schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 12 - verhalten lebenslänglich auf bewährung
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/12-verhalten/lebenslanglich-auf-bewahrung

lebenslänglich auf bewährung

myriam keil | lebenslänglich auf bewährung

Das Verhalten und seine (Un-)Möglichkeiten

I. Definition

Nach allgemeinem Verständnis bezeichnet Verhalten jede Handlung, die sich zwischen einem Organismus und seiner dinglichen, biologischen und sozialen Umwelt abspielt. Dazu zählt neben dem bloßen Reagieren auf Reize auch die Gesamtheit aller Körperbewegungen, Körperhaltungen und das Ausdrucksverhalten. Der Verhaltensbegriff endet jedoch nicht an diesem Punkt, sondern umfasst des Weiteren alle Aktivitäten, Vorgänge und körperlichen Reaktionen, die sich beobachten und messen lassen, in etwa eine Blutdruckveränderung oder eine Veränderung des elektrischen Hautwiderstandes. Nach neuerem Verständnis werden sogar innere Erlebnisprozesse wie beispielsweise das Denken und das Wollen als Verhalten bezeichnet.

II. Die Grenzen des Verhaltens

Es ist offensichtlich, dass sich der Verhaltensbegriff im Laufe der Zeit ausgeweitet hat. Doch was umfasst er in seiner jetzigen Form? Welche Mindestanforderungen muss das Verhalten heutzutage erfüllen?

Als Beispiel für die Begrenzung sei zunächst das Nahrungsverhalten der Amöbe genannt. Dabei fließt das Protoplasma auf bestimmte Stellen zu und schiebt so das Tier in die eine oder andere Richtung. Dies erscheint als Amöbenbewegung und wird in der Biologie als Verhalten bezeichnet.

Das Pfeilkraut hingegen weist starke Strukturveränderungen auf, je nachdem ob es sich über oder unter dem Wasserspiegel befindet. Diese Situation wiederum wird als Veränderung in der Entwicklung der Pflanze beschrieben und nicht als Verhalten.

Wieso bezeichnet man also das eine als Verhalten, das andere aber nicht? Die Veränderungen beim Pfeilkraut werden aufgrund ihrer Langsamkeit nur als Veränderung der Form und nicht als Bewegung angesehen. Doch macht diese Unterscheidung Sinn? Wo man beginnt, sich über die Grenzen der Begrifflichkeit zu streiten, stößt das Verhalten – mal mehr, mal weniger verhalten – an seine Grenzen.

III. Verhalten im Innen und Außen

Dem Verhalten kann sich niemand entziehen. Nicht einmal durch den völligen Rückzug aus dem sozialen Leben lässt es sich umgehen, denn man bringt es nicht nur anderen Menschen entgegen, sondern auch sich selbst. Auch nicht beim Einstellen jeglicher Bewegung, ja, nicht einmal beim Anhalten des Atems kann man es vermeiden, denn der Herzschlag und das Denken lassen sich nicht unterdrücken. Im Schlaf ist kein Verhalten möglich? Mitnichten! Dreht sich der Schlafende etwa nicht von einer Seite auf die andere? Verändert sich nicht sein Blutdruck, seine Atemfrequenz? Bewegen sich nicht die Augäpfel hinter den geschlossenen Lidern? Und wer wird einem Schlafwandler absprechen, dass er sich falsch verhält, wenn er im Schlaf einen anderen Menschen verletzt? Bewusst oder unbewusst, Verhalten bleibt unumgänglich, wenn man nicht gerade tot ist.

