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fiktionen eines chefredakteurs

christian teissl | fiktionen eines chefredakteurs

In der heimischen Medienwüste gedeiht ein besonderes Stilblütenbiotop

Die Kleine Zeitung ist so unentbehrlich wie nur wenige andere österreichische Blätter. Sie herauszugeben und unter die Leute zu bringen, ist eine kulturelle Tat ersten Ranges, die wohl nur von selbstlosen Idealisten zuwege gebracht werden kann. Insbesondere der politische Teil dieser Zeitung gehört in unseren Breiten zur täglichen Pflichtlektüre eines jeden Intellektuellen, was auch nicht weiter verwundert, wird er doch schließlich von wortgewaltigen Zeitkritikern und weit blickenden politischen Analytikern bestritten. Der Umstand übrigens, dass diese Zeitung einen Mann wie Michael Fleischhacker hervorgebracht hat, zeugt ebenfalls von ihrem Format und ihrer Bedeutung für das geistige Leben der Republik, wenn auch dieser scharfsichtige politische Denker und dilettierende Philosoph längst nicht mehr für sie schreibt, sondern sich lukrativere Plätze gesucht hat, um sein Licht leuchten zu lassen. Wie hoch das geistige Niveau in der politischen Berichterstattung dieser Zeitung auch ohne eine Größe wie Herrn Fleischhacker ist, zeigt bereits ein Blick auf die Artikel ihres Chefredakteurs, eines Mannes, der sich über den Unterschied zwischen politischer Analyse und Parteipropaganda stets kühn hinwegzusetzen versteht und außerdem die große Gabe zu besitzen scheint, Gerüchte und Fiktionen nicht nur in Umlauf zu bringen, sondern auch selber an sie zu glauben. – In der Ausgabe vom 28. November 2004 etwa veröffentlichte er einen Leitartikel, der offenkundig politisch gemeint war, dessen Titel jedoch, „Alfred und Angela“, an Kinderbücher gemahnt. Der Inhalt dieses Artikels ist ohne Belang, bemerkenswert aber ist sein letzter Absatz; darin heißt es: „Wolfgang Schüssel wird nicht zögern, Gusenbauer als Miesmacher hinzustellen. Er wird das Jubeljahr 2005 zur Stunde der Patrioten ausrufen.“

Gedankliche Tiefe
Eine solche gedankliche Tiefe gibt es nur in der Kleinen Zeitung, und nur hier erweist sich diese Tiefe als ein Abgrund, in den die Sprache stürzt, auf der Flucht vor einem zudringlichen Sprecher. Der Chefredakteur, das Musterbeispiel eines solchen zudringlichen Sprechers, hat auf seiner Verfolgungsjagd einmal mehr eine gedankliche Abkürzung genommen, die sich allerdings als ein Abweg erwiesen hat. Denn nicht abwägend, sondern abwegig ist die Analyse, die er in diesem Artikel vornimmt. Er betreibt hier, vermutlich ohne besondere Absicht, einen Personenkult um den derzeitigen Bundeskanzler. Er heroisiert ihn, er stilisiert ihn zu einem Herrscher über die Zeit. Denn wenn auch Wolfgang Schüssel – wie wir in den letzten fünf Jahren hinlänglich erfahren mussten – zu manchem fähig ist, so ist doch auch für ihn ein Jahr nicht länger und nicht kürzer als für alle andern. Die Behauptung, Schüssel könne ein Jahr zu einer Stunde verkürzen, entspringt jener krausen Metaphysik, wie sie in der Grazer Schönaugasse betrieben wird und wohl auch nur dort Gültigkeit besitzt und nirgendwo sonst.

Andere Zeitmaße
Für Chefredakteur Erwin Zankel müssen gänzlich andere Zeitmaße gelten als für unsereinen. Die Gegenwart scheint für ihn nur insoweit zu existieren, als sie sich auf die Länge eines Leitartikels bringen lässt; dem Vergangenen nähert er sich in Form von Prognosen und Spekulationen, während er über die Zukunft nicht selten im Perfekt spricht. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist die folgende Frohbotschaft, die er seinen Lesern in der Ausgabe vom 6. März 2005 verkündet hat:
„Zwischen 1996 und 2006 [sic!] ist das Bruttoinlandsprodukt von 182 auf 254 Milliarden Euro, also um 40 Prozent, gewachsen. Die Einnahmen aus der Lohnsteuer stiegen in dieser Zeit von 11,6 auf 17,8 Milliarden Euro, was trotz der angeblich größten Steuerreform der Nachkriegsgeschichte ein Plus von mehr als 50 Prozent ist.“

Aktualität in der Berichterstattung stellt, wie man sieht, für einen Journalisten vom Range und von den Ansprüchen Zankels kein erstrebenswertes Ziel dar. Der aktuelle Stand der Dinge genügt ihm nicht; er eilt seinen Lesern voraus in die Zukunft, um sie dort in der Vergangenheitsform über die jüngsten Entwicklungen in Kenntnis zu setzen. Der Chefre­dakteur der Kleinen Zeitung gehört somit zu jener raren Sorte von Journalisten, die sich in der Zukunft besser auskennen als in der Vergangenheit; er formuliert vornehmlich solche Behauptungen, die sich, wie in dem zitierten Beispiel, sinnvoll erst in zwei Jahren aufstellen und überprüfen lassen. Seine Artikel veralten daher auch nicht so schnell wie dies bei journalistischen Erzeugnissen für gewöhnlich der Fall ist, ganz im Gegenteil: Sie erscheinen viel zu früh.

