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durch die gegend schreiben

Erwin Einzinger dreht an der Samplingmaschine


Erwin Einzinger: Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik

Residenz: Salzburg 2005

Rezensiert von: hannes luxbacher


Einst glaubte man, dass man beim Menschen ganz einfach oben Wissen, Geschichten und Lehren reinstecken müsste, damit unten eine proper gestaltete Geschichte, eine Lebensgeschichte, rauskommt. Heute jagt man Geschichten und Teile davon durch den Sampler und glaubt, dass einem jeder das Ergebnis mit seinen zahlreichen Verzweigungen und Verweisen als organisches Gebilde voller Weltgehalt abnimmt. Auch Erwin Einzinger hat sich daran gemacht, einen derartigen Entwurf vorzulegen. Viele Jahre nach seiner letzten Veröffentlichung Das wilde Brot legt er mit Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik ein Sammelsurium an kunstvoll ineinander verwobener Anekdoten, Erinnerungen und Geschichtchen vor, die sich weltweit zugetragen haben (oder haben könnten?). Historische Ereignisse verschränken sich mit skurril Bemerkenswertem, Einzinger verstrickt liebevoll ausgewählte Absurditäten mit Inhalten, die sich als unnützes Wissen allererster Güteklasse verstehen lassen. Und das ist jetzt bitte keineswegs abwertend gemeint.

Was mit (Ben) Schotts Sammelsurium und Christian Ankowitsch' Kleinem Konversations-Lexikon letztes Jahr begonnen hat, nämlich die Sammlung von schrägem, jedenfalls aber kaum im Alltag notwendigen Wissen – außer Sie werden notorisch dazu genötigt, jede Gesprächspause sofort auffüllen zu müssen, und sei es ohne Rücksicht auf irgendeinen logischen Anschluss –, könnte so etwas wie die pseudo-sachbuchhafte Vorlage für Einzingers Werk gewesen sein, würde man nicht darüber informiert, dass Einzinger nahezu zehn Jahre damit verbracht hat, seine Spickzettel und Notizen zu sichten, zu arrangieren und dabei fast wahnsinnig zu werden, weil sich die angestaute Menge kaum unter einen Hut bringen ließ, wie der Autor selbst in einem Interview meinte. Und da wären wir sowohl bei der Qualität wie auch beim Manko des Buches. Die Vielfalt an kleineren und größeren Anekdoten, die da verwoben werden wollen, stehen einem eingeschränkten Repertoire an Verbindungsmöglichkeiten gegen­über. Das ermüdet mit Fortlauf des Buches einigermaßen, und so wird man als Leser nahezu automatisch dazu angeleitet, das Buch allmählich wie eine Fundgrube zu benutzen, der man sich zwischendurch zuwendet, um wieder einmal Schräges zu vernehmen oder sich darüber verblüffen zu lassen, welche absonderlichen Gleichzeitigkeiten die Geschichte hervorbringt. Was aber doch kritisch angemerkt werden soll ist, dass Einzinger und der Verlag ganz nebenbei ein kleines bisschen Etikettenschwindel betreiben, wenn uns das Buch als Geschichte der Unterhaltungsmusik verkauft wird. Viele Seiten lang ist von Musik gar nie die Rede, manchmal, ja, da kommt dann leise eine Fußnote daher, die wieder Bezug auf Musik nimmt. In manchen Fällen wirken diese Sätze aber wie leicht verirrte Fundstücke, die auch noch untergebracht werden mussten, und ihr Informationsgehalt, insbesondere ihre Originalität lassen mitunter ein wenig zu wünschen übrig. Das aber nur am Rande. In Summe ist Einzinger ein zeitloses Panoptikum von Alltäglichkeiten gelungen, und wie der Alltag so ist: nicht immer mag man sich mit ihm beschäftigen. Einholen tut er einen aber dann doch immer wieder.