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bis einem schwindlig wird

christiane kalss | bis einem schwindlig wird

Vom Suchen und Erfinden möglichst mittelmäßiger Mittelpunkte

Sie gehören dazu. Ich gehöre dazu. Wir gehören zu den Suchern. Sie suchen wahrscheinlich gerade andere Dinge als meine pinkfarbenen Handschuhe und eine neue Wohnung für mich, was eigentlich bedauerlich ist, doch zumindest auf einer Suchexpedition befinden wir uns gewiss gemeinsam. Wir alle sind auf der Suche nach Mittelpunkten. Mittelpunkten, in denen man für eine Weile stehen kann, Mittelpunkten unseres Planeten, zu denen man reisen kann, den ultimativen Mittelpunkten unseres Seins, den Lebensmittelpunkten. Einen Lebensmittelpunkt hätte wirklich jeder gerne. Der Mensch hat oft Angst vor allem, was am Rand liegt, weil am Rand immer die Gefahr besteht, hinunterzufallen. Je mittiger, desto sicherer. Mittiger als ein Lebensmittelpunkt kann gar nichts sein. Ein Lebensmittelpunkt ist schon etwas ausgesprochen Schönes. Etwas, um das sich das ansonsten so unkontrolliert dahinschlingernde Dasein eine bequeme Umlaufbahn einrichten kann. Eine eigene kleine Sonne sozusagen, die einen in der unendlichen Weite der Ungewissheiten an sich bindet und wärmt. Man kann sich ohne Sorge rundherum drehen. Dass einem dabei schwindlig wird, merkt man nach etwa zehn Jahren gar nicht mehr. Wenn man einen solchen Fixierungspunkt im Leben nicht hat, ist das peinlich. Da wirkt man gleich so verloren. Verloren wirken will der Großteil der Menschen nicht und das ist auch der Grund, warum fast jeder angibt seinen ganz persönlichen Lebensmittelpunkt schon gefunden zu haben. Damit man sich nicht allzu sehr anstrengen muss beim Erfinden seines Lebensmittelpunktes, scheint es ein paar Standardlebensmittelpunkte zu geben, die man immer anführen kann, ohne sich dabei irgendwie lächerlich zu machen. Die meisten Menschen neigen nach meiner Beobachtung zur Behauptung, ihr ganz persönlicher Lebensmittelpunkt sei ein Ort und zwar vorzugsweise einer in Mitteleuropa, denn außerhalb Mitteleuropas ist es gar nicht so populär, andauernd von Lebensmittelpunkten zu sprechen und außerdem ist das gute alte Mitteleuropa ja durchaus ein feines Pflaster. Da braucht es nicht viel Anstrengung, um einem das als wirklich charmanten Lebensmittelpunkt einzureden. Da ist es nicht zu warm und nicht zu kalt. Die Menschen sind nicht zu arm und nicht zu reich, nicht zu blond und zu dunkel, nicht zu dumm und nicht zu gescheit.

Mitteleuropa bringt das nötige Mittelmaß mit, um ein ausgezeichneter Lebensmittelpunkt zu sein. Mittelamerika ist seltsamerweise weniger mittelmäßig. Es ist zu warm und zu arm, um sich das Gütesiegel der Mittelmäßigkeit an die schwache Brust heften zu können. Der durchschnittliche Mitteleuropäer würde sich auf die Dauer vermutlich etwas aus dem Gleichgewicht geworfen fühlen in Mittelamerika, also verschieben die meisten ihren Lebensmittelpunkt auch nicht auf diesen anderen Mittelkontinent. Sogar die meisten mittelmäßigen, mittelständischen Amerikaner leben nicht in Mittelamerika, sondern hauptsächlich nördlich davon, ein paar Verstreute auch südlich. Die anderen drei Kontinente haben ja kein Mitten. Australien ist bekanntlich dadurch gekennzeichnet, dass in der Mitte keiner wohnen will, außer ein paar Schafen, die nichts anderes kennen, was man als Mitteleuropäer darauf zurückführt, dass in Australien schon aufgrund der entgegengesetzten Lage zur eigenen sowieso alles verkehrt sein muss. Dass die australischen Mittelpunkte Randlagen sind, scheint eigentlich fast logisch. Die beiden übrigen Kontinente haben Zentralen statt Mitten. Das, was Mittelasien und Mittelafrika heißen müsste, nennt sich seltsamerweise Zentralasien und Zentralafrika. Diese Mittenlosigkeit hat vermutlich mit dem kaum bis gar nicht vorhandenen menschlichen Mittelstand in diesen Gebieten zu tun. Das Mittelmaß ist in Asien und Afrika ja bekanntlich um sehr vieles knapper bemessen als in Europa oder Amerika, also sind diese Gegenden für Lebensmittelpunktsucher auch nicht so übermäßig attraktiv. Mitteleuropa scheint die einzige wahrhafte Bastion der Mittelmäßigkeit zu sein. Deshalb ist es als Lebensmittelpunkt so ungeheuer beliebt.

