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im menschenzoo

roswitha rust | im menschenzoo

Über das sprachliche Verhalten

Eloquent und präpotent, omnipräsent und renitent. Oder: beredsam, überheblich, allgegenwärtig und widerspenstig. Oder: A Oaschgeign, de gern vü redt’, oiwei dabei is und si immer quer legn muass. Es gibt viele verschiedene Arten, etwas zu sagen – oder auch nicht zu sagen. Das menschliche (Sprach-)Verhalten ist ein gar komplexes, garstiges Ding. Wie oft passiert es, dass man mit einem leicht idiotischen Gesichtsausdruck dasteht und einfach nicht versteht, was einem das Gegenüber da sagen will. Ehrlicherweise muss man sich selbst allerdings zugestehen, dass es nicht immer nur am eigenen langsamen Auffassungsvermögen liegt; manche Zeitgenossen tun sich schwer, sich auszudrücken. Und kaum eine/r scheint sich wirklich auch nur annähernd an das halten zu wollen, was Paul Grice in seinen Konversationsmaximen als Grundlage für sprachliche Verständigung ansieht: „Make your conversational contribution such as is required, at the stage at which it occurs, by the accepted purpose or direction of the talk exchange in which you are engaged.“ Das klingt ja schön und gut, aber bei genauerem Betrachten erkennen wir es als nahezu unmöglich. Denn in Wirklichkeit sind selbst die „einfach“ strukturierten Sprechakte kompliziert.Zum Beispiel werden ironische Bemerkungen ziemlich häufig völlig missverstanden oder Sarkasmus als Kompliment aufgefasst. In der Tat gibt es Menschen, denen das so oft passiert, dass sie gar nicht mehr darauf hinweisen, wenn etwas falsch verstanden wurde, und die ihre Kommunikation auf diese übermächtigen „Fehler“ abstimmen. Aber: Fehler im eigenen Verhalten oder Kommunikationsproblem des Gegenübers? – Wer weiß das schon. Und das macht ja auch zum Teil den Reiz dieses Spieles aus.


Alice tut sich schwer
Man hat gelernt, sich des Zeichensys­tems der Sprache zu bedienen, sich in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten auf mehr oder weniger konventionelle Art zu verhalten. Dessen wird man sich oft erst bewusst, wenn man sich in einer Gesellschaft befindet, deren Codes man nicht kennt und folglich auch nicht bedienen kann: Man muss schon wissen, dass man in Nepal nicht in die Hände klatscht, um jemanden zu begrüßen oder ihm zu gratulieren, sondern um böse Geister zu vertreiben. Auch Alice tut sich schwer bei dem Versuch, mit den Bewohnern des Wunderlandes zu kommunizieren:

„I’m glad they’ve begun asking riddles – I can guess that,“ she added aloud. „Do you mean that you think that you can find out the answer to it?“ said the March Hare. „Exactly so,“ said Alice. „Then you should say what you mean,“ the March Hare went on. „I do,“ Alice hastily replied; „at least – at least I mean what I say – that’s the same thing, you know.“ „Not the same thing a bit!“ said the Hatter. „Why, you might just as well say that ‚I see what I eat’ is the same thing as ‚I eat what I see’!“

Obwohl wir also täglich Sprache benutzen, um uns zu verständigen, reicht ein bloß semantisches (rein inhaltliches) Verständnis des Gesagten nicht aus. Es braucht auch eine gewisse Form des Verhaltens, um tatsächlich so verstanden zu werden, wie wir es „meinen“. Wir setzen bestimmte Dinge voraus, ein „kollektives Wissen“, das die Basis für verbale und nonverbale Interaktion bildet. Unsere Sprache ist das Werkzeug, mit dessen Hilfe wir uns in der Welt bewegen: Wir lernen mühsam, uns dieses Werkzeuges zu bedienen und die Folgen dessen, was wir sagen, abzuschätzen. Und wir benutzen die Sprache: Um zu erreichen, was wir haben möchten, wir setzen sie ein – taktisch, klug, ehrlich, unvorsichtig, unverblümt, diplomatisch. Je nach Neigung, Ziel, Können und Kontext.

– Friend or foe? Bei geübter Rhetorik (die durch Mimik unterstützt wird) ist das nicht so eindeutig. Es gibt eine Grenze an Täuschung, die niemand gerne überschritten haben möchte. Prinzipiell ist es kein Problem, angelogen zu werden; aber Gnade dem Lügner, sollte der Belogene es herausfinden! Die meisten Menschen erwarten sich im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen ein „faires“ Verhalten: Man geht üblicherweise davon aus, dass das Gegenüber wahrhaftig ist, relevante Dinge äußert, Mehrdeutigkeiten vermeidet und halbwegs informative Dinge sagt. Man erwartet kaum einen verbalen oder tatsächlichen Schlag ins Gesicht, außer man ist gerade in eine Kneipenschlägerei verwickelt und ohnehin dabei, das nächstbeste verbale oder reale Stuhlbein auf dem gegnerischen Schädel zu zertrümmern.

