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im anfang war das klischee

harald a. friedl | im anfang war das klischee

Über die (In-)Kompatibilität der Wirklichkeiten von Saharatouristen und Tuareg-Nomaden

Wahnsinn. Touristen sind alle irgendwie wahnsinnig. Aber das wissen wir schon lange. Das ist so neu wie die Weisheit, dass Marquis de Sade pervers war. Und der war, genau genommen, auch ein Tourist: pendelte zwischen seinem abgefahrenen Kastell in der Provence und den Salons in Paris hin und her und erforschte die sexuellen Reflexe der Bevölkerung. Tourismussoziologen würden sagen, der gute Mann hatte wohl einfach nur das Gemeckere seiner Köchin satt und sehnte sich nach dem etwas anderen Eumorphin-Kick: nach ruraler, unverbraucht-erdiger Erotik, verfeinert durch die experimentell penetrierte Phantasie seines erlesenen Standes. Insofern war de Sade tatsächlich ein prä-moderner Sextourist.

Bürgerliche Kulturreisende des 21. Jahrhunderts sind prinzipiell nicht anders motiviert als de Sade, auch wenn deren Verhalten eher meditativen Scholastikern ähnelt: Sie streben nach der ultimativen Erfüllung, nach der Begegnung mit dem Göttlichen, dem Absoluten, dem Erhabenen. Und wer die scholastischen Beschreibungen ekstatischer Gottesbegegnung liest, könnte hinter dem geistlich-philosophischen Autor genauso gut einen Thailand-Urlauber wähnen, der von seinem ultimativen Orgasmus mit einem exotischen Strandschmetterling stammelt; oder einen Sahara-Touris­ten, der im warmen Abendlicht den Gipfel einer hochragenden Düne erklommen hat, vor sich das schwarz-golden gefleckte Meer von Sandwogen, die hinaus in die Unendlichkeit treiben, fort in die Ewigkeit, wo Gott wohnt, die letzte Erfüllung – irgend etwas Sauberes, Unfassbares, das Nichts Nichtendes.

Der Unterschied gegenüber Scholas­tikern ist lediglich technologischer Natur. Er beruht auf der spezifischen Form der Verewigung einer vollzogenen Verschmelzung mit der erlebten Vollkommenheit. Statt eines kratzenden Federkiels auf Pergament hört man das surrealistische Surren und Stöhnen von futuristischen Foto- und Videokameras, in die irdischen Sphären zurückgeworfen durch leidenschaftliches Fluchen über den saublöden Flugsand im Gehäuse, den abgestürzten Akku oder den elenden Dunst, der die Sonne verschleiert und die Stimmung versaut. Und überhaupt ist die Luft scheußlich trocken, keine Dusche weit und breit nach der Dünen-Quälerei, und in allen Körperöffnungen kratzt Sand, wie nach exotischem Sex am palmengesäumten Tropenstrand.

Phänomenologische Schizophrenie
Wahnsinnig, wie gesagt, oder präziser: schizophren. Touristisches Reisen ist der kollektive, freiwillige Einstieg in die temporäre Schizophrenie, in der für teures Geld unter dem Kommando eines professionellen „Krankenpflegers“, des Reiseleiters, pausenlos zwischen zwei Wirklichkeiten oszilliert wird: die Welt vor der Kamera als prächtige Bühne des Paradieses, und hinter dem Sucher als schäbige Umkleidekabine, wo die mitgeschleppten Klischees abgetragener Erwartungen und verstaubter Rollenbilder hängen. Ich muss es wissen: Ich war fünfzehn Jahre Reiseleiter. Und zwanzig Jahre Tourist.

Neu ist dieses Psychogramm freilich nicht, existiert das Phänomen doch seit dem Auftreten der ersten Touris­ten. Wohlgemerkt: Touristen, nicht „Reisende“, denn der Tourist ist immer der andere, jener, der zwar gleichfalls dem Gott der Exotik huldigt wie sein Geistesbruder, doch mit dem fundamentalen Unterschied, diesem, dem „Reisenden“ im Bild zu stehen! Der Pöbel-Tourist auf den Brettern, die die Welt bedeuten!