Wenn man besonders kosmopolitisch oder besonders liebenswürdig und feinfühlig wirken will, sucht man sich aus der Unendlichkeit der Punkte keinen aus, der einen Ort bezeichnet, sondern ein Lebewesen. Gerne sind das Haustiere und Kinder. Freunde oder Liebhaber sind eher nicht so empfehlenswert, weil immer ein gewisses Risiko besteht, dass sie sich, wenn man es am allerwenigsten erwartet, von einem losreißen und einen völlig aus der Bahn werfen. Haustiere und Kinder eignen sich deshalb besonders gut als Lebensmittelpunkte, weil sie sich in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu einem befinden. So haftet der Lebensmittelpunkt an einem und nicht man selbst am Lebensmittelpunkt, was in der einen oder anderen Situation durchaus seine Vorteile haben kann. Ein Haustier oder ein Kind kann sich ganz unmöglich von einem trennen. Ein Goldfisch kann genauso wenig sagen: „Ab heute bin ich offiziell nicht mehr dein Goldfisch“, wie ein Kind schwerlich behaupten kann, nicht das Kind seiner Eltern zu sein. Was für Orte gilt, gilt auch für Kinder und Haustiere. Je mittelmäßiger der Mittelpunkt, desto besser. Lassie oder der kleine Wolfgang Amadeus gehen einem genauso schnell auf die Nerven wie ein beliebiger Einzeller oder die Hilton-Schwestern. Mittelmaß ist angesagt.

Was sich als Lebensmittelpunkt wachsender Beliebtheit erfreut, ist die Arbeit, wobei hier die Einteilung in mittelmäßig, besser und schlechter wegfällt, weil die Arbeit an sich, welche im Speziellen auch immer, eine mittelmäßige Angelegenheit ist. Es trifft einen schlechter, wenn man eine Arbeit bräuchte, aber keine bekommt. Es trifft einen besser, wenn man es gar nicht erst nötig hat zu arbeiten. Sich die Arbeit als Lebensmittelpunkt auszuwählen, hat im Normalfall mit nichts anderem zu tun als mit der Angst vor der schlechteren Variante der Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen sozialen Ächtung. Man glaubt, wenn man sich selber um die Arbeit dreht und sie so von allen Seiten betrachten kann, sieht man ihr früh genug an, wenn sie glaubt einen nicht mehr länger zu brauchen. Dann kann man noch versuchen sie umzustimmen. Immer funktioniert es nicht, aber einen Versuch ist es allemal wert. Man muss ja bedenken, dass es scheinbar eine langsam aber doch aussterbende Spezies zu sein scheint. Wenn sie das Gefühl hat, im Leben eines Menschen eine schlechte Position zu haben, haut sie womöglich ab, und eine neue zu finden ist mühsam. Da weist man ihr dann doch lieber den besten Platz zu, den Lebensmittelpunkt.

Insgeheim suchen wahrscheinlich alle, die die mittelmäßige Arbeit, mittelmäßige Geschöpfe oder einen mitteleuropäischen Ort zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben, weiter, getrieben von dem Gedanken „Das kann es ja nicht sein“, der schon so viel Unheil angerichtet hat. Zugeben würden das die wenigsten vor anderen oder vor sich selber. Manchmal kann es allerdings passieren, dass man sich dabei ertappt, wie man in die Adresszeile seines Internetbrowsers „www.lebensmittelpunkt.at“ eingibt und hofft, dass man etwas Gescheites findet. Man kommt auf die Homepage von „Nah und Frisch“. Auch keine Hilfe. Man muss wohl weiter den Ort, das Lebewesen oder die Arbeit seiner Wahl nennen, wenn jemand nach dem Lebensmittelpunkt fragt. Man will ja nicht verloren wirken, schon lieber mittelmäßig.