Man wünscht sich also im Allgemeinen eine Kommunikationssituation, in der man immer weiß, woran man gerade ist und was gespielt wird. Das ist utopisch, und wir wissen es. Außerdem: Wo bleibt dann der Spaß an der Sache? Es gibt nichts Schöneres als einen verbalen Schlagabtausch, setzen doch Lügen und rhetorische Mittel wie die Ironie Kreativität frei. Kreativität, die uns auch dazu treibt, Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, uns mit Sprachspielen zu unterhalten. Die Macht der Sprache liegt in ihren Möglichkeiten – und die sind unendlich. Die Universalität der Sprache ist der Unbegrenztheit der Bibliothek Borges’ ähnlich; doch ist man (vielleicht im Alltag noch viel mehr als in der Dichtung) von bestimmten konventionellen Verhaltensweisen abhängig, die zu einem gewissen Grad bedient werden müssen, um sich in der Sprach-Gesellschaft fortbewegen und agieren zu können.


Körper lügen
Jetzt kann man entgegnen, dass die Körpersprache einen ebenso großen – wenn nicht größeren – Anteil an der (menschlichen) Kommunikation hat; der Gott mit den tausend Zungen möge mich davor behüten, dem zu widersprechen. Das Sprechen unterstützt die Körpersprache, kann sie aber auch überdecken, verformen und unterdrücken. Gute Lügner, Rhetoriker, Politiker – kurzum: Menschen, die mehr mit ihren Worten überzeugen müssen/wollen als mit Taten – lernen, ihre Mimik und Gestik zu kontrollieren und nur das nach außen treten zu lassen, was sie intendieren. So bleibt es letztendlich jedem selbst überlassen, innerhalb des Kontexts, in dem sich eine Form der Kommunikation situiert, zu entscheiden, welches Sprachspiel gerade gespielt wird – und ob man mitspielen will oder nicht. Sitzt man im Theater und schaut sich Hamlet an, ist es vermutlich kein Problem, am Ende relativ ruhig zu bleiben, wenn Hamlets Mutter versehentlich Gift trinkt, der Prinz von Dänemark mit Laertes gemeinsam im Duell stirbt und mehr oder weniger gleichzeitig auch noch den König tötet. Fände so etwas zuhause im Wohnzimmer statt, würde man wohl kaum tatenlos zusehen (und garantiert auch nicht am Ende applaudieren). Beim Lesen eines Agatha-Christie-Krimis würde es wohl niemanden aufregen, dass da ein Ehemann seine Angetraute ermordet hat – im Regionalteil der Frühstückszeitung wäre man vermutlich eher entsetzt und zu einem mehr oder weniger sinnigen Kommentar gegenüber dem eigenen Ehepartner veranlasst.


Kunst-Welten
Kunst, Literatur und Theater geben uns die Möglichkeit, andere Wirklichkeiten als unsere eigene zu betrachten und so (über einen für viele Menschen ziemlich umständlichen Weg) Erkenntnisse über die Welt, in der wir leben, zu erhalten. Diese „Kunst-Welten“ verlangen einen anderen Zugang als unsere eigene, alltägliche – sie erfordern ein bestimmtes Verhalten, das sich deutlich von alltäglicher Verhaltensweise unterscheiden kann, diese auch konterkariert und uns auf einer anderen Ebene zu Einsichten in unser aller Leben und Verhalten verhilft. Äußere Signale zeigen an, wann wir es mit solchen „künstlichen“ Verhaltensweisen zu tun haben und unsere Aktionen und Reaktionen dementsprechend auf die Situation abstimmen müssen: Bei einem Theaterstück sind das allein schon das Gebäude, die Bühne, die Schauspieler (gekennzeichnet als solche durch Kostüme etc.). Wie viel wir von dieser „anderen Realität“ in unsere Wirklichkeit hinüberretten können, ist unsere eigene Sache.


Aus dem Rahmen fallen
Wir üben beständig, wie man sich in konventionellen Situationen verhält; wir lernen von Kindheit an die Regeln, die zu diesem Spiel gehören und die es in Variationen anzuwenden gilt. Wir wissen, was wir zu tun haben: beim Bäcker am Morgen genauso wie beim Stellen eines Kreditantrages in der Bank, bei einem Fußballmatch oder einer Premiere von Mozarts Zauberflöte – man hat die konventionelle Norm gelernt und entscheidet nun nach eigenem Gutdünken, ob man sie bedienen oder „aus dem Rahmen fallen“ will. Diese Entscheidung ist nicht immer leicht, besonders dann nicht, wenn sich verschiedene Realitäten zu vermischen scheinen. Wenn wir nicht eindeutig entscheiden können, ob eine Situation nun „real“ (oder was die Mehrheit der Menschen darunter versteht) oder nicht real ist, werden wir unsicher. Wir müssen uns für eine Seite entscheiden (zumindest denken wir das automatisch) und unser Verhalten entweder auf eine wirkliche oder fiktive Begebenheit abstimmen. Doch solche Situationen sind eher die Ausnahme und werden gern in das Reich der Literatur und Kunst verbannt – ein Universum, das so unendlich weit und verwinkelt ist, dass man bei jedem Schritt und jedes Mal, wenn man um die Ecke biegt, gleichzeitig Neues und Altes, Unerhörtes und immer schon Dagewesenes entdecken kann. Ich selbst zum Beispiel spaziere gerade in einer Mußestunde durch Combray und plane meine nächste Reise. Doch vorerst werde ich mich nur gemütlich mit dem Regionalteil aus Arthur Conan Doyles The Baskerville Times zum Mittagessen zurückziehen, bevor ich mich dann zu meinem täglichen Tee mit dem Märzhasen und dem Hutmacher treffe.