Hierin liegt die Erbsünde des Touris­ten, der Urgrund seine Verfluchtheit, die Wurzel seiner universellen Schlechtigkeit. Dies erklärt die aufwendigen Anstrengungen von „Reisenden“, um ihr Seelenheil besorgt, in exotische Gefilde abseits der touristischen Trampelpfade zu gelangen, um jegliches Infektionsrisiko durch Kontakt mit dieser Paria zu minimieren.

Doch vergebens! Mit terroristischer Präzision wuchert die Seuche Tourismus stets dort, wo „Reisende“ bereits innig versunken die Begegnung mit ihrem (postmodernen) Gott mittels Kamera, Reiseführer oder Notizblock zelebrieren: das Flow-Erlebnis der Verschmelzung zwischen der Imagination stilisierter exotischer Orte einerseits und der diesem Imago entsprechenden „Wirklichkeit“, dem „wieder gefundenen“, erkannten Shangri La, andererseits: die Silhouette eines spärlich bekleideten Mädchens im Halbschatten von Kokospalmen, die Füße von Meeresschaum umspielt; der Schatten eines in weiße Gewänder gehüllten, würdevoll schreitenden Muezzins am Weg zum Abendgebet; die Szenerie eines mit Kamelköteln spielenden, entrückt lächelnden Kindes im härenen Nomadenzelt.

Doch wie kann diese kalte Fusion der Ekstase zu strömen beginnen, wie soll die Erhabenheit einer verschleierten Nomadin, den irdenen Wasserkrug elegant auf ihrem Haupte balancierend, ihr entrückt schlummerndes Kind in handgewobenen Tüchern an ihren Körper geschmiegt, von einem treuen Esel begleitet, auf Zelluloid zu visueller Ewigkeit gerinnen …

... wenn plötzlich ein Prolet in Plas­tiksandalen, Shorts und Baseball-Kappe ins Bild latscht und die arme Frau brutal mit seinem phallischen Objektiv vergewaltigt. Diese epidemische Respektlosigkeit treibt den sanftes­ten Reisenden zum Wahnsinn!

Touristen sind somit per definitionem immer die anderen, jene, die sündigen, indem sie vor anstatt hinter der Kamera in Erscheinung treten. Oder präziser noch: im wahrgenommenen Bild anstatt in der Person des Wahrnehmenden. Zwangsläufig kann darum immer nur der andere der „schlechte Tourist“ sein. Der explodierende Massentourismus aber – jährlich wälzen sich an die 800 Millionen Pilger auf ihren Pfaden in exotische Welten jenseits ihrer Heimatgrenzen, und ein Vielfaches davon begnügt sich mit der kultivierten Fremde vor der Haustüre – führt statistisch diese Sehnsucht ad absurdum. Sind doch kaum noch Orte denkbar, in denen sich Reisende auf ihrer Suche nach Entrückung nicht gegenseitig auf die Füße und ins Bild treten. Außer: die Wüste.


Sahara, touristenfrei?
Die Sahara ist – im Auge des „Reisenden“ – jener unermesslich weite, reine, glühend warme Sandgarten, aus dem Gott alles Überflüssige entfernt hatte, um ungestört lustwandeln zu können; ein Paradies mit phantastischen Dünen, Schatten leer spendenden  Dattelpalmen, grünen Oasen und blau verschleierten Nomaden, die erhaben und frei auf ihren Wüstenschiffen das unendliche Sandmeer überwinden.

Damit dieses Sahara-Bühnenbild, genannt „Erlebnisreise“, auch durchgehend funktioniert, bedarf es freilich am richtigen Ort und zur richtigen Zeit einer romantisch-komfortablen Unterkunft sowie eines sauber gekleideten, geschickten Kellners, der zum Sonnenuntergang den eisgekühlten Cocktail am plätschernden Pool serviert. Die logistische Genialität einer Terrasse liegt ja im kinoähnlichen Arrangement der Zuseher: Alle können ungestört, mit Coke und Popcorn versorgt, ungestört von Touristen sich am Wunder Wüste weiden, genießen, erleben, abheben ...

… vorausgesetzt, die Bauarbeiten wurden rechtzeitig abgeschlossen, und die Eseltreiber, am Weg vom Ziehbrunnen nach Hause, tragen nicht jene „N.Y.-Yankee“-T-Shirts und Kleine-Zeitung-Mützen, die Stunden zuvor von denselben Touristen großzügig verteilt wurden! Dann nämlich bricht das Bild, nichts ist mehr, wie es sein soll. Und schuld sind abermals – wie könnte es anders sein – die blöden Touristen neben mir!

