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ein fall

kerstin kempker | ein fall

 

 

Alte Männer fallen selten von Balkonen. Es mag schon einmal vorkommen, dass ein alter Mann, der nicht mehr weiter weiß, sich von seinem Balkon stürzt. Aber die Regel ist das nicht. Auch wenn alte Männer diejenigen sind, die sich am häufigsten umbringen, Bilanzsuizid heißt das dann, so ist es doch die Ausnahme, sich als alter Mann so mir nichts dir nichts über die Balkonbrüstung zu schwingen und herabfallen zu lassen. Eher schon erschießt sich einer, wenn er eine Waffe hat. Oft erhängen sie sich, lassen sich vor einfahrende Züge fallen oder fahren gelegentlich auch mit ihren Autos gegen Beton. Die Statistiken, die die entgangenen Lebensjahre zählen, bewerten solche Fälle als minder schwer. Es ist nicht mehr viel, was diesen alten Männern im Schnitt entgeht, zumal die Häufigkeit, mit der sie sich ums Leben bringen, mit dem Alter steigt.


So besehen wäre es keine große Sache, wenn ich mich jetzt entschließen könnte, mich einzureihen in die Statistik der unnatürlichen Tode, Untergruppe Suizid, Abteilung Bilanzsuizid alter Männer. Kein Hahn kräht nach mir. Wenn die Arbeit weg ist und die Frau, der Körper aufmuckt und seinen Verfall vorbereitet, wenn einen niemand mehr sieht und hört und man auch selber immer schlechter sieht und hört und die Arztbesuche zu den großen Ereignissen des Lebens werden, dann ist es nicht allzu verwunderlich, wenn einer sagt, danke es reicht, und dem Ganzen ein Ende bereitet. Die Frage ist ja nicht, warum einer sich umbringt, sondern warum bringt einer sich nicht um, der alles schon hinter sich hat. Warum soll er warten, bis er verhungert, vertrocknet, verkalkt und versorgt ist. Die einzige wirkliche Entscheidung, die einer wie ich noch treffen kann, betrifft das eigene Ende.  Wenn es so weit ist, dass man schon die kleinen jämmerlichen Entscheidungen des Alltags über das Aufstehen, das Essen, das Fernsehprogramm, den Wäschewechsel und die Ausgabe des wenigen Geldes nur noch mit Mühe treffen kann, dann wird es Zeit, sich die einzige noch wichtige Frage zu stellen. Wie lange noch? Den Sommer, wenn er nicht zu heiß ist, nimmt man noch mit, der Herbst bringt einen dann auf den Geschmack, und zum Jahresende will die Sache entschieden sein.


Nach Temperament und Möglichkeit wählt man den persönlichen Abgang. Der gezielte Schuss, auch Gnadenschuss genannt, in den eigenen vier Wänden und, wenn man niemanden stören will, in der Silvesternacht, das ist eine klare Sache. Man bestimmt Ort und Zeit, das Werkzeug liegt bereit und wird noch einmal geputzt und geprüft. Kein Kind, dem man auf den Kopf fallen kann. Kein Eisenbahner, der mit einem Schock ins Krankenhaus muss und ein Trauma davonträgt. Rücksichtsvolle alte Männer tun es im Bad. Man räumt auf, kämmt und rasiert sich, zieht den Ausgehanzug an, Straßenschuhe, eine Stilfrage. Man könnte die Wohnungstüre öffnen, um bald gefunden zu werden. Im Idealfall klärt man die Beerdigungsmodalitäten und legt die Papiere bereit. Dann schaut man vielleicht bei den Nachbarn vorbei, ruft den einen oder anderen noch einmal an und sagt diskret adieu.


Ich finde, das sollte man tun, bevor man geht. Auch den Müll sollte man leeren und die Wohnung ein wenig saubermachen. Alles, was man vor Antritt einer größeren Reise früher getan hat, denn verreist sind alte suizidwillige Männer in der Regel schon lange nicht mehr, all das sollte man erst recht vor dieser Reise tun. Ich weiß natürlich, dass sich nicht alle daran halten. Es ist nicht so, als würde ich das nicht verstehen. Auch unter uns Bilanzsuizidlern gibt es eine Art Kurzschluss, eine ungerechtfertigte Eile, ein störrisches Jetzt-oder-nie, diese merkwürdige Angst, hinter den eigenen Mut zurückzufallen.


