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... in siedendem schlaf

Heftig und deftig: Lukas Kollmers Prosa


Lukas Kollmer: "Schlächtervergessen" und "Nihil"

Luftschacht: Wien 2005

Rezensiert von: christoph d. weiermair


„Ich will nicht viele kleine Schlückchen machen, nur um länger leben zu können.“ Ein Satz aus Lukas Kollmers jüngstem Roman, Schlächtervergessen, ein paar Worte unter vielen, die vielleicht den Anspruch erheben können, etwas über die Literatur des jungen Wiener Autors auszusagen. Es ist eine kantige, heftige, hämmernde Prosa, der man sich unvermittelt ausgesetzt sieht, gleich der Wirkung eines satten Zugs aus einer Tequila-Flasche.

Haarsträubender Streifzug
Ein haarsträubender Streifzug durch Südwesteuropa: Vom französischen Montpellier gelangt der Ich-Erzähler, „Zarathustras Sohn“, nach Spanien, um in Madrid von seiner Familie gequält und gefoltert zu werden, in einem alten Kino dem Teufel aus Frankreich zu begegnen und in der Kathedrale von Toledo Heiligenstatuen zu schänden. Der Protagonist lässt sich durch die Städte treiben, sitzt in Cafés und beobachtet die Menschen: „Ein Herr mittleren Alters schien mir besonders zufrieden: Er trug eine schwarze Ledermaske und aus seinem Arschloch baumelten bündelweise warzige Krampfadern. Ich sage euch: Diese verdammte ständige Fresserei hier.Aber es ist so eben Sitte im Süden, am Meer der Mitte. Pardon & Merci – dann ist alles erlaubt.“ Auf Steaks sind „liberté“, „egalité“ und „fraternité“ eingebrannt, die Eindrücke eines McDonald’s-Besuchs bestärken Zarathustras Sohn in der Annahme, „was für ein makabres Dreck­schwein man war, wenn man dort aß.“


Makabres Dreckschwein
Doch auch Lukas Kollmer könnte man vorwerfen, ein „makaberes Dreckschwein“ zu sein, wenn er etwa schildert, wie beim Koitus mit einer Heiligenstatue in der Kathedrale von Toledo „salzweißer Sand unter meiner Vorhaut hervorrieselte. Und dann kam dieser ganze Sand aus der heiligen Vagina gerieselt und ich versuchte, ihn mit beiden Händen aufzufangen.“ Oder wenn er schreibt: „In einigen der heil gebliebenen Sektgläser lag zentimetertief Sperma, andere schienen davon leer getrunken. An den Rändern Reste von Lippenstift.“

Worum es in Kollmers Schlächtervergessen geht, bleibt schleierhaft: Voller Anspielungen und Bilder, voll mythologischer und philosophischer Exkurse, voller Gesellschafts- und Kulturkritik, existenzialistisch und expressiv, kann sich eine jede und ein jeder seine eigene Interpretation zusammenzimmern. Bestimmt aber wird es eine wirre bleiben, eine ungefähre. Es geht um das Leben und die Sehnsucht nach dem Tod, um die Ziel- und Sinnlosigkeit, um Hass und Erfüllung. Ein Roman, der sich auf einem denkbar schmalen Grat zwischen Genialität und intellektuell aufgeblasenem Schund bewegt.
„Seit Wochen liegt nur mehr diffuses, abschreckendes Licht über der Stadt. Ein täuschendes Licht. Ein Licht, das alle Gesichter rosig und fleischig erscheinen lässt. Ein Licht, das uns glauben macht, wir wären am Leben. Doch es ist nur das schöne Kerosinlicht eines verwüsteten und rastlosen Planeten.“

Abgefuckte Orgie
Nihil, Kollmers Erstlingsroman aus dem Jahr 2003, ist eine Orgie aus Gewalt, Sex, Tod, Grausamkeit, Negation, Depression, Einsamkeit und Selbstentblößung, Weltschmerz und Aussichtslosigkeit, realistischer zwar als Schlächtervergessen, besser, aber noch brutaler. Ein Ich-Erzähler, der irgendwie an den Brecht’schen Baal erinnert, schildert Ausschnitte aus seinem Leben: Momentaufnahmen, Seelenzustände, Lüste, Liebesschmerz, Gewaltphantasien, Obsessionen in der Großstadt. Es muss sich fast um Wien handeln: Kaffeehäuser, Kellerlokale, Etablissements an der Peripherie und versiffte Wohnungen; Huren, Dominas, Alkoholiker, Junkies, psychisch und körperlich Kranke; Schnaps, Koks und Gras; Messer und Pistolen.


Er hasst diese Welt
Der Protagonist ist labil, schwebt zwischen Zuständen österreichischer Normalität und alpenländischer Anomalie, er ist arbeitslos, nimmt Drogen, säuft, raucht und schreibt. Und er hasst diese Welt. Er hasst die menschliche Kälte, obwohl er selbst eisig ist, er hasst Profitgier und Technokratie, er kritisiert den klassischen Lebenswandel der Spießbürger, und trotzdem verachtet er die Gescheiterten, die Obdachlosen und Huren. Er geht regelmäßig zu so genannten Job-Coachings, wo er vom Arbeitslosen zum Arbeitssuchenden befördert wird und dynamische Bewerbungsschreiben inklusive der persönlichen Erfolgsstory verfassen soll – aber nicht will, weil ihm das ganze Sys­tem zuwider ist. „[…] irgendwann sitze ich in meiner Wohnung und warte. Dann ziehe ich viel Kokain, höre auf zu warten und starre. Dann höre ich auf zu starren. Zelle um Zelle ströme ich in ein albtraumhaftes Vakuum der absoluten Ratlosigkeit. Zeile um Zeile verstreut mein Ich sich in diese Welt. Kein Glaube, keine Liebe, kein heilender Gedanke. Wenn ich dem keinen Ausdruck verleihen kann, so muss ich mich töten.“


Autorenmorgen
Lukas Kollmer, Jahrgang 1976, schreibt seit zwei Jahren in der Reihe autorenmorgen beim jungen Wiener Luftschacht-Verlag. Nihil sieht er als eine Spielart dessen, was im Allgemeinen unter Avantgarde verstanden wird. Kollmer selbst will sich aber weder Avantgarde, Neo-Avantgarde oder Trans-Avantgarde zurechnen. Beeinflusst hätten die Arbeit an Nihil unter anderen Michel Houllebecq, Martin Amis, William S. Burroughs, Henry Miller und Friedrich Nietzsche. In jedem Falle aber seien sie alle keine Vorbilder, so der Autor. Die Vorbildfunktion gäbe es nur im Stadium der bewundernden Erstbegegnung.


Herausfordernde Erstbegegnung
Die Erstbegegnung mit Lukas Kollmers Schaffen ist eine herausfordernde, eine, die einen ab und zu kopfschüttelnd das Buch zuschlagen lässt, um es wenig später doch wieder aufzumachen, um zu erfahren, wie diese distanzlosen und enthemmten, aber doch mit gewisser Stilsicherheit und Ambition komponierten Geschichten weitergehen. Denn erwarten, erahnen oder gar verstehen kann man gar nichts. Außer die erneute Provokation: „Ich kann ihr nacktrotbraunes Arschloch unter mir atmen sehen, als würde sie geräuschlos furzen. Ich schiebe meinen Schwanz quälerisch hinein und beginne sie zu ficken, mit einem gnadenlosen Stoß fahre ich voll durch.“