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ad absurdum

werner schandor | ad absurdum

Das Weltgesetz der Hypertrophie harrt seiner Verbreitung

Die schlimmste Phase habe ich schon hinter mir: Das war mit einem Computer, der noch unter Windows 98 lief. Irgendwie hatte ich es geschafft, ihn so lahm zu machen, dass allein das Aufrufen eines neuen Word-Dokumentes bis zu zwei Minuten dauerte. Dann ergatterte ich aus dem Internet und von Software-CDs, die Computermagazinen beiliegen, allerlei Gratisprogramme, die versprachen, meinen PC schneller zu machen. Also tunte und entrümpelte und werkelte ich tagelang in den Systemeinstellungen herum, in der Hoffnung, mehr Speed in die Geschichte zu bringen. Ein Freund meinte zwar, genau so gut könnte ich mir Rallyestreifen auf meinen PC kleben, und ich solle den Blödsinn sein lassen, aber ich hörte leider nicht auf ihn. Die Programme, die ich einsetzte, hatten Namen wie WinSpeedUp, Reg- Cleaner und CPU-Booster. Ich ließ sie alle über meinen Rechner laufen, bis das ganze System schließlich dermaßen hinüber war, dass nichts mehr half, als die Festplatte neu zu formatieren. Nur wer anno dazumal selbst den Befehl „format c“ in MS DOS getippt hat, kennt das flaue Gefühl, das sich einstellt, wenn der Computer restlos alle Daten ausradiert, um tabula rasa auf der Festplatte zu machen. Wird die Neuinstallation glücken? Habe ich auch wirklich alle Daten und Einstellungen runtergespeichert? Habe ich alle Installationsschlüssel, alle Kenn- und Passwörter für die Neuinstallation zur Hand? Verdammt, wie lauteten die Einstellungen für den Internetzugang?! Dank der berüchtigten Bedienerfreundlichkeit des alten Windows dauerte es Stunden, bis ich meinen Computer neu aufgesetzt hatte und bis alle Programme wieder liefen, die ich benötigte. Mit meinen Tuningmaßnahmen hatte ich fast eine ganze Arbeitswoche verschwendet, aber nun öffnete Word wieder in 10 Sekunden, und ich war glücklich. Ich konnte wieder schreiben. Zumindest theoretisch stand dem nichts im Weg. Schließlich hatte ich mir den Computer Mitte der 90er-Jahre genau zu diesem Zweck angeschafft: Als bequeme Schreibmaschine, die den Vorgang des Tippens und Ausbesserns revolutionierte. Das Seltsame war nur: Seit ich den Computer hatte, schrieb ich weniger als davor, wo ich einfach mit Füllfeder und Notizbuch losgezogen war, Skizzen zu Papier gebracht hatte und ausgewählte Passagen später auf der Schreibmaschine abtippte. Anschließend tippte ich nach einer Verbesserung den ganzen Text erneut von vorn bis hinten ab, um eine weitere Version zu haben, die dann wieder verbessert werden konnte usw. usf. Auf diese Weise brachte ich z. B. auch in wochenlanger Arbeit die knapp 100 Seiten meiner Diplomarbeit zu Papier. Dann kam der Computer, und das Abtippen eines Textes nach Korrektur gehörte der Steinzeit an. Eine unglaubliche Zeitersparnis. Auch die Arbeit, mit der Hand zu schreiben und danach das Geschriebene nochmals abzutippen, schien plötzlich zu mühsam. Besser war es, gleich alles in den Computer zu tippen. Das Problem war nur: Oft, wenn ich mich vor den Computer setzte, fühlte ich mich nicht sonderlich inspiriert. Und das Gerät selbst hatte auch einige interessante Features zu bieten, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen: Spiele und E-Mails und das Internet und neue Programme, die das Arbeiten mit dem Computer noch einfacher zu machen versprachen… Dazu gesellten sich immer wieder unerwartete Probleme mit der Software, die behoben werden wollten, und kryptische Fehlermeldungen, denen auf den Grund gegangen werden musste. Kurz und gut: Statt den Computer zu benutzen, widmete ich ihm immer mehr Aufmerksamkeit. Bis mich der PC schließlich fast ganz von der Arbeit abhielt.

