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84.000 wege des verstehens

werner schandor | 84.000 wege des verstehens

Im Schatten der Auseinandersetzung des Christentums mit dem Islam blüht in Österreich der Buddhismus vor allem in seiner tibetischen Variante

Das mediale Interesse ist auffällig. Stern, GEO und National Geographic widmeten dem Buddhismus in den vergangenen Monaten Coverstorys und ausführliche Reportagen. Vielleicht ist das ein Indiz für das Bedürfnis des Westens nach echter Spiritualität abseits des Esoterik-Selbstbedienungsmarktes; vielleicht auch nur das Bedürfnis von Journalisten, einmal eine Weltreligion ins Rampenlicht zu rücken, die nicht mit penetranten fundamentalistischen Ansichten und Aktionen in die Schlagzeilen drängt.

Dabei ist der Buddhismus hierzulande eher schwach vertreten. Nur eine Handvoll Menschen bekennt sich in Österreich zum „Weg der Mitte“, den Siddharta Gautama Shakyamuni vor 2500 Jahren als den rechten Weg erkannt und zur Nachahmung empfohlen hat. So waren Ende 2005 lediglich 1.722 Personen bei der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft ÖBR als Mitglieder registriert. Etliche mehr, nämlich rund 10.000 Personen, haben sich bei der Volkszählung von 2001 selbst als Buddhisten deklariert – verglichen mit den fast 6 Millionen Katholiken in Österreich ist das eine verschwindende Minderheit. Entsprechend wenig ist daher auch über die buddhistische Praxis in der Alpenrepublik bekannt. Die schreibkraft befragte Michael Aldrian zu einigen Themen des angewandten Buddhismus. Michael Aldrian ist einer von zwei buddhistischen Religionslehrern in der Steiermark.

 

 

Welches Datum schreiben wir heute nach buddhistischer Zeitrechnung?

Nachdem ich das nicht auswendig weiß, weil ich nach dem westlichen Kalender lebe, muss ich den tibetischen Kalender zur Hand nehmen. Wir haben heute Montag, den 14. November nach dem westlichen Kalender, und das ist der 14. Tag des tibetischen Monats der Feuer-Maus. In der Tagesqualität ist das Element Wasser vorherrschend, das ist günstig für das Wachstum. Es ist gut, jetzt eine Langlebenspraxis zu machen und seine Kräfte dadurch zu steigern. Wir schreiben das Jahr 2132. Es ist ein Holz-Vogel-Jahr, wobei das Holz das Element meint und Vogel das Tierjahr; das ist gleich wie im chinesischen Jahreskreislauf.

 

Wie kann man sich buddhistischen Religionsunterricht vorstellen?

In der Volksschule ist das eine lustige Sache. Ich erzähle das Leben des Buddha, das ist legendenhaft, das sind Geschichten. Ich gehe langsam und stückchenweise auf die Grundsätze seiner Lehre ein. Die Kinder hören die Lebensgeschichte von Prinz Siddharta auf seinem Weg zum Buddha und erfahren dann das Ergebnis dieser Buddhaschaft, nämlich dass er „erwacht“ ist und die Lehre von seinem Erwachen an die Menschen seiner Zeit weitergegeben hat. Und von dort kann ich im Unterricht in die Praxis einsteigen: Was heißt Achtsamkeit? Was heißt richtiges Leben, richtiges Streben und so weiter – die Sätze des achtfachen Pfades. Das wird von den Kindern immer wieder durch Fragen aus ihrem Leben unterbrochen, z. B.: „Warum gibt es welche, die sind lästig und nerven? Und wieso kommt immer einer zu mir und ärgert mich, weil ich Buddhistin bin?“ – Ich kann auf dieses Wieso natürlich keine Antwort geben, aber wir können das Leiden, das dahinter steckt, an die Oberfläche holen und schauen: Wie kannst du damit umgehen? Wie kannst du dich so fest hinstellen und sagen: „Ich bin, die ich bin!“, dass da niemand Lust hat, dich deswegen zu hänseln?!

Manchmal kommen auch keine Fragen, dann erzähle ich die ganze Stunde, oder die Kinder zeichnen und malen, und ich lockere den Unterricht mit einfachen Yoga-Übungen auf.