Die Sahara ist – im Auge des Geografen – eine zehn Millionen Quadratkilometer große Zone, deren jährliche Wasserverdunstung höher ist als der Niederschlag, deren Temperaturen nachts weit unter den Gefrierpunkt fallen und tagsüber im – spärlichen – Schatten bis über 40 Grad klettern können. Diese vermeintliche „Sandkis­te“ ist tatsächlich nur zu 20 % von Sand bedeckt, und in weniger als der Hälfte davon finden sich Dünen! Wie lässt sich dann aber die Düne als Wüs­tenimage schlechthin erklären?
Noch im frühen 19. Jahrhundert erschien die Sahara als unbezwingbare, tödliche Zone für alles Lebendige. Überwindbar war dieses 6.000 km lange und 2.500 km breite Band aus Stein und Staub nur auf wenigen Karawanenrouten, die den Wasser führenden Oasenketten folgten. Diese liegen aufgrund geologischer Besonderheiten zumeist am Rande von Dünenfeldern. Dadurch bekamen die ersten europäischen Sahara-Forscher zwangsläufig viel häufiger Dünen als andere Wüs­tenformen zu Gesicht. Und schließlich waren diese Forscher – man will es nicht für möglich halten! – auch nur Männer, die sich generell für üppige (Landschafts-)Formen eher begeistern als für fade, öde Felsebenen. Heimgekehrt, mussten dieselben Forscher schließlich ihren Financiers quoten­trächtige Berichte abliefern. Zwangsläufig fanden so die wohlgeformten Rundungen unter dem warmen Sonnenlicht, garniert mit verschleierten, dunkeläugigen Schönheiten und edlen Wüstenrittern als pars pro toto der Sahara Eingang in die Bücher und Köpfe Europas.

Aus kommunikationspsychologischer Sicht lässt sich der resistente Erfolg des Dünen­images mit der Vertrautheit solcher geologischer Phänomene erklären. Sanddünen treten gelegentlich auch an europäischen Küsten oder Flüssen auf, sind somit Teil des europäischen Erfahrungshorizonts. Damit verfügen Europäer über nötige Analogien, um dem Wort „Wüste“ innerhalb ihrer doch sehr andersartigen Lebenswelt Bedeutung zuzuschreiben, um sich etwas „vorzustellen“. Denn wie lässt sich etwas vorstellen, begreifen, verstehen, was man niemals gesehen, berührt, er-fahren hat?

So begann die steile Karriere der Düne als Inbegriff der Wüste, ein Mythos, der in der Folge von der Abenteuerliteratur über den ästhetisierenden Reisejournalismus bis zu modernen Reisekatalogen dankbar aufgegriffen und verstärkt wurde. Galt es früher, Traumlandschaften entstehen zu lassen, so gilt es nun, die (erkaufte) Begegnung mit eben diesen Vorstellungen „Wirklichkeit“ werden zu lassen. Dabei folgt der Reisemarkt lediglich der inneren, zwingenden Sprachlogik der Tourismuskultur: Will das Angebot einer Sahara-Reise von potenziellen Kunden „verstanden“ werden, so kommt der Reiseveranstalter gar nicht umhin, mit entsprechend bedeutungsschwangeren „Begriffen“ wie Dünen und Nomaden zu jonglieren. Wollte man hingegen Mekka-Pilger ansprechen, so bedürfte es freilich anderer Reizbilder als Glutaugen auf Dünen.

Der Blick des Reisenden wird durch die ästhetischen Wahrnehmungsmus­ter seiner Kultur determiniert. Tourismusindustrie und touristisierte Bewohner formen diese Muster zu Material für massenmediale Re-Inszenierungen. Touristen hingegen modellieren den Raum als medial gefertigte Realität zur eigenen Lebensstilisierung. Diese beiden Prozesse sind zirkulär, der Tourist hat kaum Gelegenheit, diesem kulturellen Produktionsprozess der Symbole zu entkommen, denn selbst ein Blick hinter die Kulissen gibt nichts frei als die Sicht auf eine weitere Kulisse. Der Wahnsinn ist ausweglos, weshalb er wohl methodisch wurde: die gebuchte Reise als Kauf temporärer Heilserfüllung. Wie der Kauf einer Kinokarte, nur länger, umständlicher, staubiger, teurer. Aber „echter“?


