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ab durch die mitte

michaela hawlik | ab durch die mitte

00:00

Ich bin am Ende meiner Kräfte. Links und rechts von mir wird wild gestikulierend diskutiert über die Landtagswahlen, die politische Entwicklung in der Steiermark, Wien, Österreich, Deutschland, Europa. Ich kann nicht mehr folgen, nichts mehr hören von links, rechts, der dünnen Mitte, ich will die Müdigkeit Oberhand gewinnen lassen. Ich zähle von zehn bis null, stehe auf, ganz ohne Vorwarnung, schüttle höflich die Hände, wünsche noch anregende Gespräche und ziehe die Flügeltür zum Schlafzimmer mit einem galanten Lächeln zu. Es ist mir egal, mittlerweile ist es mir wirklich einerlei, was die Herrn Architekten von mir denken, wenn ich die Gesellschaft schon zu so früher Stunde Richtung Bett verlasse. Ich putze mir die Zähne, entferne mit Zahnseide die hartnäckigen Nüsschenreste und lächle mir im Spiegel zu. Mit den dunklen Augenringen und der vor Müdigkeit ganz blassen Haut gefalle ich mir gar nicht so schlecht. Komisch, dass die Haut so blass ist, wo doch mein Hirn die letzten Stunden auf Hochtouren durchblutet wurde. Ich schleppe mich die Leiter ins Hochbett hinauf, ich bin erschöpft, ausgesaugt, unzufrieden. Ich schaffe das nicht, jeden Tag bis in die Morgenstunden Campari trinken, Nüsschen essen und über Politik, Architektur und virtuelle Welten philosophieren und zwischen diesen hochgeistigen Diskussionen meiner öden Arbeit als Dienstmagd nachgehen. Auf der einen Seite so intellektuell tun, auf der anderen Seite einen der ödesten Jobs ausführen und dafür auch noch Geld kassieren. Die Schere klafft viel zu weit auseinander. Im ersten Semester auf der Uni haben wir noch darüber gescherzt, dass wir sicher einmal als akademische Klofrau am Karlsplatz enden werden. Es gibt da keine Balance mehr, die Blutzirkulation im Hirn den halben Tag komplett ausschalten, dann wieder auf das Maximum ankurbeln, um den Konversationen auf meinem Wohnzimmersofa annähernd folgen zu können. Immer dieses Leben in Extremen. Aber wenn sich die Schere schließen würde und ich in der Mitte zerquetscht werden würde, das wäre mir auch nicht Recht. Ich versuche die Aktivität der Nervenzellen auf ein Mittelmaß zu reduzieren und versorge meine Gehirnwindungen mit der dunklen Seite des Mondes. Das Buch wurde mir mehrmals empfohlen und schien mir zur Neutralisierung geeignet. Der Protagonist Urs Blank hat sich scheinbar wieder von seinen halluzinogenen Ausflügen erholt und zu einem normalen Leben zurückgefunden, aber das wird nicht so bleiben, ich bin ja erst bei der Mitte. Aus dem Wohnzimmer dringen elektronische Klänge, ich greife nach meinen Ohropax, presse sie so fest wie möglich in die Gehörgänge, aber wie immer schaffen es die Schallwellen durch die Wachskügelchen hindurch zu dringen und mein Trommelfell in Schwingung zu versetzen. Mit zusätzlichem Fingerdruck gegen den Ohrverschluss kann ich sie in Schach halten, aber in dieser Zeigefingergegendiewachskügelchenpressstellung ist es mir unmöglich einzuschlafen. 

3:00

Meine Blase erzeugt leichten Druck. Selbst bei kleinster Füllmenge muss ich sie in der Einschlafphase entleeren. Das Klo ist nicht weit entfernt, und ich riskiere es die Notdurft in meinem rosa Snoopynachthemd mit Glitzerpünktchen zu verrichten. Auf Zehenspitzen schleiche ich die Bettleiter hinunter und sprinte in einem Sekundenbruchteil zur Klomuschel. Ganz leicht ziehe ich die Spülung, nur ein schwaches Bächlein Wasser rinnt ganz behutsam hinab und spült meine drei Klopapierblätter hinunter. Nicht ganz, sie bleiben in der Mitte hängen, aber noch mal die Spülung ziehen wäre zu riskant. Mit drei großen Schritten bin ich wieder im Schlafzimmer und zieh mich die Leiter hoch. Mein Herz rast, ich bekomm kaum noch Luft. Aber besser hyperventilieren, als von Gerhards Kollegen im Snoopynachthemd gestellt zu werden. 

