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keine rechtfertigung 1

Über literarische Masturbationsvorlagen ersten und zweiten Ranges


Markus Köhle: Letternletscho. Ein Stabreim-Abecetera

Sisyphus: Klagenfurt 2004

Rezensiert von: stefan schmitzer


Um Spielernaturen geht es im Folgenden und um zwei Bände randständiger Lyrik: Erstens um Letternletscho. Ein Stabreim-Abecetera des Innsbrucker Slam-Poeten Markus Köhle und zweitens um die mechanismen und defekte von Peter Enzinger (mit Zeichnungen Georg Bernsteiners).

Markus Köhles Buch ist eine Sensation und völlig belanglos zugleich. Auf knapp 80 Seiten breitet der Autor aus, was der Untertitel verheißt – Ein Stabreim-Abecetera: Eine Textsammlung, die je nur aus Worten eines Anfangsbuchstabens bestehen oder deren Anfangsbuchstaben immer wieder dasselbe Wort bilden (etwa TUNIS: „Techniken unterschiedlicher Naturvölker inspirieren Sexualleben / Trude unten – Nase in Schambereich“ etc.). Köhle schöpft dabei aus einem reichen Wortschatz und Satzverschachtelungskünsten, agiert kenntnisreich und in der Manier eines Stand-up-Comedian. Seine Geschichten wanken gelegentlich, wirkungsvoll des Gleichgewichts beraubt, springen aber nie aus dem Gleis der nachvollziehbaren Erzählung. Die zahlreichen, derben Pointen sitzen, auch in der Magengrube des Lesers. Besondere „Inhalte“ sucht man indes vergeblich. Es wird ein Werkzeug vorgeführt. Von einem Meister seiner Handhabung. Nicht mehr, nicht weniger. Darin besteht die – höchst unterhaltsame und kindlich-selbstverliebte – Belanglosigkeit. Die Sensation ist, dass mit Letternletscho eine literarische Masturbationsvorlage allerersten Ranges vorliegt, der ein argloser Gast im Lesezimmer ihre Natur nicht ansieht. Schwer zu zählen sind die Genitalien und sonstigen sexualisierten Körperteile bzw. Verrichtungen, die vorkommen, stets aufs Neue überraschend die Arten, den Beischlaf zu bezeichnen. Köhle kann darin mit de Sade verglichen werden, nur dass er im Gegensatz zu diesem auch unterhält.