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die göttinnen im bombenhagel

Petra Ganglbauers konstruierte Absichtslosigkeit. Eine Gratwanderung


Petra Ganglbauer: Glöckchen. Nachtprogramm

das fröhliche wohnzimmer: Wien 2005

Rezensiert von: sonja harter


„Wenn sie zerbirst, setzt es Anorganisches“. – Es gibt Bücher, die muss man von hinten nach vorne lesen, um sie ganz zu verstehen. Und manchmal muss man sich wohl auch davon lösen, verstehen zu wollen, was zu verstehen geboten wird. Von „Absichtslosigkeit“ spricht Petra Ganglbauer in ihrem alles erklärenden Nachwort zu ihrem jüngsten Werk Glöckchen. Nachtprogramm, kürzlich erschienen in der Edition Das fröhliche Wohnzimmer. Dennoch ist dieses Büchlein – 22 halbseitig bedruckte Seiten Text – ein penibel durchkonstruiertes Werk, das sowohl inhaltlich als auch handwerklich auf intensive Auseinandersetzung mit dem Schreibprozess selbst und dem historischen Frauenbild im multimedialen Kontext abzielt. Es sind die archetypischen Merkmale von weiblichen Gottheiten aus verschiedensten Epochen und Kulturkreisen, mit denen sich Ganglbauer hier auf sehr knappem Raum beschäftigt.

Erklärtes Ziel ist, sich mit Merkmalen wie Zerstörungs- und Wandlungscharakter auseinander zu setzen, sie zu hinterfragen, aufzubrechen, um sie dann mit den Attributen des Cyberspace oder etwa der modernen Kriegsmetaphorik zu verschmelzen. Das „literarische Morphing“, bei dem die Autorin zusammengetragene Informationsteile aus beiden Welten ineinander verwebt, bildet die zweite Ebene dieses „Projekts“, das sich von der „Absichtslosigkeit“ zu Beginn im Laufe des Schreibprozesses doch erheblich entfernt zu haben scheint.

Die Texte selbst, bruchstückhafte, elliptische Prosablöcke, könnte man auf den ersten Blick leicht mit Lyrik verwechseln. Aus ihnen spricht ein tiefes Vertrauen in die Sprache, deren Eigendynamik – wie Ganglbauer im Nachwort hervorhebt – im Vordergrund steht. Jedoch wirken einige der Sprachbilder allzu konstruiert, oft fehlt ihnen die Kraft, sich frei zu entfalten, die kunstvollen Neologismen führen ein hermetisches Eigenleben, das auch dem bemühten Leser den Zugang verweigert, hinter Ganglbauers Konstruktionen eigene Welten zu erschließen.

In der Kürze, in der die Autorin sich mit den Gottheiten und ihren verblass­ten Funktionen auseinander setzt, bleibt wenig Platz für große Erklärungen. So liegt es am Leser, die Botschaften herauszufiltern, etwa im wohl gelungensten Text des Bandes, Mikrozellen, wo es da heißt: „Die liegenden Körper lauschen mit abgeschnittenen Ohren den Lippenstiftbombern“. Hier eine Parallele zu Wolf Vostells Werk ziehen zu dürfen, tut gut und ermöglicht einen kleinen Ausflug in eine Lebenswelt (oder besser „Ablebenswelt“) jenseits der engmaschigen Zeilen, die gerade auf den ersten paar Seiten des Bandes den geistigen Ausbruch verweigern.
Die sechs Zeichnungen von Gerda Sengstbratl im Mittelteil sind ebenso filigran wie ausdrucksstark und vertiefen die thematische Ebene der (kriegerischen) Wandlungsprozesse von Ganglbauers göttlichen Protagonistinnen.

Lässt man sich jedoch darauf ein, Ganglbauers Texte nicht in eine Schublade stecken zu wollen, nimmt man sie als das, was sie sind – von der Eigendynamik der Sprache geleitete Sprachbilder –, kann ein durchaus subtiles Leseerlebnis entstehen. Und kommt die Lust, das Nachwort noch ein drittes Mal zu lesen.