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der humor

patrick merziger | der humor

Rasendes Monstrum, stille Idylle, keine Mitte

Die Mitte ist immer prekär, als Zustand kippelig. Die Sehnsucht nach der dauernden Mitte, dem eigenen Ruhepunkt und dem Idyll ist umso größer. Galina Berkenkopf fand ihre Mitte an einem Ort und zu einer Zeit, die wenig geeignet erscheinen: in Bonn im Herbst 1943. Der Humor entdeckte ihr diese Mitte:

Septembermorgen im Walde. Die Stille webt unhörbar Frieden. Es ist gut, Atem zu holen und alle Sinne ausruhen zu lassen. In einer Frische und Kühle hebt der Tag an, die erst kommen kann, wenn die heiße Umarmung des Sommers, wenn Gewitter und Sonnenglut und die schenkende Fülle des Blühens vorüber sind. Noch glitzert der Tau, und wie eine leichte weiße Wolke steht der Mond; noch sind die Spuren der Nacht sichtbar, ihre Tränen und ihr vom blassen Mondlicht nur leise erhelltes Dunkel. Ich suchte nach einem Wort, das jenes Lächeln bezeichnen könnte, das die Spuren der Tränen trägt, jenes Leichte, das der Tiefe und dem Dunkel entsteigt, und stieß auf das Wort Humor.

Das ist im Bonner Herbst 1943 ein überraschender Blick auf die Welt. Deutschland führte Krieg. Man konnte sich mit einer gewissen Stumpfheit der Wahrnehmung noch einbilden, dass die als „jüdisch“ klassi fizierten deutschen Mitbürger einfach verschwänden. Schwer zu übersehen war, dass die deutschen Soldaten der Generation von Berkenkopf in diesem Krieg Menschen in Massen töteten, dass Teile des Heeres Menschen ermordeten, dass die deutschen Soldaten selbst massenhaft getötet wurden. 1943 wurde der Krieg auch für die zivile Bevölkerung zur Wirklichkeit und rückte immer näher. Köln erlebte 1942 das erste große Bombardement. Bis zum Herbst 1943 zerstörten Angriffe der britischen Luftwaffe fast alle Großstädte des Ruhrgebiets und des Rheinlands. Am 12. August 1943 war das idyllische Bonn Ziel eines Bombenangriffs, dem weitere, verheerendere folgen sollten. Vor diesem Hintergrund war Berkenkopfs Phantasie obszön, da sie die umgebende Realität ausblendete und die Widerstände – hier heißt es undeutlich „Spuren der Nacht, ihre Tränen“ – in einer offenbar höheren Realität als überwunden darstellte. Humor hatte sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer Form der Beschwichtigung und des Realitätsverlustes entwickelt. Das Komische war befriedet und edle Gemüter freuten sich am „Septembermorgen im Walde“. Angefangen hatte jedoch alles ganz an- ders: mit Jean Paul, dem ersten Humoristen deutscher Sprache.

Rasendes Monstrum
Für Jean Paul war der Humor alles andere als eine idyllische Stunde im Walde. In seiner Vorschule der Ästhetik (1804) lehrte er, den Humor als eine Höllenfahrt zu begreifen, „und seine Höllenfahrt bahnet ihm die Himmelfahrt. Er gleicht dem Vogel Merops, welcher zwar dem Himmel den Schwanz zukehrt, aber doch in dieser Richtung in den Himmel auffliegt. Dieser Gaukler trinkt, auf dem Kopfe tanzend, den Nektar hinaufwärts.“ (Der Vogel Merops, auch Bienenfresser genannt, kann einem Kolibri ähnlich rückwärts fliegen.) Der Humor Jean Pauls war als ein gutgelaunter Engel der Geschichte unterwegs. Sein Gemüt ließ ihn allerdings angesichts der Katastrophen der Geschichte nicht verdrießen. Der Wind dieser Katastrophen trieb auch ihn voran, sie waren ihm die Nahrung, der Nektar für seine Bewegung. Er blickte auf die Welt und diese stieß ihn immer weiter ab. Jeder Widerspruch zum Bild einer idealen Welt, jede Torheit, die der Vogel entdeckte, hob ihn höher. So weitete sich die Perspektive und neue Torheiten der Welt gerieten in den Blick; gleichzeitig aber kam er dem Himmel näher, ohne jemals anzukommen. Denn die Welt, der Ort der unendlichen Widersprüche, hielt seinen Blick. Diese Welt ließ den Gaukler nie zu Ruhe kommen, seine Bewegung verlieh ihm aber Stabilität: Ruhe durch Dynamik. Die Himmelfahrt des Merops war eine wahre Höllenfahrt, seine Höllenfahrt war eine Himmelfahrt. Diese Form des Humors ist zutiefst welthaltig. Jean Pauls Kritiker zur Mitte des 20. Jahrhunderts warfen ihm vor, dieses dichterische Programm führe ihn zu den Absurditäten und Abnormitäten, in denen er sich heillos verlaufe. Seine „Idyllen“, Erzählungen und Romane uferten formlos aus, alles bleibe ohne Struktur und Sinn. Bis heute nimmt man Jean Paul seine Novelle Dr. Katzenbergers Badereise (1809) übel. Jean Paul ließ dort ebenso unklassisch wie unromantisch den Mediziner Katzenberger auftreten, der ein zutiefst exzentrischer Mensch ist. Katzenberger sammelt manisch Monstrositäten und würde dafür gar das Glück seiner Tochter drangeben. Er begehrt sechsfingrige Hände, zusammengewachsene Hasen, vielköpfige Embryonen oder solche mit Schwanz und Hörnern, Menschen mit Fuchsschwanz statt Nasen, solche mit Adlerschwingen oder mit Eselsohren. Für Katzenberger führt der Weg zum Menschen über das Abnorme. Erst von dort aus kann er das Normale sehen, erst das Abnorme macht den Menschen ganz. Jean Paul: „Ach, wohl in jedem von uns sind einige Ansätze zu einem Monstrum.“ Katzenberger: „Aus demselben Grunde ist mir ein Foetus in Spiritus lieber als ein langer Mann voll Spiritus; und Embryonenglaeser sind meine wahren Vergroesser-Glaeser des Menschen.“