Kühne Spekulationen
Wenn der scharfsichtige Analytiker Zankel aber seinen Lesern die jüngste Vergan­genheit zu erklären sucht, dann wird diese plötzlich geheimnisvoll und unverständ­lich. Die Spekulationen, die er dabei immer wieder, und ohne sich je von Fakten irritieren zu lassen, anstellt, übertreffen an Kühnheit bei Weitem seine sonstigen Analysen. In einem Leitartikel etwa, den er unter dem Titel „Wende ohne Gegenwende“ in der Ausgabe vom 30. Jänner 2005 veröffentlicht hat, kann man die folgenden Zeilen lesen:
„Fünf Jahre sind seit dem 27. Jänner und dem 4. Februar 2000 vergangen, als Viktor Klima zermürbt die Kanzlerträume aufgegeben hat und Wolfgang Schüssel mit seiner Regierung auf unterirdischen Schleichwegen zur Angelobung in die Hofburg gegangen ist, während oben auf dem Ballhausplatz zwischen Bundeskanzleramt und Präsidentschaftskanzlei Sprechchöre und Transparente gegen die Wende ankämpften. Österreich war im Inneren gespalten und vom Ausland geächtet.“
Zankel, für den seit dem 27. Jänner 2000 offensichtlich gleich viel Zeit vergangen ist wie seit dem 4. Februar desselben Jahres, scheint ganz genau zu wissen, was damals in Wahrheit geschehen ist: dass nämlich nicht allein hysterische Sprechchöre sich erdreistet haben, gegen die „Wende“ anzukämpfen, sondern auch etliche nicht minder aufgebrachte Transparente. Selbst in der Rückschau noch vermag er allenthalben inländische Feinde der im Ausland geächteten Regierung auszumachen, Feinde sogar dort noch, wo man sie gar nicht vermuten würde: im Unbelebten, in der Sphäre der Dinge. Der Aufstand gegen die erste schwarzblaue Koalition war, jedenfalls aus seiner Sicht, nicht nur ein Aufstand entsetzter Bürger, sondern auch einer der entsetzten Dinge und somit ein Einbruch des Irrationalen in die jüngere Geschichte.

Mann der Ratio
Der Chefredakteur zeigt sich hier, als Mann der Ratio, krampfhaft darum bemüht, die Sinnhaftigkeit der so genannten „Wende“ und der schwarzblauen Koalition, die sie ins Werk gesetzt haben will, gegen alle Irrationalismen zu bekräftigen und zu verteidigen. Seine diesbezüglichen Spekulationen lassen an Originalität nichts zu wünschen übrig: Hätte die geniale Strategie des Bundeskanzlers sich anno 2000 nicht durchgesetzt und reale politische Gestalt angenommen, so wäre, wie er schreibt, „der Durchmarsch Haiders zur stärksten Partei kein Albtraum geblieben“. Der Kärntner Landeshauptmann sei aber nun, wie Zankel weiter ausführt, dank des genialen Dompteurs Wolfgang Schüssel ein für alle Mal gezähmt, wenngleich ihn diese Zähmung nicht daran hindere, „auch künftig zwischen Wörthersee und Karawanken ein Störfeuer [zu] entfachen“. Der eifrige Apologet der „Wende“ bemüht hier nicht nur den politischen Konjunktiv und so beeindruckende Visionen wie jene des „Durchmarsches“ eines einzelnen Politikers zur stärksten Partei des Landes und des „Störfeuers zwischen Wörthersee und Karawanken“; auch seine Argumente sind an Scharfsinnigkeit nicht zu überbieten: „Faktum ist, dass die Regierung legitim zustande gekommen und seit fünf Jahren im Amt ist.“ Er, der Freund von Fiktionen und Spekulationen, verlässt sich am Ende, vorsichtig geworden, doch lieber auf die Macht des Faktischen.

Ohne Konkurrenz
Die Kleine Zeitung ist – das kann man an diesen Beispielen mühelos ersehen – unbestreitbar etwas Besonderes, und die Lektüre ihres politischen Teils ist immer ergiebig: Nirgendwo gedeihen so viele Stilblüten wie hier, und von wenigen anderen österreichischen Journalisten werden sie derart liebevoll gehegt und gepflegt wie von Erwin Zankel. Das ist ein Verdienst, das ihm niemand streitig machen kann, und gerade darin ist er landauf, landab gänzlich ohne Konkurrenz. Sein Blatt ist vor kurzem hundert Jahre alt geworden, und es hat die besten Chancen, noch einmal hundert Jahre lang seinen Lesern den Blick auf die Welt zu trüben und dabei die Trübung als einen Akt der Aufklärung zu verkaufen. Eine Zeitung, in der so vieles blüht und üppig wuchert, muss dem in der österreichischen Medienwüste umherirrenden Leser zwangsläufig als eine Oase erscheinen; dabei ist sie in Wahrheit ein Teil dieser Wüste und als solcher schlichtweg unverwüstlich.