Überwucherung des Mittels
Es war ein klassischer Fall der Überwucherung des Mittels über den Zweck. Die Tendenz, dass Handlungen eine Eigendynamik annehmen und der Aufwand weit über dem angepeilten Maß liegt, bildet so etwas wie das Gravitationsgesetz des menschlichen Handelns. Das „Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck“ wird dem deutschen Philosophen Hans Vaihinger zugeschrieben. Vaihinger hat 1911 sein Hauptwerk, Die Philosophie des Als-Ob, publiziert. Untertitel: System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen des Menschen aufgrund eines idealistischen Positivismus. Der Neu-Kantianer wirft darin primär einen skeptischen Blick auf die menschliche Erkenntnisfähigkeit. „Der letzte und eigentliche Zweck des Denkens ist das Handeln. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, erscheint die Vorstellungswelt im Großen und Ganzen eben als ein bloßes Mittel“, schreibt der Philosoph. „Und indem wir somit die logischen Funktionen und Produkte als bloße Mittel betrachten, bahnt dies uns den Weg, sie als Fiktionen aufzufassen, d. h. als Denkbildungen, als Denkgebilde, welche, von der Wirklichkeit abweichend und ihr sogar widersprechend, doch von dem Denken erfunden und eingeschoben werden, um seine Zwecke rascher zu erreichen.“

Beispiel Religion
Arbeitshypothesen und vermeintliche Erkenntnisse von Physik, Philosophie, Mathematik, Religion, Rechtswissenschaften – sie alle seien vor diesem Hintergrund nichts anderes als nützliche Fiktionen. Wobei die Religion das einleuchtendste Beispiel abgibt: Die meisten religiösen Systeme entwickeln anhand unüberprüfbarer Annahmen darüber, wie das Jenseits beschaffen sei, Regeln und Methoden für das Verhalten des Einzelnen und das Zusammenleben der Gemeinschaft, die den Menschen im Alltag Stütze und Kraft geben können. Soweit wird der Zweck erfüllt. Nun aber kommt es zur Überwucherung dieses Zweckes durch das Mittel – die religiösen Normen –, z. B. in Form von verkrusteten Ritualen, die sich leer laufen, und Verhaltensanweisungen, die längst ihren Sinn verloren haben, aber nach wie vor gewohnheitsmäßig und unhinterfragt tradiert werden.

Das Vaterunser wird von der Gemeinde heruntergebetet wie ein eierndes Mantra; Dogmen wie die Jungfräulichkeit von Maria oder die Himmelfahrt Christi binden die spirituelle Energie, und schon hat sich die jeweilige Religion meilenweit vom ursprünglichen Ziel entfernt, Erlösung für geschundene Menschenseelen zu generieren.


… über den Zweck
Auch das Ziel der Wissenschaften, Wahrheiten zu formulieren, präsentiert sich aus Vaihingers Sicht als vermessener Wunsch des Menschen nach einer Erkenntnis der Wirklichkeit, die mit den Mitteln des menschlichen Gehirns einfach nicht machbar ist. „Der Wunsch, die Welt zu begreifen, ist nicht bloß ein unerfüllbarer, er ist auch ein törichter Wunsch“, schreibt der Philosoph. Und an anderer Stelle präzisiert er: „[Der] Zweck des Denkens [liegt] nicht in der Abspiegelung einer sogen. äußeren, objektiven Welt, sondern in der Ermöglichung der Berechnung des Geschehens und des Einwirkens auf letztere […].“

Das bedeutet: Das Denken ist ursprünglich nichts als ein Mittel im Kampf ums Dasein, das der Selbsterhaltung der Lebewesen diente, genauer gesagt folgende drei Zwecke hatte: „Aufsuchung der Nahrung, Einleitung der Befruchtung, Schutz vor Unwetter.“ Erst die Rationalisten setzten das Denken ins Zentrum ihrer Weltanschauung, und der heutige Mensch bildet sich natürlich weiß Gott was auf sein Großhirn ein.

Anthropologen wollen jüngst herausgefunden haben, dass unsere grauen Zellen ihr Wachstum stammesgeschichtlich dem Umstand verdanken, dass unsere Vorfahren in trüber Vorzeit mit dem Verzehr von Maden begonnen haben, die wiederum die nötigen Eiweiße lieferten, um unser Gehirn zu dem werden zu lassen, was es ist: Ein sich selbst völlig überschätzendes hypertrophes Organ.


