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und andere suggestible lücken

Linda Stifts "Kingpeng" kreiert eine Welt zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Blackout und Präzision


Linda Stift: Kingpeng

Deuticke: Wien 2005

Rezensiert von: roswitha m. jauk


„Wir nennen die Terrasse gegenüber Terrakottainsel“. Mit knappen Worten zieht uns Ich-Erzählerin Kinga zu sich und ihrem Bruder auf einen kleinen Balkon zwischen Küchenkräuter und Tomatenstauden. Selbst in den Nächten liegt eine unaufhörliche Hitze zwischen den Dächern, die die ganze, abwechselnd von Kinga und, seltener und kürzer, von Nick dargelegte Geschichte in eine leichte, schläfrige, bewegungslose Atmosphäre taucht. Bald zeigt der Text seinen Akzent auf Halbrealitäten, die irgendwo zwischen Traum, Phantasie und Wirklichkeit ihre Kreise ziehen. Auf der Party gegenüber erklingt ein „Männerlachen, das Schwingungen in die warme Abendluft wirft“. Beide Protagonisten scheinen in deren Bann geraten, noch bevor sie der Hand, die sie hinüberwinkt, widerstandslos folgen.

Am nächsten Morgen fehlt Kinga das wichtigste Stück des Abends: der Schluss. Man erfährt, dass sie an seltsamen, nie ärztlich diagnostizierten Ausfällen ihres Gedächtnisses leidet, Blackouts von mehreren Stunden. Die Erinnerungslücken füllt für gewöhnlich ihr Bruder, bei dem sie seit dem Unfalltod ihres Freundes wohnt und mit dem sie ein kleines Cateringservice betreibt. Abgesehen davon, dass monatlich mehr vom Konto ab- als draufgebucht wird und die Küche zu klein ist, scheinen die beiden Endzwanziger relativ sorglos und verantwortungsfrei dahinzuleben. Obwohl alles in einen realen Zusammenhang gestellt ist, durchzieht den Text eine schwebende Leichtigkeit à la „sie löste ein Ticket und verbrachte ihre Sommer fortan am Meer“. Die Luft steht und suggeriert einen Stillstand der Zeit, die zu einer unendlichen Sommernacht wird. Obwohl sich Kinga ausgiebig und zwanghaft eigene Tode ausdenkt und Traumata wie auch Lebensekel ausdrückt, haftet dem Text etwas Gelassenes, Lakonisches, Anti-Panisches an. Es ist vor allem die ungerührte Art der Protagonistin, das Leben anzusehen, es einfach als Abfolge von Gegebenheiten wahrzunehmen. Sie verzichtet auf alle Versuche, hinter die Oberfläche vorzustoßen, zu erfahren und zu wissen. Vielmehr werden Dinge nur in knappen Vermutungen angerissen und suggeriert, ohne dass der Text die offenen Fragen je beantworten würde. Statt Rätsel zu lösen, springt die Geschichte einfach weiter, Veränderungen werden lässig protokolliert. Der Text geht nicht in die Tiefe, sondern ins Detail. Mit Vorliebe Makabres und Ekelhaftes zoomen ihr Blick und ihre hoch talentierte Nase heran. Jedem von Kingas Wahrnehmungsausfällen geht eine Wahrnehmungsschärfung voraus. Die Blackouts wechseln sich mit fast schon neurotisch zu nennender Sinnenhaftigkeit ab.

Eine Schwellung hinter dem Ohr, die mal ruht und mal pocht, scheint mit Kingas Abwesenheitszuständen in Beziehung zu stehen. Zu durchschauen ist diese, wie auch sämtliche anderen Beziehungen in diesem Roman, nicht.

Am Ende des Romans beschließt Kinga, ihren Bruder zu verlassen, während er ihr vorschlägt, zusammen nach Kingpeng zu reisen. Die Luft steht, aber Kinga geht. Stets klar, unsentimental, präzise und temporeich erzählt, ist Kingas Rekonvaleszenz ein beeindruckendes Leseerlebnis. Bei aller Melancholie und Neurotik besitzt Linda Stifts Debütroman Witz und beweist, dass Leidensdruck nicht immer pathetisch sein muss.