 

Und im Gymnasium?

Da ist mein Unterricht erst im Aufbau begriffen. Ich habe eine neue Gruppe bekommen, nachdem die Gruppe vom Vorjahr bereits die Matura gemacht hat. In der alten Gruppe lief die Beschäftigung auch auf der philosophischen Ebene. „Was hat das Ganze mit mir zu tun? Wozu lerne ich das?“ Oder: „Wie schaut das jetzt aus mit dem Karma? Ich sehe nie, dass dem, der sich so öd benimmt, irgendetwas passieren würde; dass er es zurückbekommt.“ – Das sind die Fragen, die von den Schülern selbst kommen.

In den buddhistischen Religionsklassen in der Steiermark sind nur wenige Schüler, man kann auf ihre Fragen und Anregungen sehr gut eingehen. Die Jugendlichen haben mich mit Fragen gelöchert, sowohl auf fachlicher Ebene als auch auf persönlicher als auch mit Fragen zum Ritual, z. B. „Wie geht meditieren?“.

Es gibt Schüler, die das im Elternhaus nicht lernen, obwohl ihre Eltern genuine Buddhisten aus Asien sind und in Europa diese Dinge total zurücknehmen – vielleicht um nicht aufzufallen. Die Kinder aus diesen Familien wissen unter Umständen gar nicht, wie man meditiert. Es ist seltsam, wenn dann der Westler herkommt, der zwar brav bei den Meistern des Ostens gelernt hat, und diesen Leuten, die den Buddhismus gewissermaßen mit der Muttermilch mitbekommen haben, erklären muss, wie eine Meditationssitzung aussehen könnte. Den Schülern hat’s aber getaugt. Die Rückmeldung war: Ja, das können wir jedes Mal machen, das passt!

 

Was lässt sich unter dem „Weg der Mitte“ verstehen?

Buddha hat herausgefunden, dass die Extreme nicht zur Erfüllung, nicht zur Erleuchtung führen. Weder das extreme Fasten, das Üben, das den Körper quält – die Askese –, noch das extreme Schwelgen in Reichtum, wie es Buddha als Prinz Siddharta erlebte. Für den Weg der Mitte – das ist der, der uns wirklich hilft – ist anzuerkennen, dass wir bestimmten Bedingungen unterworfen sind, nämlich Geburt, Alter, Krankheit und Tod, und dass wir als Menschen aber auch sehr große Möglichkeiten haben. Diese Möglichkeiten gilt es zu nutzen, und zwar jetzt sofort. Diese Möglichkeiten sind: Das Nachdenken, das Sehen, die gesamte Sinneswahrnehmung und ihre geistige Verarbeitung; sowie unser Schaffen in den Dienst der anderen zu stellen als die höchste Form. Das bringt uns in die Mitte von allem, denn du gehst dann dorthin, wo viel Leiden ist, und das ist immer bei der Mehrheit. Du gehst nicht in die einsame Abgeschiedenheit; das machen manche, aber nur vorübergehend: kein Yogi bleibt für immer in der Höhle. Dieses Hinausgehen wird schon grundsätzlich als Mitte verstanden.

Wenn man nur den eigenen Körper betrachtet, bedeutet Weg der Mitte, dass der Buddhismus nicht kopfzentriert ist, sondern dass die Einstellung des Buddhisten aus der Mitte heraus ist, dort, wo die Japaner im Hara und die Chinesen im Tan tien ihr Chi wahrnehmen. Ganz grundsätzlich handelt es sich um eine weiter in die Körpermitte hineinverlegte Wahrnehmung des ganzen Menschen.

 

Wenn man den Buddhismus von außen betrachtet, dann sieht man das Meditieren als Kern dieser Religion – so wie man als Nicht-Christ vielleicht die Kommunion als Kern der christlichen Praxis sieht. Die Frage ist: Gibt es im Buddhismus etwas, das dem „Geheimnis des Glaubens“ der Christen entspricht? Gibt es ein religiöses Mysterium?