Ich habe mich für den Balkon entschieden. Wenn ich den Blumenkas­ten, in dem schon lange nichts mehr blüht, herunternehme und den Tritthocker davorstelle, komme ich ohne Mühe auf das Mäuerchen, setze mich und stoße mich zügig ab. Mit dem Kopf voran möchte ich nicht fallen. Tief genug ist es. Ich lande auf den Pflastersteinen neben den Müllbehältern. Damit ich nicht da liege, wenn gerade ein Kind den Müll einwirft, meist sind es ja Kinder, am häufigsten Jungen, die hiermit beauftragt werden, um das zu verhindern, werde ich es am frühen Morgen tun an einem Tag, wo die Müllabfuhr bald darauf kommen muss. Die Müllmänner sind hartgesottene Leute, die haben das sicher schon öfter erlebt. Die werden zu ihrem Wagen gehen, per Funk die Polizei informieren und eine kleine ungeplante Pause einlegen, eine rauchen, einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne nehmen und warten, bis alles erledigt ist und sie weiterfahren können.


Sechs Stockwerke liegen unter mir, dreißig Meter freier Fall, schätze ich. Wie lange werde ich fallen? Regen fällt im Schnitt in einer Sekunde fünf Meter, Hagel legt schon fünfzehn Meter zurück in dieser Zeit. Ich bin nicht sehr schwer. Viel Zeit wird mir nicht bleiben, schätzungsweise zwei Sekunden. Und doch weiß ich, dass die Zeit sich im entscheidenden Moment dehnt. Als Kind bin ich einmal fast ertrunken und habe in den wenigen Sekunden, die es dauerte, bis mein Vater mich nach oben zog, über die Länge der Zeit nachgedacht. Ich habe gewusst, dass ich sterbe, und war erstaunt, wie leicht und wie langsam es geht. Es war ein schöner Moment, vielleicht schöner als alles danach.  Geschützt und umhüllt vom Wasser bin ich gleichzeitig gesunken und geflogen, alles in mir hat gelächelt. Ich habe es keinem erzählt. Mein Vater hatte es eilig, mir das Schwimmen beizubringen. Und so scheidet Ertrinken jetzt aus. Aber ich stelle mir vor, dass Fallen ähnlich ist.


Die Vorbereitungen sind immens. Ich muss die Gewohnheiten der Leute erkunden, die unter mir wohnen. Denn der Gedanke, vor den Augen eines schlaflosen Menschen, der eben zum Luftschnappen und um die Sterne zu suchen im Schlafanzug auf seinen Balkon tritt, vom Himmel zu fallen, ist mir unangenehm. Ich werde ihnen allen einen Besuch abstatten und in einem oder wenn nötig in mehreren Gesprächen erfahren, wann mein Vorbeifallen sie am wenigsten stört.


Die Wohnungen unter mir sind wie meine Wohnung geschnitten, zwei Zimmer, Küche und Bad. Man betritt einen langen schlauchartigen Flur, geht links in die ebenfalls schmale, mit weißen Schränken ausgestattete Einbauküche und geradeaus ins Wohnzimmer, an dessen Fensterfront der Balkon hängt. Im Grundriss ist vor dem Fenster eine Sitzecke eingezeichnet, auf der gegenüberliegenden Seite die Schrankwand mit Fernseher und zur Küche hin ein Tisch mit vier Stühlen, die Essecke. An ihr vorbei tritt man ins Bad, Waschtisch, WC, Wanne, ein kleines Fenster. Rechts geht es ins Schlafzimmer, das im Plan mit einem Doppelbett und einem Kleiderschrank gefüllt ist. Das Fenster geht wie der Balkon zum Hof. Wir haben die Wohnung damals, als sie noch lebte, nach diesem Plan eingerichtet. Es ergab sich so, anders hätte es keinen Sinn gemacht, auch wenn es mich immer gestört hat, dass die Architekten des Hauses mit ihren Mauern, Wandnischen, Kabeldosen und der Ausrichtung der Türen uns exakt vorschreiben, wie wir uns einzurichten haben. Ein- oder Zweipersonenhaushalte vermute ich unter mir, eventuell auch Alleinerziehende mit zwei Kindern, die sich das Schlafzimmer teilen. Sechs bis achtzehn Personen leben unter mir. Sicher bin ich dem einen oder anderen von ihnen schon einmal im Aufzug begegnet oder bei den Briefkästen im Eingang. Aber man weiß ja nicht, wer in welcher Wohnung lebt.

Am wenigsten weiß man in solch einem Haus, wer unter einem lebt. Zwischen sieben und acht Uhr am Abend werde ich meine Besuche machen. Nach dem Abendbrot und vor den Nachrichten, anders gehört es sich nicht. Ich brauche einen Grund. Es soll beiläufig wirken, und doch will ich alle Zimmer sehen und wer dort wohnt. Ich brauche einen Überblick. Der Heizungsstrang wäre eine Möglichkeit oder ein Wasserschaden.


