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damals in jesenice

egyd gstättner | damals in jesenice

Einmal waren wir in Jesenice, heißa, das waren Zeiten, denn damals waren wir noch nicht in Beschlag genommen von Todesangst und Nierenleiden, Privatkonkursen, Vorweihnachtsglühweingestank und Diktatur. Noch galt unser heiliger Eid, uns nicht unters Joch der Wirklichkeitsprotze spannen zu lassen, und wir scherten uns nicht um Hunnen und Goten. Was kümmerten uns das Einfamilienernährungsgestöhn, die Zusatzpensionsgelüste und das Luftkurortgefasel der Neuronudisten! Wir wollten nicht teilhaben, als die Fauteuilisten ihre allzu früh gemäßigten Existenzen in ihren Fauteuils bestatteten und kümmerlich inspiriert oder verwaltungsbeamtenaalglatt ihrem unaufhaltsamen Herzkreislaufsupergau entgegendämmerten. Wir frönten damals weder den Pflichtdichtungen der Pflichtdichter, noch dem Traditionsterror der Traditionsterroristen - überhaupt hatte uns bis damals noch niemand eine Gebrauchsanweisung überlassen, wie man dieses obskure Wort frönen lebensweltlich sachgemäß umsetzt -, wir misstrauten damals selbst den Masseverwaltern guter Manieren, aber dafür waren unsere Sonntagnachmittage allwöchentlich hermetische Sensationen, Hochämter des Eigensinns. Niemals stellten wir damals Fragen, die mit den Worten wie oder warum begannen. Locker ließen wir in jenen glorreichen Tagen unseren fälligen Termin im Zentrum für seelische Gesundheit verstreichen, wo wir uns immer wieder einmal medikamentös einstellen ließen, und folgten lieber unserer erhabenen Sendung, die abscheulichsten Orte der Welt zu sondieren, Hartmann, Heinz-Harald, Hermelindis und ich, die wir zurecht als die letzten Erdkundler der Geschichte gelten dürfen, um schließlich nach getaner Arbeit dereinst an höchster Stelle Bericht zu erstatten, und so traf unsere Loge mitsamt unseren damals über alle Maßen moussierenden Lebensgefühlen wohlbehalten in Jesenice ein und ließ sich von den sich an den Norden der Stadt schmiegenden graugelben Bergrücken ebenso in Empfang nehmen wie von den graugelben Bergbrüsten des Südens und dem faserplattenartig graugelben Himmelswolkendeckel. Erwartet Erschütterndes bot sich uns dar in Jesenice, wo seit urdenklichen Zeiten streunende Hunde auf offener Straße ohne jede Vorwarnung von einem Augenblick auf den anderen plötzlich tot umfallen, weil sie die der Stadt wesenhaft eingeschriebenen Hässlichkeitsausdünstungen ganz einfach nicht länger ertragen können! Überall auf der Welt krönen die Städte die sie prägenden Architekten mit höchsten Auszeichnungen und errichten ihnen klassizistische Denkmäler. In Jesenice hingegen werden die Architekten alle erhängt, und noch heute baumeln sie der Reihe nach auf den Straßenlaternen und Fahnenmasten am Hauptplatz von Jesenice, was damals, weil eben gerade Vorweihnachtszeit war, als die Stadt sich festlich schmückte und beleuchtete, sodass die Architekten zwischen Strohsternen, Silberglocken, Tannenreisig und Elektrokerzen im Nebel baumelten, störend wirkte. Nur für die Allerhärtesten unter den Repräsentanten der Menschheit geeignet aber ist der Bahnhof von Jesenice, wo nur dank Tonnen von Psychopharmaka noch lebendige Jesenicer auf Züge warten, die in der winterlichen Abenddämmerung nach Ratece oder Trzic fahren. Hier, in diesem Weltzentrum der Hoffnungslosigkeit, hatten wir vereinbart, uns zu verabredeter Stunde wieder zu treffen, Hartmann, Hermelindis, Heinz-Harald und ich. Während Hermelindis, von der seit geraumer Zeit das Gerücht ging, sie hätte zeitlebens noch niemals gemeinsam mit einem Mann das Zeitliche gesegnet (was der Armen jedes Mal die Schamesröte ins Gesicht trieb, wenn man sie darauf ansprach), wie auf allen unseren Expeditionen vordringlich darauf aus war, in einem Fingerhutgeschäft einen Fingerhut zu ergattern, um ihn glücklich und erfahrungsbereichert wieder heimgekehrt ihrer Mutter zu überantworten, die von Weltstadtfingerhüten umzingelt dazu auserkoren ist, ohne jede Aussicht auf Besserung das Hermelindissche Weltstadtfingerhutmuseum zu beaufsichtigen, und Hartmann sich Hermelindis vorbehaltlos anzuschließen bereiterklärte, weil ihm die Gelegenheit günstig schien, vielleicht gerade hier einmal mit ihr das Zeitliche zu segnen, drang besondere Aufgeregtheit aus dem Heinz-Haraldschen Mienenspiel, denn Heinz-Harald, ein