Es ist so, dass die Einstellung des Buddhisten der Kern ist. Es wird in allen Lehren gesagt: Wenn du die Einstellung nicht hast, dann nutzt dir das Meditieren nichts. Das ist eine Grundlage. Und natürlich steckt ein gewisses Mysterium dahinter, zumindest im tibetischen Buddhismus, wo die Lehre sehr stark von Meistern zu Schülern übertragen wird. D. h. die Einsicht in den Weg des Buddha – die Bodhicitta-Belehrung, die man sich am Anfang zu Gemüte führen soll, weil ohne sie die Praxis keine Wirkung zeigt –, die ist ganz wesentlich an die Vermittlung durch einen weit fortgeschrittenen Meister gebunden. Die Übermittlung dieses „Erleuchtungsgeistes“ ist ein autoritativer Aspekt des Buddhismus. Über den Erleuchtungsgeist beginnt man zu meditieren: Was bedeutet das überhaupt für mich selbst UND für alle anderen fühlenden Wesen?

Das Bodhicitta ist die Einstellung des Buddhisten, aus dem heraus die Erleuchtung zum Wohle aller Wesen angestrebt wird. Sie beinhaltet liebendes Mitgefühl, die Verbundenheit mit allen Wesen, die Einsicht in die Illusionshaftigkeit des Daseins. Daraus resultiert das meiste andere, denn du brauchst dann ein Werkzeug wie die Meditation. Die Meditation ist ein Weg, um zur Erleuchtung zu gelangen, aber das bedeutet nicht, dass du stundenlang „absitzen“ musst. Das ist nicht gesagt. Das ist nur EIN Weg. Der Buddha selbst hat 84.000 Lehrreden gehalten – im Prinzip mit dem gleichen Inhalt, weil es 84.000 verschiedene Wege des Verstehens gibt. Das ist natürlich eine symbolische Zahl.

 

Ist die Annahme, dass man Erleuchtung erlangen kann, das Mysterium des Buddhismus?

Die Erleuchtung ist nichts Besonderes. Bei den Zen-Buddhisten heißt es: Nach der Erleuchtung ist vor der Erleuchtung. Beinhart. Wenn du mit der Motivation, Erleuchtung zu erlangen, zu den Zenisten gehst, werden sie dich mit dem Knüppel heimschicken, weil das könnte in die Richtung einer Glaubenslehre gehen, und das würden sie komplett ablehnen, und da haben sie auch Recht.

Sie formulieren es ein bisschen anders, aber auch dort gibt es ein Meister-Schüler-Verhältnis, wo der Meister dem Schüler Koans, also Aufgaben, stellt, die zu einem Satori, einer kurzzeitigen Erleuchtung, führen sollen. Das Verstehen des Bodhicitta wäre gleichbedeutend, d. h. du musst begreifen, wofür du das Ganze machst, und das kannst du nur selbst begreifen.

Natürlich steckt da etwas Mystisches drin, weil die Selbstverantwortung in der Lehre Buddhas gleichzeitig bedeutet, dass ich selbst die ganze Bandbreite der möglichen Wahrnehmungen und Erfahrungen habe. Es gibt niemanden, der sagt: Du musst genau diese Erfahrung machen, dann hast du einen Schritt getan. Die meisten Yogis, die sich nicht an ein System binden, die haben gute Lehrer als Grundlage gehabt, die ihnen einen starken Impuls gegeben haben, der sie auf den Weg zur selbst entstandenen Weisheit geführt hat. Das heißt: Nur das, was ich selbst erlebt und verwirklicht habe, kann ich Weisheit nennen, weil nur das kann ich anderen weitergeben. Alles, was ich angelesen habe, wird nie meine Erfahrung sein, selbst wenn ich es noch so sehr verstanden habe. Unterwegs zu dieser selbst entstandenen Weisheit sind alle, die das irgendwie begriffen haben.

 

Woran würde man erkennen, wenn man erleuchtet wäre?

Das ist eine gute Frage, super! Ich mache mir da jeden Abend Gedanken darüber, wie das ausschauen würde, wenn ich erleuchtet bin! Nein, im Ernst: Wenn ich davon ausgehe, dass Erleuchtung ein Stadium des Loslassenkönnens von Angst und von den Bedingungen dieses Lebens ist, dann kann das bei geeigneter Praxis in einem Leben schon gehen. Viele der Meister, die ich erleben durfte, sind schon sehr weit auf diesem Weg, die haben zum Beispiel einfach keine Angst mehr vor dem Sterben.