IV. Aktion und Reaktion – Die Handlung und ihre Antwort

Nicht umsonst bezeichnet die Aktion in der Physik die Wirkung. Auch die Aktion eines Verhaltens zieht zwangsläufig eine Antwort nach sich. Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch wieder heraus. Das Sprichwort trifft jedoch nur bedingt zu. Manches Mal schallt es stimmgewaltiger wieder heraus, als der Ruf hinein ging. Eine Aktion führt dann nicht mehr zur Reaktion, sondern zur Überreaktion. Diese wiederum stellt die Aktion für eine erneute Reaktion dar, die aufgrund der übersteigerten vorausgegangenen Handlung ebenfalls leicht über das Ziel hinausschießen kann. Der Circulus Vitiosus ist perfekt. Schon im Alten Testament fühlte man sich bemüßigt, die Reaktion die Aktion übersteigen zu lassen: „Ein Mord an Kain – so hat es Gott bestimmt – verlangt als Rache sieben Menschenleben; für Lamech müssen siebenundsiebzig sterben!“ (1. Mose 4, 24). Fortgeführt beispielsweise durch die Nazis und auch heutzutage durch diverse terroristische Vereinigungen verlangt die Rache immer öfter eine Überreaktion. Damit stellt sich die Überreaktion als in Randgruppen bisweilen vorgeschriebener Verhaltenskodex dar. Doch – wirklich nur in Randgruppen?

V. Fehlverhalten: Die dunkle Seite des Handelns

Angemessenes Verhalten unterliegt den ethischen Grundsätzen, die eine Gesellschaft sich auf die Fahnen geschrieben hat. Daneben bildet sich allerdings auch die dunkle Seite des Handelns heraus: selbstverletzendes Verhalten, antisoziales Verhalten, Suchtverhalten – die Bandbreite ist groß. Was auch immer von der Norm abweicht, wird als Fehlverhalten deklariert. Das Vorhandensein unerwünschter, störender und krankhafter Verhaltensweisen stellt jedoch nur zum Teil ein gewolltes Fehlverhalten dar. Bestimmte Verhaltensweisen können nicht mehr willentlich gesteuert werden und lassen die Psychotherapie zur Ausschaltung oder zumindest Verringerung der dadurch in der Lebensführung entstandenen Beschränkungen notwendig werden. Nicht unbedingt leichter machen es uns in diesem Zusammenhang erneut die Begrifflichkeiten. Was zum Beispiel ist eine Verhaltensstörung? Ist hierbei tatsächlich das Verhalten eines Organismus gestört? Ist die angebliche Verhaltensstörung nicht gerade die völlig natürliche Reaktion auf die zuvor erfolgte „Aktionsstörung“ eines anderen? Wie kann ein Verhalten gestört sein, wenn es sich lediglich gegen eine zuvor erfolgte Störung zur Wehr setzt?

VI. Verhalten im Handlungskontext

Richtiges Verhalten wird in der Gesellschaft zur Genüge definiert, wobei die Definierung gleichsam in eine der Überreaktion gerecht werdende Überdefinierung ausufert. Knigge & Co. lassen grüßen. Wenn es jedoch um die richtige „Antwort“ auf ein Verhalten geht, bleibt die Definition oftmals aus. Die Überreaktion lässt sich schwerlich beherrschen und selbst in einer gesetzeswütigen Gesellschaft wie der unsrigen nicht immer in Paragraphen fassen. Wie also einen Maßstab finden für etwas, das auch bei den Sanftmütigsten unter uns so häufig außer Kontrolle gerät? Soll man nach einer Ohrfeige auch noch die andere Wange hinhalten? Was ist zu tun, wenn die Meinung des Gegenübers von der eigenen abweicht? Wann ist eine Notlüge gerechtfertigt? Die Fragen werden zu Tausenden in den Wald hineingerufen und die Ethik schallt stimmgewaltig zurück. Nur zu oft allerdings ohne eine Antwort liefern zu können. Was bleibt, ist das Gutdünken des Einzelnen und die Hoffnung, dass man sich für das richtige Antwortverhalten entscheiden möge. Wenn man es nicht tut, ist das zwar bedauerlich, indes meist nicht weiter tragisch. Eine baldige Chance auf Bewährung ist jedem sicher, und das täglich, stündlich und minütlich von neuem.