6:00

Die Gespräche im Wohnzimmer sind verstummt, die elektronischen Beats verklungen, die Wohnungstür wird zugeworfen, Gelächter im Stiegenhaus. Gerhard dreht seine Leselampe auf und beschwert sich wie jede Nacht, dass ich schon wieder in der Mitte des Bettes liege. Ich knurre ein bisschen, entschließe mich aber spontan zu einer kleinen Konversation, ich finde, sie steht mir zu, obwohl ich mich in den roten Bereich der Bettmitte vorgewagt habe. Gerhard will lesen, er meint, ich hätte genug Chancen gehabt meinen Mund aufzumachen. Außerdem ist ihm schlecht, und ich soll endlich aus der Mitte verschwinden, sonst wird er ernsthaft böse. Ich entschließe mich zum Rückzug auf meine Seite und wage noch einen Gesprächsanlauf. Er scheitert kläglich, aber immerhin Gerhard liest mir noch eine Episode aus den Robotergeschichten vor. Ich kann mein Glück kaum fassen, das mit dem Vorlesen war ein Scherz, aber Gerhard steigert sich da jetzt richtig rein. 

9:00 

Gerhard schnarcht, der Wecker piepst, vibriert, robbt sich langsam Richtung Abgrund und stürzt hinunter, schlägt auf dem Rudergerät auf und verstummt. Obwohl nur kurz, habe ich wunderbar geschlafen und geträumt, dass ich meinen Job als Behindertenbetreuerin gekündigt, ein Raumschiff bei Ebay ersteigert und mich als Robotpsychologin im Weltraum selbstständig gemacht habe. Auf der Uni wurde uns vor allem das eine beigebracht, wenn wir eine Chance haben wollen in unserem Beruf, dann müssen wir uns etwas komplett Neues einfallen lassen, müssen in Gebiete vordringen, die noch nie zuvor ein Psychologe gesehen hat. Robotpsychologin, das ist es! Lebe deinen Traum, das Motto des heutigen Tages! Das ist das Ende der blutleeren Gehirnzeiten, das ist der Beginn einer neuen Ära! Wie sich das wohl anfühlt, wenn den ganzen Tag Blut durch die Gehirnwindungen fließt, die Axone ununterbrochen Signale senden müssen? Ist sicher mit einem gewissen Stress verbunden, wenn die Neuronen ständig in Aktion sind. Angeblich besitzt dieses kleine Gebilde da oben in meinem Kopf mehr Rechenleistung als alle Computer der Welt zusammen. Gut, das hat sich seit Ende meines Studiums sicher geändert, aber trotzdem nehmen wir mal an, diese Aussage stimmt für 2.000, dann ist das immer noch sehr enorm. Ich muss diese Chance, die sich mir da oben in meinem Haupt bietet, nützen und zwar als Robotpsychologin. Hoffentlich ist nicht schon eine meiner hunderttausend arbeitslosen oder kloputzenden Kolleginnen auf diese galaktische Idee gekommen. Ich muss jetzt ins Fitnesscenter und bei einer Aerobiceinheit mittleren Schwierigkeitsgrades mitmachen. Normalerweise schaff ich koordinationsmäßig nur die Anfängerstunden, aber heute an diesem denkwürdigen Tag, an dem ich meinen Job kündige und Robotpsychologin werde, trau ich mir die Mittelstufe zu. Aerobic, das gleichzeitige Bewegen von Armen und Beinen in einer bestimmten Choreographie, bei der Mittelstufe sogar mit Drehungen und Sprüngen, ist eine Herausforderung für das Gehirn, Herausforderungen, die brauche ich jetzt! Immer schwierig, ein Kästchen zu wählen, besonders an einem so entscheidenden Tag wie heute. Lage, Nummer, Farbe, was passt an dem Tag, an dem ich meine Karriere als Robotpsychologin starte? Eher rechts oder links, auf keinen Fall in der Mitte, die Mitte ist wirklich schlimm, die Mitte ist kein gutes Symbol für den heutigen Tag. Ich entscheide mich für ein rotes Kästchen ganz rechts mit der Nummer 67. 67 ist eine Primzahl, also kompromisslos, lässt nur sich selbst zu. Rot steht für Tatkraft und Handeln, für Aktivität, und rot fördert die Blutzirkulation! Von heute an trage ich nur noch rot, keine dunkelblauen Sweater mehr, keine braunen Hosen, rot von Kopf bis Fuß und gut durchblutet, vor allem im Hirn. Die Platzwahl im Gymnastiksaal ist ausschlaggebend für den persönlichen Erfolg innerhalb einer Aerobic­einheit. Meistens stehe ich in der Mitte hinten, an ganz schlechten Tagen sogar rechts oder links hinten im Eck, um so wenige Menschen wie nur möglich um mich zu haben. Heute aber schaue ich meinen Beinen zu, wie sie mich nach vorne tragen, nach vorne in die Mitte. Zentraler kann man gar nicht mehr stehen. Face to Face mit der Trainerin, alle schwitzenden Ladies im Rücken. Heute möchte ich Konfrontation. Ich in der Mitte vorne, das hat es noch nie gegeben. 

