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die freuden des fußballspielens

benedikt narodoslawsky | die freuden des fußballspielens

Über die Gladiatoren der Moderne

Ein fehlender Meniskus, dafür ein künstliches Band, das Kniegelenk gleicht dem eines 80-Jährigen und die vielen Schrammen und Narben – sie erinnern an schöne Zeiten. So sieht er aus, der ausrangierte Fußballspieler in seinen Mittdreißigern, der seine endliche Gesundheit für ein Vierteljahrhundert voller Freude und Genuss aufs Spiel setzte – und verlor. Warum machte er das? Was bringt einen vernünftigen Menschen dazu, sich selbst seinem Schicksal so unbekümmert auszuliefern? Dieses Rätsel vermag nur jener aufzulösen, der schon mal dieses ganz besondere Gefühl verspürte, als er ein ledernes Rund zwischen den Füßen tanzen ließ. Es kann nur jener verstehen, der schon mal eine oder zwei Gurken in einem wichtigen Spiel austeilte, um schlussendlich in Schönheit zu sterben. Nur jene können es verstehen, die nach einem 90-minütigen Kampf um Ehre mit schmerzenden Gliedern nach Hause kommen, wohlwissend, dass es gut war. Gladiatoren der Moderne, circenses ohne panem: Die Fußballspieler.

Nicht von dieser Welt
Bis zu fünf Mal in der Woche schleppen sie sich auf das heilige Grün, um sich der schönsten Nebensache der Welt zu widmen. Sie vernachlässigen ihre Familien und verbringen mehr Zeit mit ihren Compadres als mit ihren Frauen. Wofür? Unzählige Gründe kommen einem Fußballbohemien in den Sinn. Würde man ihn auf die Schnelle fragen, würde er wahrscheinlich zu stottern beginnen und nicht wissen, wo er anfangen sollte. Doch seien hier einige der Gründe wohlbedacht verewigt, in aller Gemütlichkeit und Ruhe.

Kein Schwindel
Leser, versteh’ eines: Fußball ist nicht die reale Welt. Er ist eine Parallelwelt, ein Traum, der auch die Hölle verheißen kann. Aber meist ein guter Traum, aus dem man nicht mehr aufwachen möchte. Auf dem Rasen unterliegt man keinem Zwang, auf dem Rasen legt man seine Maske ab, die man in der Gesellschaft zu tragen hat, um bestehen zu können. Spätestens wenn das Känguruleder mit den Stollen zur zweiten Haut wird, ist man man selbst, der, der man sein möchte. Keine Vorgaukelei, kein Schwindel, sondern die eigene Persönlichkeit in aller Reinheit. So wie man sie lebt. – Im Traum.

Das Instrument stimmen
Noch bevor der erste Schritt aufs Grün getan wird, kommt der gewissenhafte Spieler in den ersten Fußballergenuss – das Binden der Schuhe. Mit der Liebe und Behutsamkeit, mit der ein Geigenvirtuose zur Justierung seines Instrumentes an dessen Saiten zupft, zieht der Spieler an seinen Schnürsenkeln. Der Schuh muss sitzen, darf nicht zu fest, aber auch nicht zu locker geschnürt sein. Da geht es um Nuancen! Das Schnüren der Schuhe, der erste Moment, als Spieler in sich zu gehen und sich bewusst zu werden: Es ist wieder soweit, 90 Minuten Lust erwarten mich!

22 Spieler stehen sich gegenüber, lechzend, gierig – das eine Ziel vor Augen: Das Netz des gegnerischen Tores muss öfter wackeln als das des eigenen. Es pfeift ohrenbetäubend. Der Ball rollt die ersten Zentimeter und wie auf Kommando setzen sich 40 Füße in Bewegung. Während einige, wie alte Dampfloks, erst auf Touren kommen müssen, scheinen andere wie TGVs zu rasen. Zehn Sekunden sind gespielt, und ich bekomme den Matchball zum ersten Mal zu spüren. Ein gegnerischer TGV kommt auf mich zu. Da ist sie schon, die erste Gurke. Und ich fühle mich gut. Nein, ich fühle mich überlegen. Nein, ich fühle mich allmächtig! Es ist wie ein Hauch Nirvana, der mir ins Gesicht bläst. Sanft weht der Hauch meine Haare aus dem Gesicht, und ich spüre ein Stückchen Vollkommenheit. Schlimmer als die Schmach der 0:1-Niederlage Österreichs gegen die Färöer 1990 trifft es indes den scheinbaren TGV, der sich nun als einfacher, klappriger Kohlewagon entpuppt und gebrochen in sich zusammenfällt.
Das Schieben der Gurke ist die schlimmste Waffe eines Fußballers. Es bedeutet dem Gegner durch die Beine zu spielen und ihm dadurch die Ehre zu rauben, ihn zu schmähen, vor der tobenden Menge zu brüskieren. Psychologisch kann es den Gegenspieler vernichten, schließlich spielt man den Ball nicht links oder rechts an ihm vorbei, sondern man spielt ihn durch den Gegner. Als ob er nicht da wäre. Dem Geschmähten drängt sich dabei die Existenzfrage auf, auch hinterfragend, wie sein eigenes 7,32 m x 2,44 m großes Tor zu beschützen sei, wenn er nicht mal die eigenen Beine vor einem Gurkerl bewahren kann?