Versklavte Bereiste
Pfui Teufel, wird der „wahre Reisende“ unweigerlich ob dieser infamen Vision einer unentrinnbaren Plastikwelt zetern. Leben in diesen „imaginierten“ Räumen doch „echte“ Menschen – Nomaden, Händler, Kinder und Frauen! Müssen sich diese denn die sklavische Rolle des edlen Wüstenritters aufbürden, der demütig dem erschöpften Fremden seinen letzten Bissen Brot anbietet, um das heilige Gastgesetz der Wüste zu erfüllen? Arabische Piefke-Saga? Folklorisierung oder Exotisierung als totale Unterwerfung einer Lebenswelt unter die Erwartungen zahlender Reisender? Tourismus als „semiotische Kolonialisierung“, wie der deutsche Tourismuswissenschaftler Karlheinz Wöhler dieses Phänomen kritisch nennt?

Erschüttert, ja verzweifelt wenden sich „Reisende“ von den verdorbenen, quasi-lederbehos­ten Pseudo-Nomaden ab, die vor begeistert knipsenden Horden ihre „entsinnten“ Tanzrituale abziehen. Tourismus als Untergang des Morgenlandes, als Vernichtung aller Würde, als Verhöhnung gutwilliger Völkerverständigung – denkt jeder Reisende, dem sein Nachbar ins Bild rennt.
Womit sich der Kreis schließt: Tourismus ist „gut“, solange der Orgasmus mit der Fremde funktioniert. Was aber, wenn er nicht funktioniert? Haben dann die Reisenden Anspruch auf Wiedergutmachung für unterlassene Erlösung? Für Gefährdung durch vorenthaltene Entspannung höchster Erregungszustände? Und vor allem: gegenüber wem? Gegenüber den Ziegenhirten, Wasserträgerinnen und Kamelreitern? Gegenüber den heimischen Bus-Chauffeuren oder Reiseleitern? Gegenüber den Katalogautoren und historischen Forschungsreisenden? Oder gar gegenüber dem Touristen nebenan?

Bei Schweine-, Ziegen- und sonstigen Hirten wird die Einforderung der Erlebniserfüllung schwierig, schon allein aus sprachlichen Gründen, denn wer von den Zwei-Wochen-Wüstenforschern ist üblicherweise des Arabischen, des Haussa oder des Tamaschek mächtig? Und selbst wenn ein eifriger Reisender dank Schnellsiedekurs und Sprachführer sich verdienstvoll den überlebensnotwendigen Grundwortschatz aneignen konnte, wie sollte die inhaltliche Verständigung vonstatten gehen? Worüber sollten Kamelzüchter mit postmodernen „50+“-Hybridtouristen aus dem mobil-urbanen Freizeitmilieu reden? Über die schönen Dünen?


Völkerverständigung – worüber, mit wem?
Schon der Begriff „Landschaft“ selbst spiegelt eine Konzeption der Tourismuskultur wider, die Landbewohnern fremd ist. „Landschaften“ sind als Wahrnehmungsraster von Menschen zu verstehen, deren Alltagsleben sich fernab von naturnahen Landschaften in Betonwüsten, auf Autobahnen, in Mega-Erlebnishallen und Einkaufscentern entfaltet. Wie könnten diese Menschen – wir! – Natur als Lebensraum empfinden und deuten? Ob Wüste oder der Mars, solche der eigenen Lebens- und Bedeutungswelt fremden, eben „exotischen“(gr.: außerhalb des Ortes) Räume können gar nicht anders, als zur Projektionsfläche für Sehnsuchtserwartungen mutieren, denen eher Naturparks oder Golfplätze entsprechen als der ökonomisch genutzte Lebensraum von Nomaden oder von Slum-Bewohnern Kapstadts.

Wenn aber die fremde Bedeutung des lebensfremden Raums fremd bleiben muss, jenseits der Erfahrung des Reisenden, mit wem sprechen dann Touristen „in Wirklichkeit“, wenn sie sich mit einem Tuareg-Nomaden austauschen, und wen wiederum hat dieser Tuareg-Nomade „in seiner Wirklichkeit“ als Gesprächspartner vor Augen?

