schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 12 - verhalten kiasu ohne boom
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/12-verhalten/kiasu-ohne-boom

kiasu ohne boom

katja schmid | kiasu ohne boom

Über den Zusammenhang von Verkehrserziehung und Fortschritt

Am schlimmsten sind die Innehalter. Bleiben am Ende der Rolltreppe einfach stehen. Gucken nach links und nach rechts. Überlegen. Blockieren den ganzen Verkehr. Und sind empört, wenn sie von den zwangsläufig Nachrückenden angerempelt werden. Für Innehalter sind Zeit und Raum Nebensächlichkeiten, mit denen sie nichts zu schaffen haben. Zugegeben: Nicht jeder kann immer und überall ortskundig sein. Trotzdem ist das Ende von Rolltreppen tabu. Für alle und alles. Das Ende der Rolltreppe ist eine Transitzone und als solche einzig und allein dafür da, zügig durchschritten zu werden. Am besten, man nimmt sie gar nicht erst wahr. Eigentlich gilt das für den gesamten öffentlichen Raum, der ja nichts anderes als eine ausgedehnte Transitzone ist. Jedenfalls für Pendler und alle anderen, die möglichst schnell von A nach B gelangen wollen. Natürlich besteht der öffentliche Raum nicht nur aus Innehaltern, Rolltreppen und Pendlern. Das alles sind nur Beispiele. Beispiele für Bewegung, Stillstand und die mehr oder weniger holprigen Übergänge. Beispiele für mehr oder weniger sinnvolles Verhalten im öffentlichen Raum. Ebenso gut könnte man über Drehtüren schreiben. Auch hier verbieten sich Pausen von selbst. Um trotzdem sicherzugehen, dass niemand in einer Drehtür stehenbleibt, werden zumindest in deutschen Einkaufszentren nur noch automatische Modelle eingebaut. Sowas nennt sich Fortschritt. Ist aber nur die Folge mangelhafter Erziehung.

Der Beruf der Jungfrau
Was für eine Pleite. Denn schon im 19. Jahrhundert galt die Innehalterei als unschicklich. Das kann man unter anderem bei Henriette Davidis nachlesen in Der Beruf der Jungfrau – Eine Mitgabe für Töchter bei ihrem Eintritt ins Leben aus dem Jahr 1857. Heutzutage ist die Autorin vor allem für ihr Praktisches Kochbuch berühmt, seinerzeit verfasste sie auch Ratgeber für alle Lebenslagen, insbesondere für das weibliche Geschlecht. Der Beruf der Jungfrau meint übrigens keinen Beruf im eigentlichen Sinn, sondern höchs­tens eine Transitzone: das Buch will die Leserinnen nicht auf ein Leben als Jungfrau vorbereiten, vielmehr soll es ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt erhöhen und dadurch ihre Zeit als Jungfrau verkürzen. Allerdings gibt Davidis zu, dass es unter Umständen besser ist, nicht zu heiraten als eine schlechte Partie zu machen. Und sie bedauert, dass es nur wenige Berufe gibt, die einer alleinstehenden Frau ein selbständiges Leben ermöglichen.


Senioren sind kein Vorbild
Im Beruf der Jungfrau also bekamen junge Damen die Welt erklärt und erfuhren im Kapitel „Anstandsregeln“ im Absatz „Anstand auf der Straße“, es sei „durchaus unschicklich […] stehenbleibend längere Gespräche zu führen“. Ebenso verpönt war laut Davidis das reihenweise Überqueren von Straßen. Diese Unsitte kann man heutzutage aber ebenso wie das Innehalten an jedem Ort beobachten, der regelmäßig von Touristen heimgesucht wird. Sie alle sollten mal einen Blick in einen antiquierten Ratgeber werfen und sich was schämen. Dafür, dass sie keinen  Fortschritt zulassen. Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Früher war garantiert nicht alles besser. Aber man konnte sich mehr Illusionen über die Zukunft machen. Senioren sind übrigens auch kein Vorbild.

Einzelne lassen vielleicht einen Rest guter Erziehung erkennen, aber spätestens, wenn Senioren im Rudel unterwegs sind, ist ihnen nichts mehr heilig. Schon gar nicht der öffentliche Raum. Da wird sich zusammengerottet und amöbengleich fortgeschoben, dass keine andere Lebensform eine Chance hat.


Verkehrserziehung gefragt
Warum ist es bei uns so schwierig, zügig voranzukommen? Liegt es daran, dass in der modernen Verkehrserziehung immer nur eines gepredigt wird: erst mal stehenbleiben und links-rechts-links gucken? Kein Wunder, dass in Deutschland nichts vorangeht. Alle jammern über den „Stillstand“, aber kaum einer ist in der Lage, eine Rolltreppe zügig zu verlassen. Ob das in der berühmten Wirtschaftswun­derzeit auch so war? Man müsste mal erforschen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Verkehrserziehung bzw. dem Verkehrsverhalten einerseits und dem Wirtschaftswachstum andererseits.