To tunnel the TGV
Franzosen nennen das Gurkenschieben „petit pont“, die kleine Brücke. „Le grand pont“, die große Brücke, bezeichnet hingegen den „Eisenbahner“, wobei wir wieder beim Thema TGV wären. Der Eisenbahner ist eine Variante, einen langsameren Gegner zu überspielen. Dabei wird der Ball auf der einen Seite am Gegner vorbeigespielt und auf der anderen Seite der Gegner überholt. Deutsche kennen das Gurkenschieben unter dem Begriff „tunneln“. Ich tunnelte sozusagen einen TGV. Für äußere Beobachter wirkt es wohl eigenartig, dass es für so eine scheinbare Kleinigkeit im deutschsprachigen Raum Differenzen in der Bezeichnung gibt. Doch für Kicker ist es sonnenklar, da ihnen der hohe Stellenwert des Tunnelns schon in der Kindheit vermittelt wird. Auch Engländer sprechen von „to tunnel“. Es klänge auch komisch, würden sie dafür „to shove a cucumber“ als Redewendung verwenden. Schon der Kabarettist Andreas Vitasek thematisierte die eigenartige englische Übersetzung von Gurkerl – nämlich cucumber. Salad klingt wie Salat, tomato wie Tomate – doch cucumber klingt wie von einer anderen Welt. Fest steht jedenfalls, dass Österreicher eben für diesen fußballerischen Prozess eine eigene Redewendung kreierten, um der Wichtigkeit dieses Geschehens Ausdruck zu verleihen. Österreicher sind keine Tunnler, sondern Gurkenschieber! Viele Spieler sehen darin sogar die Maxime des Fußballspielens. Manfred Dienstl, jahrelang Libero des TUS Paldau und seines Zeichens ein Meister der Gurke (vergleichbar damit wäre der schwarze Gürtel, zehnter Dan, in Karate), betrieb das Tunneln bis zum Exzess. Regelmäßig wurde er ausgetauscht, da ihm das Gurkerlschieben wichtiger war, als Tore zu schießen. Vielleicht verbrachte er nicht so viele Minuten als Spieler auf dem Spielfeld wie seine Kollegen, vielleicht hält er den peinlichen Rekord der meisten Auswechslungen – doch Fans und Spieler feiern ihn heute noch als Fußballgott, einer, der dem Gegner stets überlegen war und diesen mit arger Scham zu peinigen pflegte.

200 Bälle in einem Tor
Natürlich zählen im Spiel nicht die ausgeteilten Gurken, sondern die geschossenen Tore. Jedoch lügt jeder Spieler, der nach dem Spiel nicht weiß, wie viele Gurken er während des Spiels bekam bzw. wie viele er austeilte. Doch es zählen Tore, und das ist gut so. Ein Tor bei einem wichtigen Spiel zu schießen, womöglich noch das entscheidende und ins gegnerische Tor, ist wohl einer der schönsten Momente in einem Fußballerleben. Viele streben danach, aber nur wenige werden für gewöhnlich nach dem Spiel als Torschützen gefeiert. Dabei ist das Unterfangen, ein Tor zu schießen, zumindest rechnerisch kein Problem: Das Tor ist so groß, dass ca. 200 Bälle zugleich die Torlinie passieren könnten. In der Realität sieht die Sache anders aus: Das berühmt-berüchtigte „torlose Remis“ zählt zu den häufigsten Ergebnissen. Attraktiv hingegen sind jene Spiele, die mit einem hohen Resultat enden. Als erfreuliches Beispiel dient hierzu das torreichste WM-Spiel, Schweiz gegen Österreich, das nach einem 5:7 Österreichs Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft 1954 bedeutete.

