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am arsch (vorbei)

Helmuth Schönauer viechert wieder ab


Helmuth Schönauer: Afterschock. Schwere HTML-Gedichte

Sisyphus: Klagenfurt; 2005

Rezensiert von: werner schandor


Helmuth Schönauers Geschichten vom Mitterweg (siehe www.schoenauer-literatur.com) würden natürlich wunderbar in diese Ausgabe der schreibkraft passen. Auf eine diesbezügliche Anfrage an den Tiroler Autor kam als Antwort nur Schweigen – und ein vom Verlag Sisyphus zugestelltes Rezensionsexemplar von Schönauers jüngstem Gedichtband Afterschock.

„Lyrisches Ich – entsteht bei der germanistischen Spaltung eines Schizoids, flüchtet oft in ein Gedicht und benimmt sich darin recht sonderbar“, definiert der Autor im nachgestellten „Notglossar“ zu den rund 100 lyrischen Ausscheidungen, die der Gedichtband versammelt. Romantische Verse darf man sich von Helmuth Schönauer freilich nicht erwarten, seine Texte sind eher irgendwo zwischen lyrischer Prosa und lupenreinem Klospruch anzusiedeln. Letzteres aufgrund zweier hervorstechender Merkmale dieser Literatur: 1.) ihrem Hang zu pointierten Sätzen, die man vor Urzeiten „epigrammatisch“ genannt hätte; und 2.) der nach psychoanalytischen Kriterien schwer analfixierten inhaltlichen Ausrichtung der lyrischen Elaborate. Bereichert wird dieser einschlägige Motivkanon um die schönauersche Heimatschelte. In der Schnittmenge liest sich das Ganze beispielsweise so:

jetzt weißt du
warum die Tiroler so gut mit der Welt auskommen
weil sie immer dreinschauen
als ob sie eben frisch geschissen hätten

Das Auf-Tirol-Scheißen kennt man bereits vom 1953 geborenen Autor. Zu diesem inhaltlichen Standardthema, das die Bücher des Innsbruckers dominiert, gesellen sich in Afterschock geriatrische Pornophantasmagorien, die das versauteste Beispiel von Altersheimsex mit Inkontinenzlern seit Charles Bukowski abgeben:

wie du recht hast
sagt Inge zu Hedwig
ich bin heute gevögelt worden
ich werde heute 89
das ist eine edle Stellung

Egal ob Lyrik oder Prosa, Schönauers Literatur ist ein Frontalangriff auf den sogenannten guten Geschmack. Wenn das Bürgertum von ästhetischen Provokationen der Literatur heutzutage noch tangiert werden würde, dann wäre der Tiroler Autor in aller Munde und medial auch schon gevierteilt. So aber werden er und seine Literatur, die in diversen Kleinstverlagen erscheint, einfach ignoriert, trotz „vollgeschiffter Alterswindel“, „Trottel Tirol“ und „Theologenscheiß“. Alles, was Österreich in seiner Tiroler Ausprägung heilig ist – das verdiente Alter, die Heimat und die Gottgläubigkeit –, Schönauer stampft es in den Boden und scheißt ein literarisches Häuferl darauf. In Afterschock tut er es mit formal innovativem Anspruch, quasi Hypertext-Lyrik vorzulegen. (Schlag nach im „Notglossar“: „Unter Hypertext versteht man Texte mit Querverweisen, die ähnlich wie in einem Lexikon die Verbindung zu weiteren Informationen herstellen. […] Bei Hypertext-Dokumenten können die Leser jede Information über viele verschiedene Wege und von verschiedenen Stellen aus erreichen.“) – Das ist ambitioniert, aber in vorliegender Form nur eine Umschreibung dafür, dass es in den jüngsten Gedichten Schönauers immer um die gleichen Dinge geht, die in einen einzigen Kanal münden. Denn egal ob Ficken, Tirol, Brunzen oder Scheißen, irgendwie ist letztlich alles am Arsch. Oder geht einem daran vorbei.