Wem das abwegig vorkommt, sollte nur mal Berlin und München vergleichen. Berlin ist pleite, München steht vergleichsweise gut da. In Berlin wurde die U-Bahn vor über 100 Jahren eingeweiht, in München erst anlässlich der Olympischen Spiele 1972. In Berlin gibt es nur wenige Rolltreppen in U-Bahnhöfen, viele sind kaputt und werden aus Kostengründen nicht mehr repariert, sondern bestenfalls durch herkömmliche Treppen ersetzt. Wenn überhaupt was neu eingebaut wird, dann Aufzüge. Die Münchner U-Bahnhöfe sind meist mehrfach mit Rolltreppen bestückt, zusätzlich gibt es fast überall Aufzüge. Und jetzt kommt der Clou: In München wissen erprobte U-Bahnfahrer, dass man auf Rolltreppen rechts steht und links geht. Woher sie das wissen? Ers­tens bekommt man es täglich vorgeführt. Zweitens hängt an fast jedem Zugang der Hinweis ‚rechts stehen, links gehen‘. Wer trotzdem auf der Überholspur stehenbleibt, wird auf bayerische Art zurechtgewiesen und weiß für die Zukunft Bescheid. Warum es sinnvoll ist, auf einer Rolltreppe eine Überholspur einzurichten? Schon mal was von Vektorenaddition gehört? Nein? Dann vergleichen Sie doch mal, wer schneller oben ist: Jemand, der die Treppe hochrennt oder der Überholer von der fahrenden Rolltreppe. Jedenfalls verpasst man in Berlin regelmäßig Anschlüsse, weil überall Chaos herrscht. Von einer Überholspur hat noch niemand gehört. Kein Wunder, dass es Berlin so schlecht geht.


Fortschritt ohne Rücksicht
In Boom-Nationen wie Singapur und China hat man andere Sorgen. Da will jeder der Erste sein. Alles andere gilt als Versagen. Also wird gedrängelt, was das Zeug hält. Wer älteren Herrschaften im Bus seinen Sitzplatz anbietet, macht sich lächerlich. Zumal man damit rechnen muss, dass sich jemand Junges flink dazwischenschiebt und gar nicht daran denkt, den erschlichenen Sitzplatz wieder aufzugeben. An Haltestellen tritt natürlich auch niemand zur Seite, um Ankommende aus Bus und U-Bahn aussteigen zu lassen. Dass man sich auf diese Weise gegenseitig blockiert, spielt keine Rolle. Hauptsache, man steht vorne. Das rüpelhafte Verhalten hat System, und wie es sich für ein System gehört, hat es auch einen Namen: Kiasu. Übersetzt bedeutet Kiasu: Angst, zu verlieren bzw. der Letzte zu sein. Eine nicht ganz unberechtigte Sorge in einem Land wie China, wo der Einzelne eine untergeordnete Rolle spielt (in Singapur leben zahlreiche Chinesen, sodass Kiasu auch dort omnipräsent ist).

In Japan herrscht eine andere Mentalität. Kiasu-Verhalten ist verpönt, die Chinesen gelten als Barbaren. Eine hohe Menschendichte schürt Aggressionen und gefährdet die Sitten, dagegen helfen nur handfeste Regeln. In Japan hat man sich deshalb etwas einfallen lassen, das Kiasu von vornherein verhindert. Um beispielsweise die Menschenmassen beim Ein- und Aussteigen in die bzw. aus der U-Bahn in den Griff zu bekommen, gibt es Beamte, die die Menschen in die Wagons schieben. Auf diese Weise lässt es sich leichter ertragen, wenn die so genannte Komfortzone, also der zum eigenen Wohlbefinden unerlässliche Abstand zu Fremden, verletzt wird. Das Gedränge in der U-Bahn dient einem höheren Zweck: mehr Mobilität für alle. Die Japaner haben erkannt, dass Freiheit und verlässliche Umgangsformen unabdingbar zusammenhängen. Weil es keine Freiheit für alle gibt, wenn jeder macht, was er will, ohne Rück­sicht auf seine Umwelt.


Tempo und Höflichkeit
Und in Deutschland? Da greift Kiasu-Verhalten um sich, doch anders als in China ohne den herbeigesehnten Boom. Im öffentlichen Raum wird der Übergang zwischen Fortbewegung und Stillstand immer holpriger, und in einer Stadt wie Berlin man kann stellenweise schon deutlich spüren, wie die guten Sitten aus dem Alltag verschwinden. Gleichzeitig kommt keine rechte Freude am Fortschritt auf, weil an den unpassendsten Orten rumgedödelt wird. Das Problem dabei: Man kann kein Vertrauen in die Zukunft fassen, wenn sich alle so verhalten, als ob morgen die Welt unterginge. Etwas mehr Tempo gepaart mit Höflichkeit und umsichtigem Verhalten würde Deutschland ganz gut tun. Sonst blockieren sich alle gegenseitig. Und das führt zu nichts.