Fiktionalistisches Handeln
Das Geniale an Vaihingers Überlegungen ist, dass das Prinzip des Fiktionalismus nicht nur für das menschliche Denken gilt, sondern auch auf das Handeln übertragen werden kann. Von Erich Fromm stammt die populäre Dichotomisierung zwischen Haben und Sein. Fromm teilt mit dieser Dichotomie die Menschen in Haben-orientierte und Seins-orientierte Charaktere ein. Es gäbe also Leute, die ihre Identität aus dem ziehen, was sie haben – Geld, Ansehen, Titel, Meinungen –, und solche, die sich am Sein orientieren, am Denken, am Handeln. Fromms Theorie ist oberflächlich betrachtet verlockend und einleuchtend, und natürlich spart er aus einem idealistischen Impuls heraus nicht mit Kritik an unserer durch und durch materialistisch veranlagten Haben-Welt. Doch Fromms Dichotomie greift meines Erachtens zu kurz, denn Haben und Sein sind in unserer Gesellschaft zwar wichtige Faktoren, aber über beiden steht mit Sicherheit das Handeln im Sinne von Machen. D. h. das Machen ist nicht ein Teil des Seins, sondern umgekehrt.
Verdächtig ist ein Mensch für die Gemeinschaft dann, wenn er nichts macht. Wenn er nichts hat, ist er ein armer Schlucker und kann sich gewisse Annehmlichkeiten nicht leisten. Pech für ihn. Aber wenn er nichts macht und nicht einmal Aktivität vortäuscht, dann kann das nur ein stinkfauler Sack sein, den man zu anderen Zeiten einer „ordentlichen Beschäftigungspolitik“ zugeführt hätte. Wenn heute jemand offen zugibt, dass er „nichts macht“, oder auf die Frage, was er denn mache, nicht sofort eine plausible Antwort geben kann, dann ist er automatisch suspekt. Sogar Menschen, die es sich finanziell leisten können, „nichts zu tun“, können in den seltensten Fällen zu ihrem Nichtstun stehen. Das Nichtstun – Mitte des 19. Jahrhunderts noch ein Gütesiegel für die Lebensqualität privilegierter Schichten in England und anderswo – ist im Schlepptau des historischen Materialismus zum absoluten Stigma verkommen. Der einzige Mensch, den ich kenne, der jahrelang nichts Wesentliches getan hat, war mein Vater in seinen letzten Lebensjahren. Er saß die meiste Zeit vor dem Fernseher. Aber er konnte sich diesen Luxus ohne üble Nachrede leisten, weil er sich davor 60 Jahre lang schwerstens abgerackert hatte.

Im Regelfall schafft es der heutige Mensch allerdings kaum noch, über längere Zeit nichts zu tun. Ständig muss etwas gemacht werden, selbst in der Freizeit gilt es, Stehzeiten zu optimieren. Die Arbeit geht nie aus. Und man erlebt es als Katastrophe, wenn man durch äußere Umstände zum Nichtstun gezwungen wird. Die begleitenden Empfindungen können Ärger oder Verzweiflung sein – je nachdem, ob man an einem Flughafen festsitzt, von dem aufgrund der Wetterlage keine Maschinen abheben können, oder ob man ohne Vorwarnung ans Krankenbett gefesselt wird. Nichts machen zu können gibt einem ein Gefühl der Hilflosigkeit, deshalb flüchtet man sich eher in sinnlosen Aktionismus, als dass man seine Tätigkeit ganz einstellen würde. Die Art und Weise, wie dieser Kreislauf auch durch das wirtschafts- und sozialpolitische System unterstützt wird, in dem wir leben, ist eines der schönsten Beispiele für die Überwucherung des Zwecks durch die Mittel: Damit Arbeit von der Gesellschaft anerkannt wird, muss sie Geld einbringen. In Zeiten, in denen die Arbeit knapp wird, erweist sich dieser Kult um das, was als „Verdienst“ bezeichnet wird, und die realpolitischen Blüten, die er treibt, als fatal. Was dahinter steckt, ist nüchtern betrachtet ein nahezu perverses System der marktwirtschaftlichen Überwucherung aller Lebensbereiche – und hier trifft Vaihinger endlich auf Marx: Längst ist Wirtschaften kein Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen mehr, sondern ein Selbstzweck, der als Mittelpunkt unseres Systems noch dazu einem ständigen Crescendo verpflichtet ist; längst werden Bedürfnisse nicht mehr befriedigt, sondern geschaffen, um dieses System zu erhalten; längst wird mit Gehältern nicht mehr in erster Linie Lebensunterhalt gesichert, sondern Kaufkraft. Dass die Arbeit den zeitgenössischen Menschen an ein marktwirtschaftlich gemauertes System bindet wie eine lebenslange Nabelschnur, ist die Kehrseite dieser dynamischen Realität. Und das ist irgendwie beängstigend.