Diese Manie drängt nach außen. Katzenberger ist von skandalöser Offenheit und Unhöflichkeit, und nichts bereitet ihm mehr Freude, als seinen Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen. Er leuchtet den Idyllikern, den Vertretern der „Blumik“ heim, indem er sie teils bewusst, teils unbewusst auf das Rohe und das Dornige stößt. Denjenigen, denen die Welt heil ist, tritt er mit seiner ekelhaften Existenz und widerlichen Tätigkeit entgegen. Sein liebstes Ziel ist Herr von Niess, ein blutarmer, rosiger Dichter und Alter Ego des idyllischen Jean Pauls (den es auch gibt). Herr von Niess wirbt um die Hand der Tochter, in einer Sommernacht hofft er sie zu gewinnen. Der Mond, der Friedhof und die laue Luft sollen ihn zu poetischen Höhenflügen verhelfen, auf die er sie mitzunehmen und so einzunehmen gedenkt. Doch auf dem Friedhof ist schon Katzenberger und sucht Objekte für seine Skelettsammlung, kurz: er schändet Gräber. Er lässt ein „rundes Kinderkoepfchen nach dem Dichter laufen als nach seinem Kegelkoenig“. Solchermaßen konfrontiert mit Gespenst und Tod, bricht der Höhenflug ab und von Niess nimmt Reißaus.

Der Humor Jean Pauls wollte den Menschen aus seiner Mitte stoßen, aus seiner Einigkeit mit der Welt. Dieser Humor zeigte das Andere und das Verdrängte, auf dem diese Ruhe und die Idylle aufbauten. Welt wurde durch den Humor erschlossen und durch den Umgang mit Widerständen und Torheiten stieg der Humorist auf eine höhere Stufe. Dort konnte sich dann momentweise so etwas wie eine Idylle einstellen: Die Tochter heiratet einen rechten Mann, Katzenberger besiegt den ärgsten Konkurrenten. Aber nichts deutete auf eine Synthese von heiler Welt und ekliger Existenz hin. Der Widerspruch bestand fort und wird das Idyll zerstören, seine kleine Welt, seine warme Stube. Immer wieder aufs Neue.

Stille Idylle

Das ging zu weit. Schon zu seiner Zeit blendeten die Leser und besonders die Leserinnen, die Jean Paul abgöttisch liebten, seine Lust am Seltsamen, Absurden und Grotesken aus. Jean Paul begrüßt in seinen ausufernden Romanen des Öfteren seine Leserinnen zurück, die, so unterstellt er, die letzten Seiten mit der seltsam verwickelten Handlung und den komischen Menschen übersprungen hätten, um direkt zum Idyll zu gelangen. Die Auflage seiner Werke wurde bei weitem von Jean-Paul-Kompilationen übertroffen: Schwarzdrucker stellten seine „Frucht- und Blumenstücke“ zusammen und ersparten so seinen dankbaren Leserinnen die „Dornenstücke“. Das gab die Richtung vor: der Humor verlor seine Welthaltigkeit und zielte auf die dauerhafte Vermittlung der Gegensätze in der Synthese ab, Ekel und „Blumik“ sollten sich in der Mitte vereinen.