Es gibt Probleme mit der Heizung, sage ich, an unserem Strang. Ich wohne über Ihnen. Haben Sie auch Probleme mit der Heizung? Wird es warm bei Ihnen? Ja, im Schlafzimmer. Vielleicht können wir mal nachschauen. Ich will morgen der Hausverwaltung Bescheid geben, einen möglichst genauen Problembericht möchte ich abgeben. Deshalb komme ich, darf ich eintreten, es dauert nicht lange. Oh, Sie bringen gerade die Kinder zu Bett, lassen Sie sich nicht stören. Wenn Sie gestatten, schaue ich selber mal eben nach. Vielleicht sind es auch nur die Ventile. Ja, man kennt sich nicht. Ich wohne schon bald dreißig Jahre hier. Nein, danke, ich will Sie nicht stören. Sie haben die Couch ja schon ausgeklappt. Sicher müssen Sie früh raus am Morgen. Das ist nicht leicht, so allein mit zwei Kindern. Es gibt ja auch kein Grün hier in der Gegend. Na, wenigstens haben wir den Balkon. Ach, den benutzen Sie nie, nicht einmal kurz zum Luftschnappen? Ja, das verstehe ich, es ist auch gefährlich. Man weiß nie, was Kinder so anstellen, wozu sie fähig sind in ihrer Neugier. Sie stehen in der Küche am Herd, und schwups. Kindersicherung, das ist gut, sehr vernünftig ist das. Ich will Sie nicht länger stören. Einen schönen Abend noch, eine gute Nacht.


Kommen Sie, sagt der alte Mann, ein Mann in meinem Alter, er wohnt unter mir.  Folgen Sie mir, die Farbe trocknet so schnell ein. Im Schlafzimmer, sagen Sie, sei der Wasserschaden. Schauen wir mal. Gucken Sie sich nicht um. Ich weiß, es ist ein Chaos. Aber ich finde mich zurecht, mir gefällt's so, und sonst kommt ja keiner. Wollen Sie auch ein Glas Wein? Hier, bitte. Ich bin gerade bei den Sanitätern. Die Jacken haben Leuchtstreifen. Im Dunkeln, sehen Sie, jetzt ist es dunkel, sie leuchten. Ich muss noch die Hosen anmalen und die Schuhe. Dann können sie trocknen. Es gibt sie auch fertig angemalt. Aber das ist zu teuer. Ich habe das alles selber gemacht, die Berge, hier der Tunnel, sehen Sie, zweigleisig fährt sie da durch. Schauen Sie sich ruhig alles an. Sie können sie fahren lassen. Hier verstellen Sie die Weichen. An der Stadt habe ich zwei Jahre gebaut. Am schwierigsten waren die Öfen. Ich wollte, dass sie rauchen. Die Kirchenglocke war auch nicht einfach, ihr Klang. Ich habe das alles vor Augen, im Ohr. Es muss so sein wie damals. Der Duft von gemähtem Gras, die Jahreszeiten, da sind noch viele Probleme, die ich lösen muss.


Morgen passiert hier der Unfall. Die Bahn wird entgleisen, ein Fehler am Stellwerk. Sie rast mitten hinein in den Trödelmarkt, der hier immer sonntags am Bahnhof, sehen Sie das Spielzeug, die kleinen Bücher. Ich wollte, dass man sie aufschlagen kann. Ohne die Lupe geht nichts mehr. Für das Notlazarett brauche ich noch die ganze Nacht. Aber dann, morgen Abend um acht passiert hier das große Unglück. Kommen Sie morgen um kurz vor acht. Dann sind Sie Zeuge, und übermorgen können Sie es lesen in der Zeitung, die hier in diesem flachen Gebäude aus der Maschine kommen wird. Tragisches Zugunglück in Undorf, wird groß auf der Titelseite stehen. Die Toten und Verletzten zählen wir dann. Vielleicht kann dem einen oder anderen noch geholfen werden. Aber der Sachschaden wird immens sein. So viel steht fest.


Vor zwei Wochen hat es gebrannt, die Feuerwehrleute waren eben am Feiern, hier im Roten Hahn, und natürlich sind sie zu spät gekommen. Wir mussten einen Jungen beerdigen, er ging noch nicht zur Schule, ist in seinem Bett verbrannt, lichterloh, das ganze Dach, Sie sehen es ja, ausgebrannt. Es war Zufall, dass ich gerade unten in der Küche war. Ich hatte Durst und stand mit einem Glas Milch am offenen Kühlschrank, ein alter Bosch, hier sehen Sie ihn, und das bin ich, barfuß im Schlafanzug, als über mir mein Bruder verbrennt. Die Brandursache wurde nie festgestellt. Ich weiß ja, wie es weitergeht. Das ist das Schlimmste. Zu wissen, was alles noch passieren wird. Morgen der Unfall. Werden Sie kommen? Sie kommen doch.