Eine zwischen 1999 und 2003 im westafrikanischen Sahel-Staat Niger unter Sahara-Touristen durchgeführte Untersuchung über deren Reisemotive und Erwartungen bestätigte die Vermutungen über die gängigen europäischen Vorstellungen von Tuareg-Nomaden: Diese seien würdevolle, stolze Bewohner der Wüste, unter denen traditionelle Werte wie Gastfreundschaft, Offenheit und Großzügigkeit sehr verbreitet seien. Auch seien Tuareg besonders schöne und zuweilen auch kriegerische Menschen.
Mit der gegenwärtigen komplexen und differenzierten Lebenswelt der Tuareg stimmen diese Beschreibungen so wenig überein, wie dies wohl für die Charakterisierung des „typischen Österreichers“ – selbst durch einen Österreicher – der Fall wäre (was immer das sei). Sprache reduziert komplexe Realität mittels Symbolen, und erstaunlicherweise versteht man sich gerade darum. (Am besten verstehen sich darum auch Mathematiker!)

Der Haken bei den genannten Tuareg-Images liegt im Detail: Kein Tuareg lebt in der – wasserlosen – „Wüste“, was technisch dauerhaft nicht möglich ist – außer (noch) in Las Vegas. „Offen und großzügig“ sind jene Tuareg, die es sich leisten können und sich dafür etwas erwarten: kommunikativ erfahrene Händler und Schmiede, die durch ihren Schmuck­handel vom Tourismus am meisten profitieren. „Schönheit“ wiederum ist bekanntlich reine Geschmackssache und von Allah sehr unterschiedlich verteilt, und „kriegerisch“ ist nur jene Hand voll Banditen, die seit dem Ende der Rebellion vor 10 Jahren gelegentlich zur Kalaschnikow greift, um eine fette Touristenkuh zu melken – und damit jenen Tuareg das Leben versauert, die vom spärlichen Tourismus zu leben versuchen.
Und die „Würde“? Deren Vernichtung durch den Tourismus verdammen am lautesten die „Reisenden“, in deren Augen die bereiste Bevölkerung durch das ziellose Verteilen von Bonbons und Kugelschreibern zu Almosenempfängern erniedrigt würde. Doch Vernichtung von wessen Würde? Die Bewohner des Bergdorfes Timia hoffen, nach ihrem Urteil über solche Geschenke befragt, von ihren ergatterten Trophäen geschwärmt. Wo exotische Zuckerln und Kugelschreiber Seltenheit sind, steigt deren Wert ins Unermessliche. Da wird ein Stift von Eduscho, OMV oder FH Joanneum einfach als „hip“ empfunden – als mindestens so prestigeträchtig wie andernorts das rote BMW-Cabrio.

„Ihre Würde verlieren“ hingegen mit Sicherheit jene Touristen, die in Verzückung über die großen, leuchtenden Kinderaugen ihre Zuckerlvorräte verteilen und sich unweigerlich in Trauben von grapschenden, kreischenden Kinderhorden wiederfinden, die ihnen auf Schritt und Tritt folgen: Der Kollaps der Idylle ist garantiert!


Marsmensch Wüstentourist?
Und wen sehen nun die „Bereisten“, die in den Augen der „Gutmensch-Reisenden“ ihre Unberührtheit an wilde Touristenhorden verlieren, verdorben zu verächtlichen Kommerz-Sklaven? Erkennen sie den Unterschied zwischen den edelmütigen Reisenden und den niedrigen Touristen?

Als „Touristen“ erkennen die Menschen von Timia einen Fremden, der offensichtlich grund- und ziellos herumreist, um sinnlose Dinge zum bloßen Vergnügen zu betrachten, zu fotografieren und für viel Geld zu kaufen. Dabei sind sie meist in Eile aus Angst, anderes zu versäumen. Fremde „Nicht-Touristen“ bleiben hingegen länger, nehmen sich Zeit für Fragen und Gespräche, um die Sorgen der Menschen zu verstehen und sie mit konkreter Arbeit längerfristig zu unterstützen. „Nicht-Touristen“ fallen somit unter die Kategorie der Forscher oder Projektarbeiter.

