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keine rechtfertigung 2

Über literarische Masturbationsvorlagen ersten und zweiten Ranges


Peter Enzinger: mechanismen und defekte

edition ch: Wien 2004

Rezensiert von: stefan schmitzer


Ganz anders spielt Peter Enzinger. So wie ein Kind die Möglichkeiten der Sprache in Abzählreimen, Spottversen und Unsinnspoesie erprobt, befragt er das Repertoire lyrischer Stilmittel auf seine Verlässlichkeit und lässt uns sein Bauklötzchenspiel beobachten, ohne die entstehenden Texte extra ernst zu nehmen. Manche seiner Gedichte mögen „Sinn“ ergeben oder eine „inhaltliche“ Seite aufweisen, andere mögen die Forderung nach „Sinn“ gezielt angreifen. Selbst Qualität scheint nicht das Kriterium zu sein, mit dem Enzinger gemessen werden will, obwohl er immer wieder durchblitzen lässt, dass er – hier, und hier, und an dieser Stelle auch noch – sehr wohl ein „wohlgefügtes Ganzes“ aus dem Legosteinhaufen von Materialberg machen könnte, wenn er's denn drauf anlegte. Die Haltung des Autors gleicht offenbar – um in der Metapher zu bleiben – der eines kleinen Lego-Ingenieurs, den weniger interessiert, aus den Klötzen eine Burg zu machen, als vielmehr, wie viele Steine von welcher Sorte es sind, und der stundenlang zufrieden in seinem Haufen wühlt.

Das Buch lohnt die Lektüre durch einzelne Fundstücke für beinahe jeden Lyrikgeschmack und durch das Erlebnis der wahrscheinlich trashigsten – und dabei stimmigen – Illustrationen, die ein österreichischer Gedichtband in den letzten paar Jahren hatte: Georg Bernsteiners Zeichnungen verstellen mehr, als sie darstellen, passen wunderbar auf Enzingers Bauplatz des Halben, Schiefen und Unfertigen.