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paarungsverhalten

Zehn sexy Texte: Die Edition Kürbis konzentriert sich mit „Sex Volume II“ auf das Wesentliche


Wolfgang Pollanz (Hg.): Sex. Volume II

edition kürbis: Wies 2005

Rezensiert von: hermann götz


Letzten Sommer hat uns Cosima Reif unverhofft zu einer Erkenntnis verholfen: Ihre Zufallskolumne, die jede Woche in der Freitags-Beilage des Standard, erscheint, ist eigentlich eine Sexkolumne. Und Cosima Reif eine Sexkolumnistin. Bislang ist dieser Umstand an Standard-Lesern nahezu spurlos vorübergegangen. Allein schon deshalb, weil ihre Zufallskolumne mit Sex meist wenig zu tun hat. Aber frei nach Umberto Eco erkennt man(n) Sexfilme ja auch nicht an den einschlägigen Szenen – die gibt es in fast jedem Film –, sondern daran, dass dort ansonsten gar nichts erzählt wird. Zumindest nichts Wesentliches. Das aber dafür umso ausführlicher, sagt Eco (Wie man einen Pornofilm erkennt). Das könnten wir übrigens auch auf die Kolumne von Cosima Reif anwenden: In aller Ausführlichkeit wird da alles Unwesentliche besprochen, was uns so in einem Leben begegnet, in dem, wenn wir Martin Amanshauser, Franzobel oder Wolfgang Pollanz glauben, nur eine Sache wirklich wesentlich ist: eben Sex. Schade, dass Frau Reif die bereits zweite Anthologie, die Pollanz in der Edition Kürbis herausgegeben hat, zum Zeitpunkt ihres Sexkolumnistinnen-Outings noch nicht kannte.

Sonst hätte sie bestimmt keine Mühe gehabt, eine Sommervertretung zu finden. Eine männliche noch dazu. Denn Reif meint, es sei höchste Zeit, dass Sexkolumnen nicht mehr ausschließlich von Frauen geschrieben würden. Nun, Wolfgang Pollanz vereint in seinem Sex-Buch zehn AutorInnen, unter denen sich gerade einmal drei Autorinnen finden. Mag sein, dass dies eine der (wenigen) Schwächen des Buches ist, jedenfalls schreiben alle – Autorinnen wie Autoren – auch wirklich über Sex. Sie konzentrieren sich sozusagen auf das Wesentliche. Amanshauser etwa, der sich als Leser sonntäglicher Gerti-Senger-Sexkolumnen outet, argumentiert ausführlich und mit viel maskulinem Holzhammerhumor, warum „Sex unsere einzige Hoffnung“ ist.

Franzobel stellt „drei Zirkusstellungen“ vor, deren Abdruck im Standard bestimmt für Auflagensteigerung sorgen würde, Peter Glaser antwortet diesen eher handfesten Positionen mit einem Text zwischen Erotik-Poesie und dem Verfremdungspotenzial sprachlicher Weichzeichner; Günther Freitag, Birgit Pölzl und Daniel Wisser liefern einfach feine Prosatexte ohne spekulativ spektakuläre Szenen, kleine Erzählungen im besten Sinn, die sich dem Thema mit spielerischer Selbstverständlichkeit nähern. Wolfgang Pollanz und Monika Wogrolly, die in dieser Anthologie natürlich nicht fehlen durften, bleiben sich selbst und damit auch den thematisch bedingten Erwartungshaltungen treu – und doch entsteht im Kontext dieses Buches der Eindruck, dass auch ihnen diesmal besonders „ausgereifte“ Texte gelungen sind.

Apropos Reif: Leider ist das Outing der Zufallskolumnistin auch für die schreibkraft-Redaktion ein wenig zu spät gekommen. Wir hätten sie sonst eingeladen ihren Urlaub zu nutzen, um uns einen Text über das Paarungsverhalten liebesmüder Großstadtschreiberinnen zu schicken. Doch nun ist ja die Edition Kürbis eingesprungen, und wer die schreibkraft in Sachen Sex zu verhalten findet, soll sich doch einfach Sex. Volume II bestellen. Unter anderem mit Texten zum Paarungsverhalten unbeholfener Gelegenheitsmasochisten und -polygamisten, echter Wichser, nebenberuflicher Huren, hauptberuflicher Künstlerinnen, unglücklicher Ehebrecher usw. usf.