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ein/ausgeprägtes heft

hannes luxbacher , werner schandor | ein/ausgeprägtes heft

Seit dem Gründungsjahr 1998 sind ein paar Jahre vergangen, die schreibkraft wurde vor ein paar Wochen sieben und ist somit im Raster der „rechtserheblichen Altersstufen“ in die Phase des unmündigen Minderjährigen eingetreten. Diese Zeitspanne der Deliktsunfähigkeit hat das Redaktionsteam ausgenützt, um ein frisches, ein freches, kurzum ein lesenswertes Heft zu machen, wie wir meinen. Und bei aller Sympathie für Unbekümmert- und Unbeschwertheit haben wir uns für dieses Heft der Aufgabe gestellt, das reflektierende Thema verhalten zu behandeln, denn wie uns die vielleicht populärste verhaltenstheoretische These schon lehrt: Wir können uns nicht nicht verhalten, außer wir verhalten uns den Harndrang. Was uns so unbemerkt anhaftet – unser Verhalten – ist sowohl Ergebnis unserer Sozialisation als auch Objekt von lebenslangem Training. Täglich grüßt das Rollenspiel. Nicht nur mit der Arbeitskleidung ziehen wir uns Verhaltensmuster über, auch im Café stellen sich die wenigsten hinter die Theke, selbst wenn die Bedienung noch so lange auf sich warten lässt. Wir verhalten uns, und wir sind von klein auf gefordert, unser Verhalten zu optimieren. Dem Gegenüber, zwischendurch unbekannt und unsympathisch, haben wir bereits als Kind artig und verhaltenskonform die Hand gegeben und es uns untersagt, ihn gemeinhin eine A…geige zu nennen. Aber unser Verhalten hat trotz seines unguten pädagogischen Beigeschmacks nicht nur Nachteile. Angemessenes Verhalten kann das Zusammenleben von Menschen veredeln, genauso wie penetrantes Verhalten einem das Dasein verleiden kann, egal, ob man in einem besonderen Verhältnis zu diesen Menschen steht oder nur am Nebentisch sitzt. Zahlreiche Beiträge in diesem Heft geben Antworten auf Fragen, die bei Konrad Lorenz nicht zu finden sind. Christian Teissl liefert eine Analyse journalistischer Arbeit und dabei getätigter Fehlleistungen, Ann Cotten untersucht den Zusammenhang von Gemüsezubereitungsarten und kulturellen Befindlichkeiten, Hobbykicker Benedikt Narodoslowsky legt stellvertretend für einen großen Teil der Redaktion den Ballesterer in sich frei, und Kalle Laar hat seinen Vinylbestand gesichtet, um dort nach Instruktions- Schallplatten zu graben, die Verhaltens- Anleitungen für Gymnastik oder auch für den akuten atomaren Notfall sein sollen. Darüber hinaus gibt es einen gewohnt satten Rezensions- Teil zu aktueller Literatur und neue literarische Texte von Peter Rosei, Kerstin Kempker, Peter Campa, Martin Ross, Martina Ernst und Tom Schulz. „Die Grenzen meiner Klischees sind die Grenzen meiner Welt.“ Diese Diagnose hat Harald A. Friedl in seinem Essay über Wüstentouristen in Anlehnung an Wittgenstein formuliert. Wir hoffen, dass die schreibkraft Ihnen eine Hilfe ist, ein paar dieser Klischees zu überwinden und sich zu entgrenzen, auch auf die Gefahr hin, dass Sie dadurch verhaltensauffällig werden. Übrigens: Die Zitate, die Sie in den Beiträgen finden, stammen aus dem Buch Der gute Ton, einem Verhaltensratgeber, der in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschienen ist.