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vom instinkt zur instinktfreiheit

stefan schmitzer | vom instinkt zur instinktfreiheit

Zu Spezialfällen, Rinderzucht und Spracherwerb

„Ich bin niemand, gehe nirgends hin.“ Soweit der Zen-Buddhist: Da bewegt sich dann ein Körper durchs Gespinst an Eindrücken, ein Fisch im Wasser oder Elefant im Porzellanladen und ist zunächst mal nicht gebunden an ein Ich-Ding. Bewegt sich also und generiert dabei, in den Tiefen seines Navigationsorgans, Feedback-Verschleifungen. Die heißen dann doch sein „Bewusstsein“ und bedingen Äußerung, also Sprache.

In der Konzeption „des Westens“ gehört das äußerungswütige Ding zum Körper wie Herz und Niere. In der Konzeption, die der Westen „dem Osten“ zuschreibt, kommt es erst später zum bloßen Existenzfaktor dazu, eben: modelliert sich aus Reibungswiderständen. Zwei Konzepte von Seele, von Ich und von Sprache also, es sei denn – was bereits wieder als Beispiel dienen kann – ein grober Verständnisfehler stört hier die Übertragung von einem Code in den anderen: Ich hätte dann das buddhistische Konzept gänzlich missverstanden.

Warum das ein Beispiel ist? Mein Verhalten im Umgang mit den geistigen Spielmarken, die als Fachvokabular herumgeschoben werden, also meine Konzeption eines Spezialfalls von Sprachlichkeit, muss ungefähr mit dem meines jeweiligen Gegenüber (hier: den p. t. LeserInnen) übereinstimmen. Siehe Paul Watzlawik: Verständnis ist Glückssache, und selbst das Wissen, ob es geglückt ist, unsicher.

Überhaupt, wie verstehen wir Sprache in diesen Gegenüberstellungs-Zusammenhängen: Ist sie Sediment der Zivilisierungsprozesse durch die ich unbarmherzig getrieben wurde, seit ich auf der Welt bin? Oder eben nicht nur Sediment, sondern seeleninnerster Zergliederungs-, Abstrahierungsdrang; Drang, der mich zum Menschen macht wie meinen Papa vor mir, sodass sie gerechtfertigt sind, all die Zumutungen der Erziehung zum „vernünftigen Verhalten“, also zur Sprachanwendungstauglichkeit? Ist also Sprache „Instinkt zur Freiheit vom Instinkt“, oder ist sie bereits Menetekel der Unterwerfung unters Joch?

Sitzen Chomsky und Adorno im Busch und hegeln sich einen runter?

Solch mittelschulaufsatzmäßiges Fragen nach einerseits-andererseits enttarnt meine Intention natürlich: Sprache, soweit wir von ihr ein Bild brauchen, um uns zu und in ihr irgendwie verhalten zu können, hat natürlich Doppelcharakter, ist hüben und drüben, besser, ist das Scharnier zwischen Vieh und -losoph, und wenn sie es schon nicht IST (im Sinne absoluter Wirklichkeit), so ist dieses Bild von ihr jenes, auf dem wir am ehesten unser Sprechverhalten gründen können. Sei dieses nun ein Verhalten „der“ Sprache, also Schweigen, ein Verhalten „in“ der Sprache, also Stil, ein Verhalten „durch“ die Sprache, also das Setzen performativer Sprechakte, oder schließlich ein Verhalten „als“ Sprache, also alles – wirklich alles – Weitere. Siehe nochmals Watzlawick: Nicht kommunizieren gilt nicht …

Da wir nun aber auch beim Hinter-der-Sprache-Nachgrübeln an sie gebunden bleiben, an die blinden Flecken, Betonungen und Färbungen, die unsere Spezialsprache hat, ist es hier müßig, das Scharnier hin-und-her-schwingen zu lassen und zu glauben, damit wäre was bewiesen. Viel aufschlussreicher, wenn wir wissen wollen, was wir für Sprach-Ideologeme in uns tragen, das mit der „Seele“ oder das mit dem „Unterdrückungszusammenhang“, viel aufschlussreicher, weil symptomatisch, ist die Frage nach einem anderen Begriff: Einem Begriff, der da immer mit reinspielt, wo Sprache ein Gegenüber braucht, mit dem das sprechende Ding kooperieren muss, dieses Verb der Beziehungsstiftung: Was heißt hier „Verhalten“? Was erzählt uns das Wort „Verhalten“ über das Bild von „Verhalten“, das es in unseren Hinterköpfen montiert hat, und was also damit über das Bild von Sprache selbst, das gleich daneben hängt in der Hinterkopf-Galerie?