Der kuriose Wert der Arbeit
Nichts ist im Grunde kurioser als der Wert, der der Arbeit gesellschaftlich beigemessen wird. Sie definiert den Menschen, und zwar in erster Linie nicht über das Einkommen, das Haben, sondern über die Tätigkeit selbst, das Machen.
„Und was machst du?!“, ist wohl die einfallsloseste Frage, die man nur stellen kann. Wenn ich sie gestellt bekomme, weiß ich, dass das Gespräch – „Ich mach das und das. Und du?!“ – in 97% der Fälle nach längstens drei Minuten wegen eklatanter Ideenlosigkeit seinem tristen Ende in völliger Belanglosigkeit entgegensiecht. Darüber zu reden, was man macht, ist zwar gesellschaftlich relevant, aber unterhaltsam ist es nur in den seltensten Fällen, und geistig bringt es einen auch kaum weiter. Es bringt einen deshalb nicht weiter, weil das menschliche Machertum der Gegenwart nichts als eine weitere Vaihinger’sche Hypertrophie ist, die dem puren Fiktionalismus entspringt.

Wenn man Hans Vaihingers analytisches Raster, das er auf den ursprünglichen Zweck des Denkens bezog – Nahrung suchen, sich fortpflanzen, Schutz vor Unwetter finden –, auf unser Handeln anwendet, dann erscheint einem das Getriebe der Welt höchst absurd. Freilich, unser jetziges Daseins mit Kriterien des steinzeitlichen Überlebens zu messen, hat problematische Züge. Aber ganz ist mir nie klar geworden, warum es läuft, wie es läuft, ich meine: Warum aus dem simplen Bestreben nach Überleben und Fortpflanzung, das unsere Sippschaft dereinst in den Savannen Afrikas leitete, ein derart komplexes System entstehen konnte, wie es heute weite Teile des Planeten überzieht.

Dabei ist die Antwort einfach, man muss nur akzeptieren, dass die Entwicklung der Menschheit keiner anderen Logik als der Überwucherung des Mittels über den Zweck folgt. Aus den primären Bedürfnissen Nahrungssuche, Fortpflanzungstrieb und Schutz vor Unbill entstanden eine überbordende Nahrungsmittelindustrie und eine Biotechnologie, die in Pandoras Büchse noch einiges an Überraschungen für uns heranzüchten wird. Nur gegen Naturkatastrophen haben Menschen abgesehen vom Blitzableiter noch kein probates Mittel gefunden.

Aber auch die sekundären Bedürfnisse des Menschen trieben und treiben monströse Blüten: Aus dem bürgerlichen Bedürfnis nach Wohlstand, Freiheit und Gleichheit des 19. Jahrhunderts sind der Holocaust, der Stalinismus und die Olympischen Spiele entstanden. Aus dem Wunsch nach Frieden heraus wurde die Atombombe entwickelt. Das Ziel globaler Demokratie überzog die Welt mit einem Netz von CIA-Foltergefängnissen. Aus dem Wunsch nach Gesundheit erwuchs das durchwachsene österreichische Sozialversicherungssystem. Und dem Bedürfnis nach Unterhaltung wird auf eine Weise gefrönt, die angetan ist, bestehende Synapsenverbindungen im Hirn nachweislich in Nichts aufzulösen.

Kurz und gut: Wohin man blickt, stehen Mittel und Zweck in einem bizarren Missverhältnis. Es wird Zeit, Hans Vaihinger ein Denkmal zu setzen und sein Gravitationsgesetz des Fiktionalismus in den Sachunterricht der Volksschulen aufzunehmen.

Danke an Hermann Götz für seine Anregungen!