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und ich

martin ross | und ich

Im Seminar. Nachmittags. Gruppenraum. An der Wand rechts neben der Türe hängt ein junges wildes Gemälde. Eine Gruppe von zehn Seminarteilnehmern, Männer und Frauen, ist im Raum verteilt. Sie sitzen auf Matratzen, sechs liegen und schlafen im Chor, vier sind wach. Einer von ihnen, ein Junger Mann, sitzt lässig an die Wand gelehnt unter dem Bild. Der Seminarleiter sitzt links neben der Türe auf einem Hocker, lächelt und schreibt emsig in sein Notizbuch. Alle sind locker und bequem angezogen.

Junger Mann langsam und ausführlich: … und da hab ich ihr gesagt, na gut, dann bleib ich halt da und fahr nicht mit – weil sie soll nur merken, dass ich ihr nicht nachrenn oder so, denn einerseits steh ich halt schon auf sie und will allerhand unternehmen mit ihr, aber das ist schlecht andererseits, weil sie sonst glaubt, sie braucht nur mit dem Finger … du weißt eh, was ich mein … ich hab das schon nicht nötig, was heißt … Er grinst und lässt seine Oberarmmuskeln spielen. Der Seminarleiter lächelt und schreibt emsig in sein Notizbuch.

Man schläft im Chor. Die Aufmerksamkeit der wachenden Seminarteilnehmer sinkt stetig.

Junger Mann: … okeh, und dann ist sie halt weggefahren, und ich hab ein paar Tage Ruhe gehabt, nicht, dass sie mir nicht abgegangen wäre, aber es ist halt schon mühsam, das Hin und Her, weißt eh … also dann wars Donnerstag, und sie ruft mich an, und sie sagt, sie will mich eigentlich sehen jetzt und so, und ein Wort das andere, und sie sagt, spontan bist aber nicht, weil sie hat sich gedacht, ich würd plötzlich auftauchen, das heißt, sie hat sichs gewünscht ganz offensichtlich …

Einer der wachenden Seminarteilnehmer sackt in sich zusammen und beginnt zu schlafen. Der Seminarleiter lächelt und schreibt emsig in sein Notizbuch.

Junger Mann: … dass ich ihr eine Freude mach. Denk ich mir, na gut, das kannst du haben, und ruf an und bestell mir ein Hotelzimmer. Ich muss schon sagen, dass ich mich einerseits für einen nicht unintelligenten Menschen halte, und deshalb weiß ich, was sie mit dieser Ansage beabsichtigt  Er zieht mit seinem Zeigefinger die Haut unterm Auge leicht herunter, andererseits bin ich auch so intelligent zu merken, wann ich unerwünscht bin. Er wendet sich heischenden Blicks zum Seminarleiter.

Der Seminarleiter lächelt und schreibt emsig in sein Notizbuch.

Man schläft im Chor. Pause.

Noch einer der wachenden Seminarteilnehmer sackt in sich zusammen und beginnt zu schlafen.

Man schläft im Chor. Pause.

Junger Mann beginnt erneut mit seiner Erzählung: Na, und so bin ich halt ins Auto gestiegen und zu ihr gefahren, quasi als Überraschung. Ich mein, einerseits mach ich das gerne, wegen ihr und so, andererseits kostet das schon an Haufen, der Benzin, des Hotel und alles. Und wenn du mich fragst, wie es mir dabei gegangen ist, dann muss ich schon sagen, eh gut, weil jetzt wieder alles anders ist, hab ich gedacht …

Der letzte der noch wachenden Seminarteilnehmer sackt in sich zusammen und beginnt zu schlafen.

Der Seminarleiter lächelt und schreibt emsig in sein Notizbuch.

Junger Mann: … und jetzt beginnt der eigentliche Teil der Geschichte, und ich erzähl ihn echt so, wies war, und ich will dann schon gerne wissen, ob ich da sehr daneben bin. Er hält inne und denkt nach.

Im Gruppenraum schläft man im Chor. Der Seminarleiter lächelt und schreibt emsig in sein Notizbuch.

Pause.

Vorhang.

(Dramolett aus dem Zyklus Im Seminar)