ganz anderes Kaliber als Hermelindis, wähnte sich am Etappenziel seiner wohl Äonen überdauernden Mission: Er wollte nämlich den fälligen Jahrtausendwechsel in Jesenice verbringen (unbedingt muß ein Jahrtausend in einer Stadt gewechselt werden, die mit J beginnt, und Johannesburg oder Judenburg kamen für ihn aus einsichtigen Gründen nicht in Frage). Heinz-Harald arbeitete verbissen an seinem Projekt und musste nun auskundschaften, ob es in Jesenice erstens ein Hotel gibt und ob dieses Hotel - falls existent - zweitens den Anforderungen eines Heinz-Haraldschen Jahrtausendwechsels in Jesenice gewachsen sein würde. Zweifler und Madigmacher hatten nämlich bereits im Vorfeld augurt, es könne in Jesenice unmöglich auch nur ein einziges Hotel geben, da es schlechterdings denkunmöglich sei, dass irgendjemand bei klarem Verstand und intaktem Seelenleben Jesenice zum Zwecke des Nächtigens ansteuere. Wir waren gespannt auf unsere Ergebnisse, zum verabredeten Zeitpunkt aber fanden sich wohl Hartmann und Hermelindis, nicht aber Heinz-Harald am Bahnhof von Jesenice ein. Tatsächlich hatten Hartmann und Hermelindis das Zeitliche gesegnet und insbesondere Hermelindis zeigte sich erleichtert, es sei völlig unproblematisch gewesen, sagte sie ohne zu erröten, Segnen sei ja auch nur ein Handgriff. Insgesamt aber sei die Segnung des Zeitlichen doch eine Enttäuschung gewesen, weil das Zeitliche auf seine Segnung gar nicht reagiert und gesegnet einfach so weitergetan hätte wie ungesegnet. Ja, solche gewissermaßen ins Wasser schlagende Erkenntnisse machen das Leben schwer! Auch die Fingerhutsuche sei nur von Teilerfolg gekrönt gewesen, denn man habe in Jesenice wohl ein Fingerhutgeschäft (einen Fingerhutladen eigentlich bloß) und im Fingerhutladen einen Fingerhut ausfindig machen können, der Fingerhut sei aber einfach irgendein Fingerhut gewesen und habe mit Jesenice gar nichts zu tun gehabt, sodass nun in Hermelindis die bange Frage rumort, wie sie ihrer Mutter beibringen könne, dass dieser Fingerhut ein Fingerhut aus Jesenice sei. So fingen unsere Fragen allmählich an, mit wie anzufangen. Eine Lösung fiel uns allen jedenfalls nicht ein, und Jesenice ist wohl einfach der falsche Ort, um Fingerhüte zu erstehen und das Zeitliche zu segnen. Mehr als derlei Unzukömmlichkeiten aber traf uns die Abwesenheit von Heinz-Harald, und schweren Herzens mussten wir Heinz-Harald Heinz-Harald bleiben lassen, denn Heinz-Harald hatte uns strikt aufgetragen, ihn ihn bleiben zu lassen und umzukehren, falls er zum vereinbarten Zeitpunkt nicht am Bahnhof von Jesenice erschienen ist. Und so haben wir niemals erfahren, ob es in Jesenice ein Hotel gibt und ob es Heinz-Harald gelungen sein mag, das Jahrtausend in Jesenice zu wechseln, oder ob er den Weg der Architekten gegangen ist. Demütig fanden wir uns im Nebel in unser Schicksal - links und rechts fielen andauernd streunende Hunde tot um - und als wir heinzharaldlos die Ortstafel von Jesenice schon im Rückspiegel zurücksinken sahen, sagte Hartmann nicht ohne Resignation, es sei unser Fluch, dass wir alle mit H anfangen müssen, weil wir alle Helden sein wollen, und wer einmal Hesiod, Hektor, Hannibal oder Hamurabi heißen will, der muss einmal damit anfangen, Hans, Herbert, Heinrich oder Hugo zu heißen. Da ergoss sich wie aus Kübeln Bitternis über unsere Seelen und Schwermut zertrümmerte unsere Antlitze, aber an diesem Jenseitsmittelpunkt unserer Existenzen gab es kein Zurück mehr am Weg unseres Weltwiderstands. Also ließen wir Weltliche uns nichts anmerken, fuhren fort und taten, als sei nichts gewesen. Ein Weltwiderstand unterscheidet sich übrigens nicht wirklich signifikant von einem Widerstand, wie ja vor eine Menge Worte das Wort Welt gespannt wird, ohne dass sich eine enorme Zunahme an Bedeutung ergäbe, als da wären Weltpolitik, Weltmeister, Weltliteratur, Weltstadt, Weltcupriesenslalom. Es klingt einfach besser. Schon damals ahnten wir dumpf, dass Jesenice eine Zäsur markierte, dass uns Jesenice nicht mehr als die entließ, als die es uns empfangen hatte, und unangenehm nachdenklich trieb es uns hinaus von Weltstadt zu Weltstadt, hinaus in die ungebändigten Wildnisse unserer Weltwahrnehmungszirrhose, hinaus in die grauesten Grauzonen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, hinaus in die Paradiese ohne Sinn und Zweck.