Ein Spiel mit vielen Toren kann dem Zuseher wilde Freudenjauchzer aus der Lunge reißen. Tore sind, was Zuseher wollen! Sie sind die spielentscheidenden Highlights, die Höhepunkte, an die sich der Fan noch Jahrzehnte danach erinnern kann. Welchem Fußballfan ist das Wembleytor kein Begriff? Welcher Österreicher erinnert sich nicht an Krankls bedeutungsvolles 3:2 in Cordoba, mit dem wir noch immer jede Niederlage gegen die Deutschen rechtfertigen? Wie viele Physikprofessoren mögen es sein, die ihren Schülern das Thema „Drall & Reibung“ mit Roberto Carlos’ unglaublichem Freistoß gegen die Franzosen näher bringen? Oder das „schönste WM-Tor“ von Diego Maradona gegen die Engländer, das den argentinischen Volkshelden auch international zur lebenden Legende machte. Während jeder Zuseher hofft, bei diesen Wundern live dabei zu sein, hofft jeder Spieler insgeheim, diese Wunder zu vollbringen.

Das perfekte Tor
Jeder aktive Spieler träumt von seinem persönlichen „perfekten Tor“. Es muss nicht nur schön, sondern auch von großer Bedeutung sein. In meiner aktiven Karriere als Passivsportler vorm Fernseher habe ich bisher nur ein perfektes Tor gesehen. Es geschah 2002 beim WM-Finalspiel Brasilien gegen Deutschland. In der 67. Minute schob der Brasilianer Ronaldo das Leder durch die Beine des weltweit unbeliebtesten Tormanns, Oliver Kahn, zum 1:0. Ist es nicht perfekt, Oliver Kahn in einem WM-Spiel zu tunneln, damit die unsympathische deutsche Mannschaft zu deklassieren und seiner Mannschaft die goldene Trophäe zu holen? Würde sich mein Traum erfüllen, schösse ich „mein perfektes Tor“ in der letzten Minute eines Champions-League-Finalspiels. Der Hergang des Tores bleibt ein Geheimnis. Es sei aber Folgendes verraten: Es wäre so schön, dass auch die gegnerischen Zuseher auf die Knie sinken würden, um dann in Freudentränen auszubrechen, wissend, einen kurzen Moment in das Antlitz Gottes geblickt zu haben. Die Zuseher würden das Stadion nicht in ein tobendes Tollhaus verwandeln, sondern geschockt den Atem anhalten. Ich habe alles schon genau geplant, doch fürchte ich, wenn sich meine fußballerische Leistung nicht rapide um sehr viel verbessert, nie zu dieser Chance zu kommen.

Tore sind spielentscheidend und müssen deshalb gebührend gefeiert werden. Der Torjubel gilt als echt. Schließlich wird man als Torschütze von einem so starken Gefühl der Freude übermannt, dass es fast unmöglich ist, der Lage Herr zu werden und ruhig Blut zu bewahren. Der Torjubel ist die Offenlegung des Freudenrausches, der reine Ausdruck persönlicher, starker Gefühle. Ein echter, emotionaler Torjubel kann für einen Sympathiegewinn bei Fans sorgen. Emotionale Spieler sind nicht selten Publikumslieblinge. Ihnen kauft man die Freude am Spiel ab, sie wirken authentisch. Während es in den ersten Jahrzehnten des Fußballs noch nicht üblich war, ein Tor markant zu feiern, gibt es seit knapp 15 Jahren eine regelrechte „Torjubelkultur“. Ein Ende kreativer Ideen der Spieler ist nicht absehbar.

Sprachrohr der Fußballer
Viele Spieler haben sich den Jubel zum Markenzeichen gemacht. Der spanische Stürmer Raul Gonzalez bezeugt beispielsweise bei jedem Tor seine Liebe zu seiner Ehefrau, indem er seinen Ehering küsst. Von Jürgen Klinsmann war man gewohnt, nach einem Tor einen Vorwärtshechter auf den Bauch zu sehen. Nicht zu vergessen die artistischen Kunststücke, die man von den Nationalstürmern Nigerias nach einem Torerfolg regelrecht erwartet. Der Spieler kann sich in Szene setzen und kann darauf vertrauen, Blickfang unzähliger Kameras zu werden. Aus diesem Grund versuchen einige Spieler mittels Torjubels Botschaften zu transportieren. Der brasilianische Stürmerstar Bebeto machte bei der WM 1994 mit seiner Babywiege auf die Geburt seines Kindes aufmerksam, Barcelonas Eto’o persiflierte durch einen Affentanz Rassismus im Sport. Jung-Hwan Ahn, südkoreanischer Nationalspieler, genoss eine besondere Genugtuung: Er glich 2002 bei der WM im eigenen Land gegen die Amerikaner aus und spielte mit seinem extravaganten Jubel auf die Ungerechtigkeit bei den Olympischen Winterspielen an, durch die im Shorttrack ein Amerikaner vor einem Südkoreaner die goldene Medaille holte. Es kann das Allergrößte sein, die „Retourkutsche“ auf sportlicher Ebene zu geben.

