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vom verführten verstand

martina ernst | vom verführten verstand

Nachts, wenn man aufwacht aus dem Schlaf, oder morgens, wenn man wieder einschläft, ohne es eigentlich zu wollen, nur weil der Regen ans Fenster klopft und die Bindfäden sich in Pfützen verteilen, dann ist die Zeit, dass Bilder durch die Gedanken huschen, durcheinander gewürfelt, Erlebnisse, die einen nicht ruhen lassen, Verhalten, das auf Unverständnis stößt und gefiltert werden will, bis es den Tag wieder herausspuckt mit gemartertem Kopf. Solche Tage müssen sich erst bewehren, weil die Nacht es nicht mehr konnte und der Morgen sich zu schwach fühlte für den ersten Widerstand. Ein Pfropfen in der Wanne könnte helfen, dann würde das warme Wasser die Gedanken wieder zaghaft zusammensetzen. Ein Blick aus dem Fenster könnte ablenken, wenn das Kind von gegenüber wieder heult zwischen Hauseingang und Straße. Schon immer wollte ich den engen Bewegungsradius des Jungen mit meinen Schritten abmessen, das Bein nach vorne, schließlich muss man solidarisch sein, auch wenn das Weinen manchmal stört und sich das Fenster nicht mehr kippen mag. Ich glaube, es rührt von Eifersucht, das Weinen meine ich. Der Bruder ist jünger, vom Eingang zur Treppe wirkt für ihn die Spielfläche noch viel größer. „Haben die kein Zuhause?“, fragt mein Kumpel oft. Natürlich, das ist dahinter, hinter der Tür und nicht im Freien, und dann hat man doch Verständnis! Meine Freundin am Telefon fragt nach dem, der permanent so durch die Leitung heult, und ich sage: „Och, das ist der Junge von gegenüber.“ „Aha, jetzt kann ich verstehen, warum du keine Kinder magst!“ Dabei mag ich doch Kinder, ihre Kinder und den Sohn von meinem Bruder und eigentlich auch den Jungen, der immer an der Straße spielt. Aber ich schweige, schaue aus dem Fenster und der Junge hört auf zu weinen.

Die Stunde der Gartenvögel. Ich soll sie zählen, die Vogelarten. Dabei weiß ich, dass eine Amsel `ne Drossel ist, aber wie sieht der Zaunkönig aus? Der Computer spuckt die Bilder nicht ins Visier. Es wäre so einfach, sie zu vergleichen. Zu gerne würde ich mein erkennungstechnisches Problem mit dem Haussperling und Spatz gemeinsam lösen. Sie sind an einer Mitarbeit nicht interessiert. Nur weil ein Regenwurm kräftig Widerstand leistet und sich partout nicht aus der Erde ziehen lassen will, habe ich wenigstens die Drossel auf meinem Blatt Papier. Nicht zu verwechseln mit der Singdrossel, die hat weiße Tupfer unterm Bauch. Meine Drossel kann auch singen, darf in der Liste aber nicht unter Singdrossel stehen.
„Wenn ein Vogel fünfmal durchs Bild fliegt, sind es immer noch keine fünf Vögel“, so ungefähr steht es in den Teilnahmebedingungen. Argumente ziehen Verhalten nach sich. Dieses Mal sind die Argumente gut. Die Kohlmeise ist eben keine Blaumeise, und man sollte sie auch nicht zu einer machen, noch nicht mal auf einem Blatt Papier. Das war gar nicht so schwer zu verstehen.

Das mit dem Plasmaspenden war schon schwieriger, ein spontanes Verhalten sozusagen. Manchmal sollte man spontanes Verhalten verhindern, gerade wenn es vom Bauchgefühl geleitet wird und der Verstand daran, nach einer euphorischen Phase, zu zweifeln beginnt. Der Treppenaufgang war schon ungepflegt, ein Warnzeichen, finde ich. Matsch und Dreck bis zum zweiten Stockwerk und dann eine Tür, hinter der plötzlich Hygiene herrscht? Na ja, das Institut hätte auch in der obersten Etage liegen können. Tür auf, Fuß rein, Unbehagen, Anliegen äußern, Zettel ausfüllen. Warum sind hier nur junge Männer? Nennt man die Patienten? Das Ganze ist eine riesige Maschinerie mit einem stummen, blauen Wasserspender. Wenn man einen Plastikbecher richtig darunter platziert und einen Knopf drückt, kann man anschließend Wasser trinken, stilles Wasser, medium oder mit viel Kohlensäure, sodass die Nase juckt. Wenn man Plasma spendet, tut man eine gute Tat, kriegt fünfzehn Euro, oder man hat Angst und denkt über die Tücke des spontanen Verhaltens nach. Heute wird nur Blut abgezapft, also ein neuer Termin und damit Entscheidungsaufschub. Den linken Arm sollten sie zum Plasmaspenden nicht nehmen, sagt die Arzthelferin und drückt mir einen Wattebausch auf das strammgezogene Pflaster. Die meisten haben ein Buch auf dem Schoß liegen. Hier wird gelesen, hier gibt es Kultur zwischen Nadeln und Plastikverpackungen. Eigentlich ein Ort zum Wohlfühlen.