12:00

Gerhard die Schnarchnase liegt immer noch im Bett und mein Computer steht im Schlafzimmer. Ich muss ins Internet, recherchieren über meine zukünftigen Klienten, Bücher bestellen, Mails versenden, Visitenkarten drucken. Es klingelt. Ein Päckchen, für Gerhard natürlich, aber auch das wird sich ändern, bald werde ich Päckchen bekommen, bald bin ich die Wichtige von uns beiden. „2. Stock, die mittlere Tür“. „Kommens bitte runter.“ Na das sind Sitten, ich soll runter kommen! Das wird auch anders werden, wenn ich berühmt bin, wenn unten an der Haustür mein goldenes Schild prangt: Mag. Katrin Mittermeier, Robotpsychologin. Vielleicht mache ich auch noch den Doktor, klingt seriöser. Dann wird mir sicher jedes Päckchen, wenn nicht sogar die Werbung vom Hofer, persönlich bis an die Wohnungstür geliefert und mit einem kleinen Diener überreicht. Schließlich weiß man ja nie, ob man nicht morgen schon eine Robotpsychologin braucht, und dann ist es immer gut eine zu kennen und sie nicht durch das eisige Stiegenhaus gehetzt zu haben. Gerhard findet die Idee genial, er will mich unterstützen, setzt sich gleich vor den Computer und ersteigert ein Raumschiff mit Warpantrieb. Ich drucke Visitenkarten und Flyer, damit ich sie bei meinem Ausflug im All unter die Roboter bringen kann. Gerhard meint, als Robotpsychologin werde ich dann zwar noch weniger bis gar nichts verdienen, aber das ist dann wenigstens ehrlich und sicher erfüllender als ein Leben als Dienstmagd. 

15:00

Das Telefon klingelt, mein Chef ist dran und will wissen, warum ich nicht im Dienst erschienen bin, ob ich krank sei oder was los ist. ich spüre schon beim Telefonieren mit meinen Chef, wie das Blut in meinem Hirn zähflüssig wird, die Axone in Mittagsschlaf verfallen und die Neuronen rasch ein paar Vernetzungen abbauen. Ich kündige, mein Chef fragt, was ich diesmal werden will, Papstdouble, Wetterhypnotiseurin oder doch wieder Katzenfelltherapeutin. Das ist mir zu blöd. Ich lege auf. Nie wieder will ich zwölf Geschirrspüler an einem Tag aus- und einräumen, sieben mal innerhalb von drei Stunden die Müllhütte besuchen, Germknödel aufwärmen, Tiefkühlpizzas ins Rohr schieben, Zehenbäder temperieren und als Herausforderung des Tages eine Fliege fangen. 

18:00

Gerhard und ich sind auf dem Weg zum Raumschiffbesitzer. Wir müssen es heute noch abholen, und ich werde noch vor Mitternacht in den Weltraum starten. Das Raumschiff parkt rechtswidrig im Innenhof, und heute ist die Deadline, um es von dort wegzuschaffen. Da wir auch keine rechtmäßige Parkmöglichkeit für das Raumschiff zur Verfügung haben, werde ich gleich los fliegen. Visitenkarten und Flyer habe ich dabei und eine 300 Gramm-Tafel Mandelschokolade gegen die Nervosität. 

Da ist es mein Raumschiff, rot wie ich es mir vorgestellt hab. In der Mitte ist der Name aufgepinselt: Calvin 2. Calvin, so heißt die Robotpsychologin in den Robotergeschichten. Bin ich also die zweite unserer Art, die zweite Robotpsychologin? Calvin Klein, Johannes Calvin, Calvin und Hobbes ... Calvin 2, was auch immer dieser Name bedeuten mag, wir fliegen ins All! 

21:00

Ich muss sofort starten, das war die Bedingung. Es gibt jetzt kein Zurück mehr. Der Vorbesitzer und Gerhard erklären mir kurz, wie ich die Calvin 2 fliegen muss. „Es ist wie in einem Autodrom, einfach Gas geben und lenken.“ Ein bisschen Angst habe ich, aber dann denk ich an die tausenden Stunden ohne Gehirndurchblutung, daran, dass ich gerade in diesem Moment die sechshundertdreiundneunzigste Eierspeis zubereiten könnte, atme durch, schließe kurz die Augen, zähle von drei bis null und steig ganz fest aufs Gaspedal. Die Calvin 2 reagiert prompt und binnen Sekunden sind wir mitten im Weltraum, mein Raumschiff, die Calvin 2, und ich, die Robotpsychologin. 

24:00

Wir landen auf der dunklen Seite des Mondes. Urs Blank erwartet uns schon. Ich stell mich vor. Ich hab den Vorteil, dass ich ihn schon kenne. Ich dagegen bin ja noch keine Berühmtheit, aber wenn wer in drei Jahren hier landet, dann werde ich auch schon in die Geschichte eingegangen sein. Urs Blank ist gar nicht so seltsam, wie er in dem Buch beschrieben wird. Ich hole die Mandelschokolade aus dem Raumschiff und breche sie in der Mitte durch, eine Hälfte für Urs und eine für mich. Komisch, das hätte ich nicht gedacht, dass ich Urs Blank, von dem ich gestern noch gelesen habe, heute schon auf dem Mond treffe. Blank will wissen, ob sein Messingschild noch hängt. Leider weiß ich das noch nicht, ich bin erst bei der Mitte.