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ein rosenblatt vor dem mund

Über Katrin Mackowskis Kriminalroman und was Wien dabei verloren hat


Katrin Mackowski: Die falsche Frau

Antje Kunstmann: München 2005

Rezensiert von: hannes luxbacher


Anfang 2005 wurde ein Begriff lanciert, der für ein paar Monate als Etikett für diverse Neuerscheinungen aus österreichischem Lande funktionieren sollte: „Wien-Roman“. Beiträge über so genannte Wien-Romane irrlichterten plötzlich durch die Medien. Clarissa Stadlers N. Eine kleine Utopie wurde da ebenso genannt wie Eva Menasses (unfreiwillig labelbildender) Erstling Vienna. Mit dabei in der Riege dieser Aufzählungen auch Katrin Mackowskis Kriminal- und Debütroman Die falsche Frau. Der Klappentext signalisiert Weltläufigkeit, hat der Protagonist doch eine Vergangenheit als Fremdenlegionär vorzuweisen, und gebündelt wird die weite Welt also in der Gegenwart von Österreichs einziger Weltstadt. Doch leider bleibt die Welt genauso ausgespart wie weitgehend auch Wien. An sich hat Die falsche Frau alles, was ein Plot so braucht, um alleine stehen zu können: Protagonisten mit einer randvollen Vergangenheit als Legionäre, eine schöne Tote aus dem Rotlichtmilieu, eine Psychologin und einen ermittelnden Kommissar, zwischen denen eine latent erotische Spannkraft wirkt, eine parallel ermittelnde Journalistin mit Ansätzen zur Seitenblicke-Oberflächlichkeit und allerlei zusätzliches Personal, vom ehrgeizigen Nachwuchsermittler bis hin zum schmierigen Drogenboss.

Alle Figuren leben – wieder oder immer noch – in Wien, was die Autorin dazu anhält, tourismusbekannte Schauplätze wie den Theseustempel im Volksgarten als lokales Färbemittel einzusetzen. Bedauerlicherweise sind diese Schauplätze aber so blass gezeichnet, dass sie durch nahezu jeden anderen Schauplatz auf dieser Welt ersetzt werden könnten, ohne dass es weiter auffallen würde. Ein Subtext ist den Orten nämlich nicht eingeschrieben, es bleibt beim Klischee. So ist Wien weder inszeniert noch notwendig, alles könnte genauso gut in Bad Aussee spielen, dann hätten die Toten zwar mit großer Wahrscheinlichkeit statt der hier gewählten Rosen Narzissen im Mund, was beim etwas offensichtlichen Umgang Mackowskis mit Symbolen aber auch egal wäre. Natürlich ist es kein Qualitätskriterium, ob der Roman sich als passend zum Etikett präsentiert und spricht die Diagnose eher gegen die Torheit der Literaturkritik, immer wieder und regelmäßig Labels bilden zu müssen, die ohnedies kaum haltbar sind, und schließlich kann ja die Autorin nix dafür, dass jetzt gerade der Wien-Roman ausgerufen wurde. Aber der oberflächliche Umgang der Rezensenten mit greifbaren Markierungen findet in Mackowskis Roman gewissermaßen eine Entsprechung, denn die Autorin geht mit den Elementen des Kriminalromans und mit ihren oben skizzierten Zutaten leider ebenso wenig präzise um. Dabei sind die Prämissen gut, nur entwickelt sich der Text weder zu einer tiefer gehenden Geschichte über Verrat in einer Männerfreundschaft noch zu einem psychologischen Planspiel, das er mitunter zu sein vorgibt. Im Grunde ist Die falsche Frau nicht mehr als das gediegene Arrangement ausgewählter Versatzstücke gegenwärtiger Krimis, bleibt dabei aber so leblos wie noch die schönste Leich'. Der raffinierte Roman jedenfalls, der am Buchrücken angepriesen wird, war nicht zu finden.

Übrigens: Das Groteske am Label „Wien-Roman“ ist, dass der beste Titel zu spät erschienen ist, um von ihm zu profitieren, nämlich Peter Roseis Wien Metropolis.