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ab in die nischen

Die Literaturvermittler sind in der Dauerkrise


Gunther Nickel (Hg.): Kaufen! statt Lesen! Literaturkritik in der Krise?

Wallstein Verlag: Göttingen; 2005; None

Rezensiert von: werner schandor


„Ich teile die Zuversicht im Hinblick auf das Internet nicht. Einrichtungen wie perlentaucher.de und literaturkritik.de sind zwar eine schöne Sache, aber was doch dominiert, sind Laienkritiken wie die ‚Top 500’ oder ‚Top 1000’-Rezensenten bei Amazon, deren Bewertungskriterien oft hanebüchen sind. Was einst der Traum von Brecht und Benjamin war, dass jeder seine Meinung publizieren kann, ist hier auf fatale Weise Wirklichkeit geworden“ – sprach Gunther Nickel vom Deutschen Literaturfonds bei der Podiumsdiskussion anlässlich der deutschen Literaturkonferenz 2004 in Leipzig. Mit ihm saßen sechs weitere Vertreter des Literaturbetriebs auf dem Podium, um den Zustand der Literaturkritik im deutschsprachigen Feuilleton zu diskutieren: Thierry Chervel (perlentaucher. de), Ina Hartwig (Frankfurter Rundschau), Tilman Krause (Die Welt), Frauke Meyer-Gosau (Literaturen), Wilfried F. Schoeller (PEN Deutschland) und der Autor Burkhard Spinnen. Letzterer unterstrich die Bedeutung einer fachkundigen Rezension für sein eigenes Schreiben. „Die Auseinandersetzung mit der Kritik ist und bleibt der wichtigste Diskurs; ich bin darauf angewiesen, und das heißt na türlich: Ich bin auf die Qualität der Kritik angewiesen.“ – Und mit dieser Qualität, so eine der Prämissen der Diskussion, sei es in Zeiten der Kurzkritik, der Internet-User-Meinungsbekundung und der geistigen Verflachung populärer TV-Literatursendungen nicht zum Besten bestellt. Nochmals Gunther Nickel: Es geht hier nicht darum, Elke Heidenreich zu verteufeln. Was ihr als Kaufmotivation gelingt, ist beachtlich und für manche Verlage eine große Unterstützung. Aber mit Literaturkritik hat ihre Dauerwerbesendung nun einmal herzlich wenig zu tun. Sie könnte statt Lesen! auch Kaufen! heißen, ohne dass an der Konzeption auch nur ein Gran geändert werden müsste. Kaufen! statt Lesen! Literaturkritik in der Krise? nennt sich dementsprechend auch das dünne Buch, in dem die Leipziger Podiumsdiskussion wiedergegeben ist – ein spannendes Dokument, wie Literaturkritik in Zeiten medialer Umbrüche von Experten eingeschätzt wird. Während Thierry Chervel Handlungsbedarf der Printmedien ortet, was ihr Verhältnis zur Userbewertung und zum Medium Internet generell betrifft, finden die Literaturredakteure eben jener Printme- dien den Zustand der Literaturkritik in Deutschland noch nicht Besorgnis erregend.

Die Rolle der Kassandra wird nicht von den Journalisten, sondern vom Literaturwissenschaftler Gunther Nickel eingenommen: Die Feuilleton-Leserquote ist sehr gering, durch die Einkünfte aus Stellenanzeigen, die ins Internet abgewandert sind, kann das Feuilleton nicht mehr subventioniert werden, und daher wird man Geld nur in die Teile der Zeitungen stecken, die eine hohe Leserresonanz haben. Die Prognose lautet also: Der Umfang des Feuilletons wird weiter abschmelzen und die Autoren werden immer mühsamer den Weg zum Publikum finden. Die Befürchtung ist vermutlich nicht unbegründet. Es ist selten so, dass Österreich ein Vorbild für die deutsche Medienlandschaft abgibt. Aber wenn man beobachtet hat, wie sich in den letzten 10 Jahren der Platz für Rezensionen in den Feuilletonbeilagen z.B. des Standard gelichtet hat, und wenn man sich anschaut, wie sehr Literaturkritik in auflagenstarken Medien wie der Kleinen Zeitung auf das Daumen-rauf-Daumen-runter-Prinzip verkürzt wurde, dann sind Gunther Nickels Unkenrufe sicher berechtigt. Die Frage ist nur – und sie wird auch von den Diskussionsteilnehmern in den Raum gestellt –, ob eine Literaturkritik, die sich an die breite Masse der Medienkonsumenten richtet, überhaupt machbar ist. Literaturredakteur Tilmann Krause: „Ich glaube, die Literatur wird sich zurückziehen und das literaturbegeisterte Publikum, das echte Lesepublikum wird sich zurückziehen in seine Nischen[,] und vollkommen unbetroffen von einer Elke Heidenreich […] wird diese Literatur für anspruchsvolle Leser ihre Nischen finden.“