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talschlusspanik

Olga Flor entwirft in ihrem neuen Roman eine vordergründig heile Welt


Olga Flor: Talschluss

Zsolnay: Wien 2005

Rezensiert von: christoph d. weiermair


Das Tal wird eng, schließt sich und geht über in den Berg. Almboden, Kühe, Talschluss. Dort feiert Grete ihren 60. Geburtstag. Sie ist Lebensberaterin, eine gefestigte Frau, naturverbunden und positiv. Um sich hat sie ihre Lieben versammelt, Ehemann Ernst, Sohn Thomas, Tochter Sabine samt deren Kindern. Junge Musiker sind für das Fest engagiert. Und Katharina, von Beruf Event-Managerin. Sie ist fünfunddreißig, Single, erfolgreich und eigentlich unglücklich. Gretes Geburtstag soll etwas Besonderes werden, ein Event.

Unter der Oberfläche
Die aufstrebende Grazer Autorin Olga Flor entwirft in ihrem neuen Roman Talschluss eine vordergründig heile Welt. Aus Katharinas Ich-Perspektive rekapituliert sie drei Tage einer Familienzusammenkunft, die Seelenschmerz, Beziehungskrisen und allerlei psychologisches Schwermetall zutage fördert. Da helfen weder Gretes salbungsvolle Worte noch die idyllischen Sonnenuntergänge, es krankt unter der Oberfläche. Jeder der Anwesenden hat seine Narben, offenen Wunden und ungestillten Bedürfnisse und weiß nicht so recht damit umzugehen. Katharina scheint eher gelebt zu werden, als zu leben. Sie funktioniert und ist hart zu sich selbst, hat Angst vor dem Älterwerden: „Man macht Sport, man bleibt schlank und doch sinkt der Marktwert, ganz ohne dass es einen spürbaren Einschnitt gäbe, langsam fällt er ab.“ Gretes Positivdenkerei ödet sie an, doch sie schweigt. Ein Liebes­abenteuer mit dem Musiker Artur stürzt sie in ein unvermutetes Gefühlschaos, sie begibt sich auf „die Suche nach ein wenig weniger Einsamkeit für eine begrenzte Zeit.“

Fragiles Gefüge
Noch vor dem großen Sechs-Gänge-Menü im rustikalen Bauernhaus denkt so mancher an die verfrühte Abreise. Doch da kommt eine Rinderseuche dazwischen. Die Straße aus dem Talschluss wird von der Exekutive abgeriegelt, nichts geht mehr, latente Panik macht sich breit. Olga Flors Roman steuert aber nicht auf eine Katastrophe hin, er endet am Morgen des dritten Tages, ohne Höhepunkt. Talschluss  überrascht weniger durch das Geschehen als durch das nur Angerissene, das Untergründige zwischen den Zeilen, das Unausgesprochene, durch die Miniaturschilderungen seelischer Befindlichkeiten. Flor spielt mit einer flüchtigen Erotik und subtilen Gemeinheiten, sie skizziert ein fragiles Beziehungsgefüge und demaskiert das Innenleben ihrer Figuren. Das Funktionieren in der Welt des Konsums, das Prinzipienkorsett aus Verleugnen und Verdrängen wird in der Abgeschiedenheit des Talschlusses auf eine Zerreißprobe gestellt. Dazu passt der sperrige Stil, das sprunghafte, mitunter wirre Hin und Her von Beobachtungen und Gedanken, Geschehen und Gesagtem. Unbeirrbar bringt Olga Flor eine Kombination aus indirekter Rede, Parenthese und Bewusstseinsstrom zu Papier, von der ersten bis zur letzten Seite. Hat man in diesen Duktus hineingefunden, kann man sich zaghaft mit ihm anfreunden. Wie auch mit diesem Roman.