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feind hört mit

werner schandor | feind hört mit

Was ich denke, dass du denkst, dass ich denke

Wer ist dieser Typ, der da an der Bar steht? Was macht er da? Warum schaut er so? – Es gab eine Phase, da war ich mir selbst verdächtig, wenn ich abends in meinem Stammbeisel an der Bar lehnte, und zwar so verdächtig, dass es mich nicht überraschte, dass mich die anderen Gäste notgedrungen für einen schlecht getarnten Spitzel des österreichischen Geheimdienstes hielten, da ich selbst meinen Freunden, kam mir vor, irgendwie suspekt sein musste; um wie vieles mehr erst den fremden Leuten, die sich in diesem schon damals – Anfang der 90er-Jahre – veralteten New-Wave-Lokal tummelten. Ich machte eigentlich nichts Besonderes, aber ich bemerkte, dass die anderen merkten, dass ich selbst mein Verhalten auffällig fand, wie ich da so betont unauffällig an der Bar lehnte. Ich steckte gewissermaßen als zweite Haut in mir, als Körper im Körper wie eine russische Puppe, wobei der Innenkörper den Außenkörper derart stark wahrnahm, dass es großer Anstrengungen bedurfte, locker zu tun und cool zu sein. Aber das glückte ohnehin nicht. Während ich an der Bar lehnte und nach meinem Bier griff, zog ich mich in Zweifel.

Bist deppert?!
Oida, was gaffst du so? Was gibt’s so deppert zum Schauen? Hast du noch nie einen Menschen gesehen? – Keine der Bewegungen im Lokal entging meinem Blick. Ich sah, wenn wer aufs Klo ging, wenn sich jemand eine Zigarette anzündete oder dezent ein paar Papers aus der Rizla-Packung zupfte, um sich unter der Tischkante auf die Schnelle einen Joint zu drehen. Und vor allem registrierte ich in Überschärfe, wie seltsam es im Grunde war, auf zwei Beinen zu stehen und nicht von der Schwerkraft erbarmungslos zu Boden gezogen zu werden. Wie wenn man beim Radfahren infrage stellt, warum dieses Kunststück eigentlich so fraglos funktioniert, dass man auf einem Fahrrad sitzt und lediglich auf zwei schmalen Gummiflächen von – sagen wir – 4 x 10 Zentimeter Größe auf dem Boden haftet (oder auf zwei Schuhsohlen der Größe 43).


Labiles Gleichgewicht
Wenn man dieses labile Gleichgewicht, dem man ansonsten fraglos vertraut, erst einmal in Zweifel zu ziehen beginnt, dann ist man nur noch um Haaresbreite vom gefährlichen Moment entfernt, an dem ein Kippen aus der ohne alles Nachdenken hingenommenen, normal genannten Welt möglich ist bzw. nicht nur möglich, sondern plötzlich wirklich und wirksam.
Während ich also in meinem ehemaligen Stammbeisel an der Bar stand und nach außen vermutlich ein wenig fahrig nach meinem Bier griff und eine Spur nervös an meiner Zigarette saugte und während vielleicht mein Körper in Ansätzen signalisierte, dass er subkutan auch den Rhythmus der Musik aufgenommen hatte und ich mit den Fingern auf der Bar trommelte oder mit dem Kopf wippte, während ich zugleich aus den Augenwinkeln mein Umfeld beobachtete, da – in diesem Moment – kippte ich in Wahrheit durch Wirklichkeitsschichten und war im freien Fall, ohne mir selbst zuzufallen. Ich war mir jeder meiner Bewegungen bewusst – des kleinsten Wippens, des Aufschlagens der Fingerkuppen auf der glatten Oberfläche der Bar –, und ich bemühte mich, ihnen den Anschein des Herkömmlichen, Unauffälligen, Unbedeutenden und Nebensächlichen zu geben, sie also so beiläufig auszuführen wie nur möglich. Doch es nützte nichts. Allein das hypertrophe Bewusstsein um meine verhaltenen Bewegungen, das ich im krassen Gegensatz zum Alltagsbewusstsein in Durchschnittsstimmungen wusste, machte mich in meinen Augen – den Augen des russischen Puppenkörpers der zweiten Ordnung – notgedrungen für mich selbst verdächtig. Und ich hielt es für unwahrscheinlich, dass nicht auch anderen ein Verdacht kam. Beziehungsweise: Ich hielt es sogar für sicher, dass den anderen ein Verdacht kommen musste, wenn sie mich sahen. Schließlich war die Wende erst kurz davor vollzogen worden. Der Kalte Krieg bestimmte noch das Denken, Fühlen und Ahnen der Leute. Jeder Zweite war undercover unterwegs. James Bond hatte Hochkonjunktur.


Alles paletti
Was denke ich? Was denkst du, dass ich denke? Was denkst du, dass ich denke, dass du denkst? – ... und man kippt und kippt und sinkt und sackt ab, und plötzlich zieht einen alles zu Boden, wenn man nicht mit letzter Kraft versucht, den Anschein der Normalität zu wahren: Nein, ich bin kein Spion! Nein, mir geht’s supi! Vielleicht hätte ich das Gerät vorher dezenter dosieren sollen. Aber ansonsten: Alles paletti.


Im Spiegelzimmer
Die Adoleszenz ist ein verspiegelter Raum, und wohin man auch schaut, erblickt man sich selbst: Als Star, als Held, als Opfer, als Fremder, als Tragödie, als Spitzel in dieser Welt, als Woody-Allen-Film, als schlafender Vulkan, als Rollenhäutung, als kubistisches Selbstporträt. Die Spiegelung in den Fliesen hinter den Gläserregalen zerhackt einem das Gesicht. Als Youngster ist man auf sich selbst zurückgeworfen und mit der großen Aufgabe beschäftigt, als Einzelner – ohne Mamapapaomaopaonkeltante – in dieser Welt zu bestehen. Ganz allein. Als Ich. Nur welches? Gebt mir eine Rolle! Lasst mich nicht als Geheimdienstler an der Bar zurück!
Inzwischen haben andere meinen Platz eingenommen. Das Ambiente hat sich verändert. Das New-Wave-Lokal ist einer auf kubanisch gestylten Bar gewichen. US-Kulturembargo statt Kalter Krieg. Nur die Aufgabe für die Lokalbesucher unter 25 ist dieselbe geblieben: Möglichst lange an einem Getränk nippen, cool in der Gegend rumschauen, beiläufig Posen ausprobieren. Und das alles möglichst wohldosiert, um das Selbstbild nicht ins Wanken zu bringen.