Wenn ein Mensch diese Ebene überwunden hat, dann hat er sicher schon eine Zwischenstufe erlangt, wo er mehr sieht als ich, mehr sieht als wir alle, indem er sich befreit hat von vielem, was uns normalerweise einschränkt. Die Silbe „buddh“ im Wort Buddha heißt „erwachen“, Buddha heißt: „Der Erwachte“. Wovon ist er erwacht? – Von seinen Schleiern, von seinen Täuschungen, von seinen Illusionen, und insofern kann man nicht sagen: „Jetzt habe ich es geschafft!“, weil in diesem Augenblick habe „Ich“ etwas geschafft, und das Ich ist ebenfalls eine Illusion. Aber es kann sein, dass ich eines Morgens aufwache und bemerke: Heute ist etwas anders, ich habe mich von ein paar Sachen befreit, die mich bisher eingeengt haben; und da habe ich vielleicht einen Schritt in diese Richtung gemacht.

 

Führt das dann ins Nirvana?

Tja, jetzt sind wir schon an einer Stelle … gut. Das Nirvana wird von uns Westlern ein bisschen wie das Paradies gesehen, und das Samsara ein bisschen wie die Hölle. Tatsächlich sind es nur die zwei Seiten einer Medaille, es geht immer noch um Entstehen und Vergehen, weil auch im Nirvana – obwohl es ein unendlich freudvoller Zustand ist –, sagt der Buddha, sollst du nicht verweilen. „Samsara und Nirvana sind eins“, das ist der Anfang von einem großen Gebet, dem Wunschgebet des Samantabhadra (Urbuddha). Aus der Unwissenheit entstehen die Geistesgifte Anhaftung und Ablehnung, also Gier und Hass, und daraus entsteht der Rest der Welt, und so geht dieses Gebet weiter. Und du kannst dich entscheiden, auch hier schon, lebst du im Samsara oder lebst du im Nirvana?!

Aber wie gesagt, es gibt 84.000 Lehrreden, und man muss schauen, in welchem System man sich bewegt. Wenn ich vom Theravada ausgehe, schaut das anders aus. Vom Theravada aus ist Nirvana der Erleuchtungszustand. Vom Mahayana aus gesehen heißt es, die höchste Erleuchtung des Theravada ist die erste Stufe der Bodhisattvaschaft. (Als Bodhisattvas werden Erleuchtete bezeichnet, die sich entschließen, nicht gleich ins Nirvana einzugehen, sondern zum Wohl der Menschen auf der Erde zu bleiben – Anm. der Red.) Natürlich sei das etwas Großartiges, aber für das letztendliche Erwachen fehle dem, der den Theravada-Weg gegangen ist, auch noch ein ganzes Stück. So sagen die Mahayana-Lehren. Da werden die Theravada-Anhänger widersprechen. Aber egal. Diese Lehren können alle nebeneinander bestehen. Solange nicht einer sagt, wir sind besser, können die buddhistischen Schulen fast alles vertreten. Das macht mitunter den Unterricht ein bisschen schwierig. Wenn ich chinesische Buddhisten, Theravada-Buddhisten und die westlichen Buddhisten mit tibetischem Hintergrund habe, dann hast du quasi das ganze Spektrum beisammen, und das erfordert wirklich einen Spagat.

 

In Österreich ist die tibetische Tradition des Buddhismus stark vertreten, die stark auf Rituale setzt. Wie kommt das? Hat das etwas mit unseren katholischen Wurzeln zu tun?