Faustrecht am Rasen
Der fußballerische Grundgedanke ist friedlich. Völkerverständigung, Toleranz und Respekt vor anderen sind nicht zuletzt aus diesem Grund die Eckpfeiler des europäischen Fußballverbandes UEFA. „Jeder Spieler ist gleich viel wert, egal ob er Feld- oder Ersatzspieler ist!“, besagt eine alte Trainerfloskel. Gleichheit! Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit waren nicht nur die Schlagwörter der französischen Revolution, sondern gelten auch als ungeschriebene Fußballregeln. Tatsächlich ist der Fußballplatz aber eine Stätte, wo brutale Härte gelebt wird. Hier kann man noch Selbstjustiz üben, seinen animalischen Instinkten folgen und sich beinhart rächen. Freiheit! Die einzige juristische Instanz ist das Schiedsrichterteam. Man kann die bad boys der gegnerischen Mannschaft selbst bestrafen, kein langer Gerichtsweg, keine ermüdenden Verhandlungen. Wie im Interregnum gilt das Faustrecht, Gegenspieler werden erzogen. Es ist eine wahre Freude, unnötige verbale Gemeinheiten mit einem Tritt gegen das Schienbein selbst zu ahnden.

Oder einen Tritt gegen das Schienbein mit einem Schlag in den Bauch. Wie du mir, so ich dir! Auge um Auge, Zahn um Zahn! Wenn es der Schiedsrichter nicht sieht, ist alles erlaubt. Manche halten es für schlecht, gar für unzivilisiert. Aber es ist manchmal von Nöten, hart durchzugreifen, da man ansonsten das Spielfeld auf der Bahre verlassen muss. Man muss dem Gegner Paroli bieten, man darf sich nichts gefallen lassen. Noch schöner ist es natürlich, nach einem Foul den Gegner sportliche Überlegenheit spüren zu lassen. Kann man sich etwas Schöneres vorstellen, als nach einem erlittenen, versteckten Foul dem Gegner eine Gurke zu schieben? Man fühlt sich wie Ghandi zu seinen besten Zeiten. Alleine das rechtfertigt mehrmaliges Training in der Woche.


Alle für einen ...
Ein Hauptgrund, sich so oft zum Training zu schleppen, kann von einer alten Fußballweisheit abgeleitet werden: „Fußball ist ein Mannschaftssport.“ Die Mannschaft besteht aus Freunden, die es wert sind, viel Zeit zu investieren. Alle ziehen am selben Strang, jeder kämpft für jeden. Das „Ich“ wird dem „Wir“ untergeordnet, man gewinnt und verliert als Mannschaft. Brüderlichkeit! Das Klima in der Mannschaft ist essenziell. Was bringen elf Stars, die nicht füreinander einstehen? Schlechtes Klima, schlechte Motivation, schlechte Leistung! Es ist klasse, wenn man auch nach dem Spiel noch auf ein oder zwei „Trankerln“ gehen kann, der „Schmäh rennt“ und der Spaß nicht zu kurz kommt. Die Dauer der aktiven Karriere als Fußballspieler ist begrenzt, echte Freundschaft überdauert indes die Ewigkeit.

Fußball bedeutet wesentlich mehr als die berühmten „22 Leute, die einem Ball hinterherjagen“.  Nur die wissen es nicht besser, die es noch nicht versucht haben oder von fuß­balle­rischer Erfolglosigkeit gezeichnet sind. Es gibt keinen größeren Verein im deutschsprachigen Raum als den „Deutschen Fußballbund“. Statistiken spiegeln zwar selten die Wahrheit wider, trotzdem sind sie in einer gewissen Weise aussagekräftig. So viele Leute können sich einfach nicht irren. Ich kann mir keinen schöneren Sport als den Fußball vorstellen. Er hält nicht nur körperlich fit und formt einen stählernen Körper, an dem besonders Frauen Wohlgefallen finden, sondern baut auch Grenzen ab. Wäre in allen Köpfen der fußballerische Grundgedanke verankert, würden wir uns um den Weltfrieden nicht zu sorgen brauchen. Würden wir alle Kriege auf dem Rasen austragen, stünde nicht nur die Opferzahl auf Null, sondern auch der Hass. Und da wäre es wieder, das gefürchtete 0:0, das wohl häufigste Ergebnis im Fußball. Doch in diesem Fall ein 0:0, für das es sich zu kämpfen lohnte.