Ver-Halt-En: Eine Vorsilbe, ein Stammwort, eine Endung. Wobei wir die letztere recht schnell abhaken können: Sie bezeichnet die Verb-Nennform, ist also die Handlungsbeschreibung im Ruhestand bzw. prachtvoll-steifen Sonntagsstaat. Und ermöglicht damit auch die Nominalisierung: Die Handlung, die gerufen sein, betrachtet sein, die nicht nur dienlich-und-vergessen sein will. Von da, die Sonntäglichkeit unseres Untersuchungsobjekts beachtend, weiter, zur „Seele“ des Wortes: zu Stammwort oder Wortwurzel, was hier beinahe zusammenfällt: Zu „halt-“

Dazu das Duden-Herkunftswörterbuch: „halten: Das „gemeingerm.“ Verb „mhd.“ halten, „ahd.“ haltan, „got.“ haldan, „engl.“ to hold, „schwed.“ halla, das ursprünglich im Sinne von „Vieh hüten, weiden“ verwendet wurde, gehört mit verwandten Wörtern in anderen „idg.“ Sprachen zu der „idg.“ Wurzel *kel- „treiben“, vgl. z. B. „aind.“ kalayati „treibt (Vieh); beobachtet, trägt, hält“ und „griech.“ kellein „treiben“. Diese Wurzel war ursprünglich wahrscheinlich identisch mit der unter „hell“ dargestellten „idg.“ Wurzel *kel- „rufen, schreien, lärmen“, da das Treiben des Viehs oder des Wildes auf der Jagd unter lautem Rufen und Lärmen vor sich ging.“

Holla! Der Ausblick hat sich stark verändert. In dieser Landschaft riecht es nach Dung, Schweiß und Lagerfeuer. Plötzliche, nomadisch-harte Bewegungen finden statt und begründen auch noch so was Schnödes wie Rinderbesitz und Weideland. Das Stillesein, das uns unser „Halt!“ vermittelt, ein Zuruf, mit etwas aufzuhören oder ein Objekt zu ergreifen, es also an der Bewegung zu hindern, und auch noch die gelehrte craftsmanship, die dem Halten von Schraubenschlüsseln oder Kugelschreibern bis eben anhaftete: Sie haben sich zum unendlich entstellten Spezielfall gewandelt.

Dessen Natur natürlich durchaus Sinn ergibt, in diesem Steppenlicht betrachtet: Die Einfriedung, die Rinder- oder Schafspferch ist das Objekt, dessen Bild den einen Wort-“Gehalt“ mit dem anderen verbindet: Halten, das hemmt, wie gesagt, eine Bewegung, indem es ein Drinnen und ein Draußen absteckt, mit Hand oder Zaun als Grenze, und damit eine bestimmte Beziehungsform etabliert, eine Hierarchie zwischen Halter und Gehaltenem. Wobei hier Kultivierung ansetzt, denn das, was da als Inhalt gehalten werden soll, Schafe, Bohnensuppe oder Federkiel, drängt dem Haltenden seine Bedingungen auf, verdinglicht ihn auf gut marx’sch, wird bedeutungsvoller, als der Verleiher-von-Bedeutung, der da hält, es sein kann in dieser Beziehung.

Praktisch gesprochen heißt das: Schafe in die Pferch, Suppe in die Schüssel, nicht umgekehrt. Es muss der erfolgreiche Halter die Natur des Gehaltenen kennen. Er definiert also, nebst einem Drinnen-Draußen-Gegensatz, auch einen Ausschnitt der kausalen Wirklichkeit. Vermittels welcher Operation? – Bingo! Operationalisierung. Bezeichnung des Handhabbaren, auf die zuvor definierte Funktion bezogenen am Gegenstand. Abschneidung des ohnehin unsicheren „An sich“ des Objekts vom Objekt als Gehaltenem. So züchtet man, nebst Rindern, auch anbetbare Rinds-Götter, entsprachlichte, geheimnisvolle Wesen-Hinter-Dem-Sagbaren-Bereich. Totems, wo Tiere, und Kulturhelden, wo der unters Joch gespannte Menschenapparat selbst gemeint – eben angesprochen, zu einem bestimmten Verhalten gehalten – ist.