Das könnte durchaus zutreffen. Was die Österreicher und die Verbindung zu Tibet betrifft, sei nur Heinrich Harrer erwähnt, der Freund vom Dalai Lama. Mich persönlich hat an der tibetischen Praxis die Nähe der Lebenswelten angesprochen, die Berge, das Urwüchsig-Schamanische, das auch in vorchristlichen Berggemeinden bei uns durchaus gepflegt wurde, und das bei verschiedenen Bräuchen, Geschichten und Überlieferungen noch immer durchschimmert. Da trifft der tibetische Buddhismus offensichtlich in Österreich auf eine ähnliche Mentalität. Aber die ersten wesentlichen buddhistischen Gruppierungen in Österreich waren natürlich jene Zen-Gruppierungen, die über die evangelische Kirche und deren ostasiatische „Außenstellen“ hierher gelangten. Die haben schon vor dem 2. Weltkrieg Zen-Interesse bekundet, und das war noch, bevor der tibetische Buddhismus hier in größerem Maße gegriffen hat.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es ein buddhistisches Interesse und auch buddhistische Gruppen in Österreich und Deutschland. Zur Jahrhundertwende, als man viele Waren aus Ostasien bezogen hat, hat man auch Buddhismus bezogen, und da sind die ersten Gruppen entstanden, und da wurde auch die Rime-Gruppe, die nicht-sektiererische tibetische Gruppe, gegründet, weil man die verschiedenen tibetischen Schulen keinem Westler hätte erklären können. Also wurde gesagt: OK, hier ist das Zentrum für tibetischen Buddhismus, und da dürfen alle Lehrer, egal welcher Schule sie angehören, unterrichten – das waren winzige Zirkel mit gebildetem Publikum.

Mit den Kriegen gab es natürlich immer wieder Einbrüche in der westlichen buddhistischen Tradition, aber auch Verbindungen. Das Hakenkreuz zum Beispiel ist eines der heiligsten Symbole in Tibet und in Indien. Die Leute dort sind nicht wählerisch, ob es nach rechts oder nach links zeigt, die Ausrichtung steht nur für männlich und weiblich, hat also keine Bedeutung für die Wirksamkeit. Hitler hat sich dieses wunderbare Zeichen einfach einverleibt, und dadurch wurde es zunächst einmal für viele diskreditiert. Ich finde es heute noch schaurig, wenn ich die tibetischen Gebetsfahnen ansehe, und ich sehe ein Hakenkreuz darauf, weil mich das immer in die falsche Richtung bringt – in die verderbliche, wo sich jemand ein Sonnen- und Kraftsymbol angeeignet hat, um damit die Vernichtung zu fahren. Das ist fürchterlich! Das ist ein ganz, ganz seltsames Gefühl. Aber auch das scheint in Österreich irgendwie die Verbindung mit den Tibetern leichter gemacht zu haben, trotz allem.

Seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts gab es dann eine „zweite Welle“ der Buddhismusrezeption in Europa und den USA. Erstmals wurden westliche Wissenschaftler und die „Eso-Szene“ auf die Schätze aufmerksam, die in den Traditionen verborgen sind. Stichworte: Meditation als „Therapie“, Yoga zur Gesundheitsförderung, tibetische Medizin, der Aspekt der Leerheit im physikalischen Quanten-Universum usw.

 

Wann ist man eigentlich Buddhist?

Das ist eine gute Frage. Eigentlich ist es wichtig, das Buddhist-Sein nicht an die große Glocke zu hängen. Ich kann  sagen, dass ich Buddhist bin, weil ich offiziell registrierter Zugehöriger der buddhistischen Religionsgemeinschaft bin, und die ist definiert als „Gemeinschaft aller praktizierender Buddhisten“, sie ist also nicht als Kirche organisiert. Die Meditationen und die Übungen, die ich mache, kommen in der Hauptsache von der tibetischen Tradition, teilweise auch vom vietnamesischem Mönch Tich Nath Hanh, und insofern kann ich sagen: Bin ich halt Buddhist, d. h. einer, der danach strebt, ein Erwachter zu werden und sich von den Schleiern zu befreien, die ihn nach wie vor umgeben.

 

Warum soll man das Buddhist-Sein nicht an die große Glocke hängen?

Im Unterschied zu den abrahamitischen Religionen haben die Buddhisten nie missioniert. Das finde ich einen sehr wichtigen Aspekt.  Aber: Es gibt an und für sich keine Mission bei Buddha, das heißt: Wenn sich jemand dafür interessiert, was ich tue, kommt er und fragt mich. Von mir aus würde ich das niemandem aufdrängen. Deshalb hänge ich das nicht an die große Glocke.