Ein Ort zum Wohlfühlen sollte mein Verhalten sein. Das aber läuft mächtig schief, meistens in die falsche Richtung und das, obwohl ich dann immer gerade denke, dass es gut läuft, mein Verhalten meine ich. Ein Vorstellungsgespräch ist so eine Sache, die mir im Schlaf begegnete und mich zum Aufwachen nötigte, wie so ein Mü­ckenstich, der anfängt, ganz fies zu jucken. Immer lächeln, beim Vorstellungsgespräch meine ich. Meine Wangen hatten sich verkrampft und ich hoffte, dass mein Gegenüber das nicht bemerken würde. Es gab nämlich viele Augenblicke, da war mir gar nicht zum Lächeln zumute und ich wollte es sein lassen, aber ich lächelte trotzdem, bei der Arbeitszeit zum Beispiel und dem Gehalt. Die beiden hatten sich klammheimlich in meinem Kopf zu einer Einheit verbunden und sich gleichzeitig zu einem unangenehmen Gefühl in der Magengegend zusammengeklumpt. Wie die das machten, ist mir unklar. Dann kam der Satz, es ist nur noch eine Stelle zu besetzen, und ich versuchte mir im Kopf ein Bild von der Anzahl der Mitbewerber zusammenzuschustern. Kein Wunder, dass meine Wangen in so banalen Situationen verkrampften. Dabei war mein Gegen­über noch mit keinem Wort auf meinen Lebenslauf eingegangen, und der war meistens das größte Problem, von der Länge, von den zahlreichen, für Außenstehende unerklärlichen Hüpfern her. Ich hüpfe gerne vor Freude, in den Berufen, im Leben, was soll’s, liebe Arbeitgeber und Verhaltensbeauftragte! Manchmal gehe ich auch zur Tür und denke, ich hab’s geschafft, dabei ist es gar nicht so, aber das weiß ich ja noch nicht, wenn ich rausgehe und zum Auto hüpfe, so wie man das tut, wenn man sich freut, ich jedenfalls.

Verhalten ist so verquer. Man lässt die Fliege aus der Wohnung, mag die Spinnen aber nicht anfassen, und wenn sie nicht in den Eimer will …, was kann ich dafür? Man mag Hühner auf der grünen Wiese, isst aber Chicken Nuggets und taucht sie mit Vorliebe in zähe Barbecue-Soße. Es ist wie verhext. Im Café zum Bespiel fragt man sich, warum der Einzelne hier ist, eine Verhaltensanalyse sozusagen. Als allererstes ist das Wetter schuld, das ist schon mal klar, jedenfalls wenn es regnet. Bei Sonne würde man draußen sitzen. Ein Typ in Motorradklamotten und der eingeschweißten Landkarte neben sich auf dem Boden tippt gerade ein paar Tasten auf seinem Handy, einfach so, und ich denke, er sagt jemandem ab, seiner Freundin vielleicht, und die sitzt dann einsam zuhause und schaut, wie die Regentropfen an der Glasscheibe entlanglaufen. Da könnte ich mir fast schon ein Taschentuch nehmen, allein bei dem Gedanken, und wenn ich dann mal schnupfen muss, ist keines mehr da. Plötzlich höre ich einen Jungen lachen, der platzt in meine Gehirnwindungen wie ein überdimensionales Stück Torte. „Schau mal Mama, es regnet!“ Mama schaut und macht ein Gesicht. „Ist das nicht toll?“ Ich weiß, er denkt an Matsch und Pfützen, an Wasserspritzer und nasse Stiefel. Manchmal heult er auch, eigentlich nur an den Tagen, wenn die Sonne scheint.