So viel zur Tiefe des Haltens. Dass die erste Stadt im ersten Epos „Uruk-die-Schafpferch“ heißt, und dass die erste Handlung dieses Epos die Zurichtung Enkidus, des glücklichen Wilden, zu einfriedungstauglichen Verhaltensnormen ist, nur nebenbei.

Bleibt noch das „ver-“. Hier sei der Duden-Artikel abgekürzt: „Am ehesten entspricht ’ver...’ got. fra- „weg“ in den Verben, die ein Verarbeiten, Verbrauchen, Verderben oder Verschwinden bezeichnen. Dem stehen die Begriffe des „Verschließens“ (in ’verkleben, verbauen’), des „Hinbringens der Zeit“ (in ’verschlafen, versäumen’), und des Irregehens und -führens (in ’verlaufen, verführen’) nahe. Zu Adjektiven bildet ver... Bewirkungsverben (’vergütern, verschönern’), zu Substantiven Verben des Verwandelns (’versklaven, verfilmen’) und Versehens (’vergolden, verschalen’).“ Davor erfährt man von der indogermanischen Wurzel *per-, „das Hinausgehen über...“.

Dialektik rulez, Baby! Eben noch hatten wir es mit dem Setzen von Grenzen zu tun, mit dem machtvollen Ver-Treiben des Störrischen und Bedrohlichen aus dem kultivierten Bereich, mit Herrscher-Geschrei und Untertanen-Machung. Und gerade das restlos Funktionalisierte an unserem Wort „Verhalten“, das Vorsilbchen Ver-, erzählt vom Gegenteil, vom Überschreiten, Transformieren, Entstellen: Freundlich zwinkert die geknechtete Kreatur, hat sie doch ausgerechnet in einem Wort überlebt, welches uns Kultur als Knechtschaft nahebringt.

Das Zwinkern ändert aber nichts an der eher erschreckenden Bedeutung, die uns das ganze des Wortes „Verhalten“ jetzt verrät: „Über … hinausgehend einfrieden, zusammentreiben, funktionalisieren.“ Es ist noch zu fragen, was sich hinter den drei Punkten verbirgt. Eine Grenze schon wieder, das ist klar, aber welcher Art? – Eine, die mit der zwischen dem „letztlich Sinnvollen“ vom „nicht mehr in sich Begründbaren“ des Haltens zusammenfällt. Wie wir gesehen haben, ist das die Grenze der Funktionalisierbarkeit des Unterworfenen. Was über sie hinausgeht, wo also gehalten wird um des Haltens willen – wo ÜBERBAU betrieben wird, Weiterkultivierung, nachdem die Vorräte gesichert und die Löwen in die Steppe gejagt sind – da wird „verhalten“.

„Verhalten“ wie in „ich verhalte mir jeden Kommentar“ nämlich. Hier kommentiert das Verb die Handlung, mit dem der innere Gorilla bezähmt werden soll, der beim Galadiner auf den Tisch scheißen will: Die Hemmung. Daher das Nomen, „Verhalten“ wie in „Grassers Verhalten ist untragbar“, nämlich nicht verhalten genug. Als nächstes die Rückbezüglichkeit: „Sich verhalten“, was zunächst nur das Verb zu diesem Nomen ist, wie in: „Wir haben uns bei der letzten Wahl falsch verhalten.“ Da wird die Hemmung als etwas verstanden, was Richtung und Ziel besitzen kann, ganz unabhängig von einem zu hemmenden Objekt. Hier, und da, und dort auch noch gilt es, die innere Kultivierung anzuwenden, ohne erst zu fragen, welche Seelen- oder Weltinhalte uns bedrohlich werden können. Schließlich landen wir bei dem Spezialfall – wieder einem! – der hieraus hervorkriecht wie das Küken aus dem Ei, das rückbezügliche Verb mit Objekt, der Beziehungsstiftungsautomat: „Parlamentarische Demokratie verhält sich zu echter Volksherrschaft wie …“ Die Hemmung ist nicht mehr auf den ersten Blick ersichtlich, aber wirkt noch: Um in Beziehung treten, verstehen, kooperieren zu können, so hier die Unterstellung, muss erst mal der Gorilla unsichtbar gemacht und die Möglichkeit zu kühler Überlegung gegeben sein.

Von welcher letzteren Anwendung des Prinzips „Verhalten“ wir ausgegangen sind: Sprechende Wesen, die sich kraft ihrer Sprache irgendwie zur Welt verhalten.