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die lange vorgeschichte der gegenwart

Nach 62 Jahren wurde das Opus magnum des Exilautors Stefan Pollatschek endlich erstveröffentlicht


Stefan Pollatschek: Doktor Ascher und seine Väter. Historischer Roman

Mandelbaum: Wien 2004

Rezensiert von: christian teissl


Als der Wiener Autor Stefan Pollatschek 1942 im englischen Exil verstarb, hinterließ er ein Manuskript im Umfang von 1.096 Seiten, einen Roman mit dem Titel Doktor Ascher und seine Väter. Unmittelbar nach seiner Vertreibung durch die Nazis hatte er daran zu arbeiten begonnen und ihn wenige Tage vor seinem Tod abgeschlossen. Sechs Jahrzehnte lang ist dieses Manuskript unbeachtet in seinem Nachlass gelegen, bis zwei Wiener Exilforscher, Ulrike Oedl und Konstantin Kaiser (seines Zeichens Mitherausgeber der Zeitschrift Zwischenwelt, die das Gebiet der Exil- und der Widerstandsliteratur hierzulande erst begehbar gemacht hat), sich dafür zu interessieren begannen. Gemeinsam richteten sie den voluminösen, noch unredigierten Text für den Druck ein, und im Herbst vorigen Jahres konnte er im Wiener Mandelbaum-Verlag erscheinen, unter tätiger Mithilfe von Gerda Hoffer, der Tochter des Autors, die auch ein biografisches Nachwort beigesteuert hat.

Das epische Massiv, als das dieser Roman in seinem Gestaltenreichtum, in der Fülle seiner Nuancen und der Spannweite seiner Reflexionen nun vor uns steht, mit wenigen Worten zu charakterisieren, kommt zwangsläufig einer Verkürzung und Verkleinerung gleich. Was Stefan Pollatschek hier mit großer Konsequenz versucht hat, ist schließlich nicht weniger, als die Geschichte des europäischen Judentums zu erzählen, sie in die Struktur eines Romans nicht zu zwingen, sondern sinnvoll zu übersetzen und dabei Fakten und Fiktionen ebenso virtuos zu verschränken wie das Individuelle und das Allgemeine. Die vielen einzelnen Lebensgeschichten, die hier erzählt oder wenigstens skizziert werden, dienen nie als bloße Demonstrationsobjekte zur Erklärung der „großen Geschichte“; der historische Verlauf wird vielmehr erst anhand der individuellen Schicksale deutlich und deutbar.

In seiner Rahmenhandlung ist das Buch ein Zeitroman, der die ersten Monate nach dem so genannten „Anschluss“ – der Autor hat sie selber noch, vor seiner Flucht aus Wien, miterlebt und erlitten – schlaglichtartig darstellt, in vielen einzelnen Szenen und Bildern, die in einer einfachen, nüchternen Sprache gezeichnet sind, einer Sprache, die alles festhält, aber nichts kommentiert. Der Protagonist dieser Rahmenhandlung ist der Rechtsanwalt Robert Ascher. Sein Weg durch die Wiener Nazi-Hölle des Jahres 1938 wird in zwanzig Stationen geschildert; diese stehen als „Intermezzi“ den zwanzig Kapiteln der insgesamt wesentlich umfangreicheren historischen Binnenerzählung gegenüber. Der Roman als Ganzes hat somit einen ebenso klaren wie kunstvollen Aufbau: Jedem historischen Kapitel folgt ein Intermezzo aus dem Jahr 1938; Vergangenheit und Gegenwart werden parallel erzählt und eng geführt, dabei ist jede der beiden Textsträhnen ihrerseits streng chronologisch angeordnet. 

Die Binnenerzählung breitet die Familiengeschichte der Aschers aus, vom 14. Jahrhundert an bis hinauf ins 20., eine überaus wechselvolle Geschichte, deren Aufzeichnung Robert Ascher sorgsam verwahrt und die er, bevor er sich selbst ins Exil rettet, noch ins Ausland zu schaffen vermag. Einzelheiten aus dieser langen Geschichte kommen ihm immer wieder zu Bewusstsein, und so wird ihm deutlich, wie sehr in den Hoffnungen und Verzweiflungen seiner vielen „Väter“ seine eigenen Hoffnungen und Verzweiflungen bereits enthalten waren. Im Elend, das sie von Generation zu Generation erlitten haben, und in den Verfolgungen, denen sie durch Jahrhunderte hin immer wieder und in ganz Europa ausgesetzt waren, spiegelt sich Roberts eigene Situation wider. Jedes der Intermezzi, in denen seine Enteignung, seine wiederholte Gestapohaft, seine Begegnungen mit Schicksalsgenossen und mit ehemaligen Freunden, die sich nun auf die Seite der Mörder geschlagen haben, in denen aber auch unerwartete Hilfe, die ihm zuteil wird, und die Solidarität der Opfer angesichts der enthemmten Gewalt dargestellt werden, wirkt wie ein Echo auf das jeweils vorangegangene Kapitel der historischen Binnenerzählung: Verfolgung da wie dort, innere und äußere Widersprüche in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, und immer wieder und nach wie vor der ungebrochene Wille zu leben, sich und die Seinen zu retten und sich die jüdische Identität nicht nehmen zu lassen.

Was Pollatschek mit diesem großen epischen Kraftakt erreicht hat, das ist eben nicht eine Relativierung der Nazi-Gräuel aus der Opferperspektive, eben nicht eine Verkleinerung ihrer schrecklichen Dimensionen vor dem Hintergrund der endlosen Geschichte des europäischen Antisemitismus; vielmehr gelingt es ihm kraft seiner Romankonzeption und seiner Darstellungsweise, diese Gräuel, diese Verbrechen aus der Sphäre des schlichtweg Unerklärlichen, Unverständlichen zurückzuholen auf den Boden der Historie und sie als Teil und Folge langer und widersprüchlicher historischer Prozesse kenntlich zu machen. Die gräuelhafte Gegenwart des Jahres 1938 wurde – und das zeigt dieser Roman auf bezwingende Art – mannigfach vorbereitet und vorweggenommen durch die Gräuel der Vergangenheit, vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. „Die Geschichte, die Pollatschek in seinem historischen Roman vergegenwärtigt“, schreibt Konstantin Kaiser in seinem Vorwort, „ist […] nicht eine abgeschlossene Periode, aus der sich Kostüm und Geste zur phantastischen Einkleidung heutiger Gefühle und Gefühllosigkeiten leihen lassen, sondern Vorgeschichte der Gegenwart.“

Die Geschichte des europäischen Judentums und des immer wieder erstarkenden, nicht und nicht verstummenden Antisemitismus im Medium einer Familienchronik zu erfassen, erweist sich als riskantes, aber in seinen Ergebnissen überaus schlüssiges Unterfangen. Mag man dem Autor auch das bisweilen Konstruierte der Handlung und seinen Hang zum Didaktischen vorhalten, so entkräftet das keineswegs die literarische und ethische Bedeutung seines Buches, dieses späten, kostbaren Fundes.