und er eine Stimme hörte, die ihm entfernt bekannt vorkam. „Wohin des Weges, Hannes?“ Er drehte sich um und wurde des Hohenlechner Augusts gewahr, der in seinem breiten Volvo daherkam wie ein Generaldirektor. „Wie geht’s dir, Hannes?“ „Na ja, es muss gehen!“, erwiderte Hannes etwas kleinlaut. „Komm steig ein!“ „Na ja, gut“, stotterte Hannes fast zaghaft. August war langhaarig, doch gepflegt, und er wirkte mit seinen ebenfalls dreiundzwanzig Jahren wie ein gemachter Mann. „Wie geht’s dir, August?“ „Ja, ich bin im Moment ganz zufrieden! Und wie geht’s denn dir, Hannes?“ „Mir geht’s schlecht. Ich hab immer solche Depressionen. Ich möchte ausziehen von meiner Mutter, aber ich kann nicht, ich such eh schon die ganze Zeit eine Wohnung. Aber die meisten Wohnungen kann ich mir nicht leisten.“ „Weißt du was, Hannes, in meinem Haus, da wird eine Wohnung frei. Die kostet nur zweihundert Euro im Monat. Die ist aber desolat. Aber die kannst du dir herrichten. Hast du einen Zettel? Das ist die Firma Immoreal. Dort rufst du morgen an und du kannst dich ruhig auf mich berufen. Das macht gar nichts. Ich glaub, dann wird’s dir wieder besser gehen. Ich kann mir das vorstellen, ich hab auch sehr lange bei meiner Mutter gewohnt. Das is Scheiße, bei der Mutter. Da kann man nichts machen, nicht einmal eine Frau kann man sich mitnehmen! Fährst du noch mit in die Tenne, da ist jetzt ein Fünf-Uhr-Tee mit Dancing.“


Hannes fuhr mit. Dort sah er die Paare tanzen, auch August tanzte, Hannes tanzte nicht, denn Hannes konnte nicht tanzen. Irgendwie beneidete Hannes den August, aber andererseits war er auch froh, dass er jemand kannte, der ihn in eine interessante Gesellschaft führte. Das war für ihn viel interessanter als dieser blöde Gaugusch mit seiner Judith und diesem schrecklichen Haus. Auch behauptete August nicht, er sei ein glücklicher Mensch. Irgendwie hatte der August im Gegensatz zum Gaugusch Walter eine gewisse Erotik. Das heißt natürlich nicht, dass der Hannes schwul sei, aber er hatte das Gefühl, er könne mit dem August eher etwas Interessantes erleben als mit dem Gaugusch. Der August ist nicht verheiratet. Aber eine Freundin hat er. „Irgendwie ein lockerer Typ, der August!“, musste er denken. Gleichzeitig wehrte er sich aber gegen dieses Hingezogensein.


Man hatte ihn nie ganz ernst genommen, den Hannes. Doch wie er war, machte er aus der Not eine Tugend, und so war er irgendwie stolz auf sein Anderssein, er fühlte sich als Outlaw. Dabei half ihm die Musik von Bob Dylan und auch von Lou Reed, der einmal in einer Radiosendung als „Bob Dylan, durch den Fleischwolf des Absurden gezogen“ bezeichnet worden war. Doch die meisten seiner Schulkollegen und auch die Leute, die er in den Lokalen traf, hielten ihn eigentlich für reichlich verschroben. Das mag an seinem Auftreten gelegen sein, vielleicht auch an seinen Moonboots und seinem unsicheren, wackelnden Gang. Langsam war er einmal auf dem Wiener Südbahnhof über eine Rolltreppe gegangen und hatte meditiert. Da sind zwei Typen vorbeigegangen und haben gesagt: „High, Hippie, High!“ Aber Hannes wusste, dass er gescheit war. Und einmal würde er ein Elektronengehirn bauen, das so intelligent wäre, dass er für ihn einkaufen würde, und er bräuchte nur mehr in seinem Bett liegen. Dieses Elektronengehirn würde auch Reden formulieren, die der Hannes dann nur noch vorzutragen brauchte, und die Leute würden sagen, das muss ein Intellektueller sein! Ja, er würde es den Leuten schon zeigen, der Hannes. Ja, er hatte schon des Öfteren gehört, dass man ihn für einen intelligenten Menschen hielt. „Weißt du, dass der Hannes ein intelligenter Mensch ist?“ Wie oft hatte er diesen Satz schon aus verschiedenen Mündern gehört! Und was meinten die Leute wohl damit? Wieso betonte man das gerade bei ihm so? Manchmal war ihm das direkt peinlich, dass ausgerechnet seine Intelligenz so hervorgehoben wurde. Aber er war auch stolz darauf, und irgendwie hörte er das nicht ungern. Aber wenn er so intelligent war, wieso hatten die anderen dann viel mehr Erfolg als er – bei den Frauen, im Beruf, beim Geld und überhaupt? „Ja, Intelligenz ist nicht alles!“, hatte auch seine Mutter des Öfteren gesagt. Der Nietzsche war doch auch intelligent, aber der war doch kein glücklicher Mensch, hörte Hannes sie oft sagen. Der ist in geistiger Umnachtung gestorben.

Gleichzeitig wusste er nicht, ob er die Erfolgstypen bewundern sollte. Der Bill Gates ist so ein Erfolgstyp, und der hat doch immerhin seine Melinda. Vielleicht auch der Bob Dylan. Aber der Hannes war ein Anarchist, oder er hielt sich zumindest für einen solchen. Und zwar ein richtiger. Sämtliche anderen Anarchisten waren nämlich seiner Meinung nach gar keine richtigen Anarchisten, nicht einmal der Johnny Rotten. Einmal hörte er in einem Lokal einen gewissen Rudi reden. „I bin jetzt zweiundzwanzig Jahre und jetzt kenn i mi aus im Leben!“ Da war der Hannes gerade neunzehn. „Da hab ich ja noch drei Jahre Zeit“, dachte er. Er hörte aber auch Erzählungen über einen gewissen Peter, der sei fünfundzwanzig Jahre, und der sehe sich nicht heraus. Ob das ein Trost ist, wenn sich ein anderer auch nicht heraussieht? Damals war er noch der Meinung, man müsse sich heraussehen und einen Durchblick haben. Der August hatte einmal im Scherz erwähnt, er müsse jetzt Griechisch lernen, denn er sei mit seinem Latein am Ende. Früher hatte er geglaubt, der Gaugusch habe einen Durchblick. Und darum habe er die Judith kennen gelernt. Weil der Gaugusch einen Durchblick habe, darum habe er auch gewusst, wie er die Judith kennen lernen könne.

Obwohl, oder vielleicht gerade weil er so verzweifelt war, konnte der Hannes auch lachen. Dies geschah meist dann, wenn Leute um ihn herum waren, aber niemand mit ihm redete. Da lachte er über die Welt als solche. Die bloße Tatsache, dass überhaupt etwas existierte und nicht vielmehr nichts, löste bei ihm eine plötzliche sekundenlange Heiterkeit aus, ein so genanntes Urlachen. Wenn er dann gefragt wurde, wieso er eigentlich gelacht habe, konnte er es nicht so genau sagen. Etwa, wenn er während einer ernsthaften politischen Diskussion Details aus dem Privatleben der Diskutierenden erkennen konnte. So hatte etwa ein politisch seriöser Mensch in seiner Aktentasche zwei Holzelefanten, die wohl zu erkennen waren, über die aber nicht gesprochen wurde. Dann meinte er, die Welt an sich wäre ein merkwürdiger Traum.