Als „besser“ gelten die „Nicht-Touris­ten“ keineswegs. Im Gegenteil, als hochmobile Melkkühe mit Geldmaschinen in ihren Taschen sind Tour­isten eine höchst beliebte, potenzielle Einnahmequelle, von denen erfahrungsgemäß so mancher sogar zum „Nicht-Touristen“ mutiert und mit einem Hilfsprojekt wiederkehrt. Wider alle Hoffnungen der „Reisenden“ wiederholt sich dieses ernüchternd pragmatische Wahrnehmungsschema weltweit. Zu kippen beginnt diese Brieftaschen-Beliebtheit zumeist dann, wenn die Zahl der Fremden explodiert, ihre Ausgabefreudigkeit hingegen implodiert. Déjà vu in Zürs, Zell am See und Zillertal.

Aber woher kommen nun diese Menschen in kurzen Hosen, die lebensfeindliche Dünen lieben, mit lauten Autos durch die Wüste rasen und dafür unvorstellbare Summen ausgeben? Europa assoziieren die meisten Tuareg, deren monatliches Durchschnittseinkommen bei wenigen Euro liegt, mit Reichtum und vielen Autos. Und Europäer? Welche Art von Mensch mag hinter der Figur des hetzenden, knipsenden, kaufenden Short-Trägers stecken? Europäer seien wissensdurstig und aufgeschlossen gegenüber Fremdem, meinten viele Tuareg. Auch müssten sie zwangsläufig sehr kompetent und intelligent sein, wenn sie so reich seien und komplizierte Maschinen beherrschten. Auffallend sei ihre ausgeprägte geistige und innere Individualität, die von einigen älteren Tuareg jedoch als „Ungläubigkeit“ kritisiert wird: Europäer würden alles in Zweifel ziehen und an nichts und niemanden glauben.

Stimmt alles irgendwie und ist doch voll daneben. Denn wer würde sich schon als „ungläubigen Geldschmatzer“ empfinden, und überhaupt: Was wissen die Ziegenhirten schon von den Problemen wie begrenztem Urlaubsanspruch, Kerosinzuschlag und Gewährleistung bei Internet-Buchungen?! Von der Glaubenskrise seit Enron ganz zu schweigen.


Wahnsinn in Sprach-Haft
Zwei Welten, deren Bewohner füreinander Aliens sind, wie kann hier Kommunikation überhaupt gelingen – was permanent geschieht? Warum läuft das Wunder Tourismus, ohne dass die ganze Welt längst zum Kulturbordell verkommen ist, wie die einen fürchten und die anderen hoffen? Warum geht es nicht allen Touristen wie Don Quixote, dessen Reisen, wie Jochen Schütze meint, aus lauter Wiedererkennung bestehe, und dessen von einer übermäßigen Sinnfülle geblendeter Blick nicht länger empfänglich sei für die Andersartigkeit der Welt? Dann müssten doch alle Touristen ständig in Fettnäpfchen treten oder unweigerlich Raubopfer werden, sobald sie sich über die Schwelle eines All-Inclusive-Ressorts wagten?

Was gelegentlich vorkommt, aber nicht ständig. Vielmehr leben immer mehr Menschen recht zufrieden vom Tourismus, und immer mehr Menschen reisen recht zufrieden in fremde Welten. Liegt die Lösung vielleicht darin, dass sich die Menschen für den äußeren Betrachter, sagen wir: den Tourismusgott, nur noch darin unterscheiden, ob sie in oder außerhalb der Gummikammer sitzen?
Wenn aber jeder meint, er selbst sei der Wärter und alle anderen seien die Verrückten, wo liegt dann das Problem? Vor allem, wenn der Wärter selbst auf Urlaub fährt?

Kann es denn sein, dass wir bislang über Kommunikation – und insofern von der Verständigung zwischen Völkern gleichermaßen wie zwischen Eheleuten oder One-Night-Stand-Kandidaten in Thailand – reichlich wenig sagen können, außer dass sie mehr oder minder funktioniert? Dann müsste man mit Wittgenstein sagen: Die Grenzen meiner Klischees sind die Grenzen meiner Welt. Und moralische Werte sind weiter nichts als Klischees – und somit alles, was wir haben. Sie sind der Anfang und das Ende. Dazwischen ist ein Prozess des Dahinwurschtelns. Mehr lässt sich nicht sagen.

Es ist zum Wahnsinnigwerden! Ein Königreich für eine Insel!