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verhalten optimistisch

gisela müller | verhalten optimistisch

Ein Schwanengesang

Ich möchte mal über meine Verhältnisse. Im Plural. Da gehören mindestens zwei dazu, sage ich immer. Manchmal auch gesetzlich definierte Dritte. Dann ist eines das außereheliche, das Nebenbei-, das Sekundärverhältnis. Ein Sahnehäuberl. Aber nicht das eigentliche. Oder doch? Man macht sich ja gerne solche Hoffnungen, man träumt sich in solche Sehnsüchte hinein. Auch Beziehungen genannt. Weil es anfangs in den Unterleibern dermaßen zieht. Weil es etwas aus uns hinaus- und ans Licht zerrt, was wir bislang noch gar nicht an uns kannten. Da verhalten wir uns plötzlich anders. Da werden wir uns durch die neue Nähe (und durch das neue Fremde) selbst ein wenig fremd. Und wie begehrenswert solch Fremdartiges in diesem einen Fall, in diesem Liebeszufall, wäre! Ich möchte mal über meine Verhältnisse. Ganz freizügig. Vom Halten und gehalten werden, vom Festhalten und einander abhalten und nicht mehr loslassen können wollen. Von Haltungen, die auf einmal nicht länger haltbar wären, weil sie aus einem vorherigen Verhältnis stammen, das mit dem jetzigen nichts zu tun hat. Oder doch? Man macht sich ja gerne solche Illusionen, man projiziert so selbstvergesslich vor sich hin. Auch Enttäuschung genannt. Im Nachhinein. Wenn wir vermeintlich klüger geworden sind. Im Nachhinein, wenn wir denken, jetzt ist es wieder wie beim letzten Mal gewesen. Wenn nämlich nichts mehr fremd aussieht, nur alles fürchterlich bekannt und drehbuchreif identisch. Das eigene Verhalten und das der anderen. Da sprechen wir wieder von DEN Männern und DEN Frauen. Im Plural. Die verhielten sich soundso, schon klar. Was für ein Reinfall.

Ich möchte mal über die Verhältnisse. Im Allgemeinen. Das darf doch nicht sein, was der alte Brecht meinte, dass die Verhältnisse so wären! Muss denn immer eine Differenz herauskommen bei der Aufrechnung von Herzensgewinn und Verlustangst? Sind wir verbleibens­gestört? Ich lese jetzt öfter den Wirtschaftsteil der Zeitung, abends, wenn alles andere, das Feuilleton, die Politik und das Lokale, bereits gelesen ist. Ich suche Anregungen in entfremdetem Denken. In der Wirtschaft, finde ich heraus, herrscht stets ein verhaltener Optimismus vor. Geschäfts- und Anlageberichte nehmen die Zukunft ausschließlich als Chance wahr. Es kommt, was kommen muss, selbst wenn Prognosewerte fallen, verfolgt der Homo oeconomicus die Maximierung seines Nutzens voller Zuversicht und spricht vom Minuswachstum.

Ich möchte daher mal über die Verhältnisse im Besonderen. In Deutschland heißt es, die Deutschen kriegen keine Kinder mehr, weil sie zu 83 % nicht den geeigneten Partner fänden. Im Feuilleton und in der Politik wird die Wirtschaft für die Kinderlosigkeit verantwortlich gemacht. Wegen der schwierigen Verhältnisse, der Neoliberalisierung unserer Intimsphären. Ich sehe Schwarzmarktmalerei: Auf jeder Zigaretten­packung eine Morddrohung des kapitalistischen Systems. In so eine Welt will natürlich niemand einen Zuwachs hineinsetzen. Die jungen Frauen und Männer, heißt es, sähen sich die Karriereleitern hinaufgedrängt. Am Fuße der Leitern drohen Arbeitslosigkeit und Armut. Auf den Leitern aber drohen die Ellbogen derer, die zwar Sex haben wollen, aber keine Kinder. Auch Sozialverhalten genannt. Man arrangiert sich voller Zuversicht. Ich nenne es Liebesökonomie.

Ich möchte mal aus meinen Verhältnissen ein einzigartiges Verhalten extrahieren. Eine Erfahrung gewonnen haben, um einen Singular daraus zu formulieren. Den so genannten Ausnahmefall. Eine zwiespältige Angelegenheit, man würde sich mit jemandem ent-zweien wollen, damit Zusammengehöriges entsteht. Man würde auch nicht länger als „man“ von sich reden machen, sondern sagen wollen: ich, beziehungsweise: du. Ich würde unökonomisch werden, um rentabel zu sein, Mehrwert erzeugen, ohne ihn zu produzieren. Ich hätte real einen buchstäblichen Schwan getroffen. Das sind treue Tiere. Oh, du mein Schwan, würde ich singen und kurz erschrecken darüber, wie schnell ein fester Wortschatz an festem Wert verliert. Aus jedem Kompositum ist ein biegsamer Yin-und-Yang-Begriff geworden, der das Gegenteil auf unerklärliche Weise bereits enthält. Das muss kein Widerspruch sein. Eher eine Bereicherung in jeder Hinsicht.

Ich möchte mal so einen Schwanengesang anstimmen. Mein Homo eroticus verschenkt sein Minuswachstum voll Genuss. Wir bilden gemeinsam eine Verquersumme – auf die Verhältnisse darf gepfiffen werden! – und extemporieren uns ins emotionale Plus.