Zur Mitte des 20. Jahrhunderts war dann ein solcher Humorist unvorstellbar geworden. Ein Katzenberger in einer Filmkomödie der UfA oder der Wien-Film, in einem Stück des Ohnsorg-Theaters oder des Komödienstadels hätte schlicht den Rahmen gesprengt. Nun, zur Mitte des 20. Jahrhunderts sah man ganz andere Vögel fliegen: 

"Der Humor ist der Vogel Merops, er hat den Himmel auf der Erde gefunden. Das sinnliche Dasein ist ihm zu einem klaren Weltbegriff erwacht; naiv oder unbewußt ist er der glückliche Enthusiast, der in vollen Zügen, die göttliche Welt trinkt, weil er mit göttlichem Verstand die sinnliche Welt begreift."

-Kuno Fischer

 

Die Höllenfahrt war beendet, nichts bewegte sich, der Humor wurde eins mit sich, mit Gott und der Welt.

Dafür musste man sich allerdings von der Welt abwenden, bis zur Bewusstlosigkeit: Der Zweite Weltkrieg, und insofern lag Gallina Berkenkopf 1943 gar nicht falsch, regte die Produktion von Beispielhaftem an. Der Film Altes Herz wird wieder jung des unerreichten Erich Engel war 1943 die erfolgreichste Komödie. Hier gab es durchaus Widerstände zu überwinden. Der alte, reiche Herr Hoffmann erscheint als komische Person, da er sich offenbar auf Freiersfüßen befindet. Dabei, das findet der Zuschauer schnell heraus, besucht er allein seine plötzlich aufgetauchte Tochter, ein fesches BDM-Mädel. Nach anfänglichem Zögern auf allen Seiten führt Herr Hoffmann sie in die Familie ein. Die Familie erkennt, dass der alte Herr keineswegs zum lüsternen Greis geworden ist, zumindest nicht in unschicklicher Weise. Die neue Tochter heiratet den Neffen und Erben, die Familie vergisst angesichts von soviel Frische ihre ständige Sorge um das Erbe. Der etwas blasse Neffe überlässt dem alten Herrn gleich seine neue Frau, es bleibt ja in der Familie. In einem letzten Kuss vereinigen sich Alt und Jung nicht nur im übertragenen Sinn. Alle drehen Walzer tanzend sich zum Ende hin.

Mit der Welt hatte das wenig zu tun, die Widersprüche waren nur scheinbar und als Täuschung von Beginn an zu erkennen. Dafür musste alles tatsächlich Hakelnde ausgeblendet werden, denn sonst wäre die Synthese von Alt und Jung, von alter und neuer Familie nicht gelungen. Die Verdrängungsleistung war umfassend, sie ging bis in die Details: Herr Hoffmann leitet eine Schokoladenfabrik und verteilt großzügig Pralinen in Berlin – 1943 eine zerstörte Stadt, die Lebensmittel waren rationiert. Fast fühlt man sich verhöhnt. Das Publikum hingegen liebte dieses Amalgam aus verflachter Wiener Komödie, Hollywood und deutschem Schwank, das ihm die Mitte versprach. Lange Zeit war dieses Strukturprinzip bestimmend bis heute findet es sich in den romantischen Komödien: scheinbare Widersprüche, Auflösung und Vereinigung in der stillen und auswegslosen Idylle.

Keine Mitte

Schaut man sich nun heute um, findet man glücklicherweise auch anderes, und das scheint besonders populär. Michael Herbigs Schuh des Manitu (2001) ist in Österreich der meistbesuchte Film und löste Titanic ab. In Deutschland sind die Superlative etwas komplizierter: Der Schuh des Manitu ist der meistbesuchte deutsche Film mit ca. 12 Millionen Zuschauern und löste damit Otto – Der Film von 1984 ab, wenn man dessen Zuschauerzahlen in der DDR nicht hinzuzählt. Mit Otto Waalkes ist dann auch das Ende der Dominanz des Humors der Jahrhundertmitte benannt. Waalkes setzte sich 1974 auch außerhalb des studentischen Milieus durch, mit 250.000 verkauften Platten und einer ARD-Show, die Einschaltquoten über 20% erreichte. 1974 begann die damals so genannte „Blödelwelle“, ein kaum zu unterschätzender Umbruch.

Die Blödelwelle ist die Bedingung der Möglichkeit des Schuh des Manitu. Und obwohl aufgrund der langen Zeit von fast 30 Jahren Gewöhnungseffekte zu erwarten wären, kam der Film zwar bei Vielen, aber nicht bei allen an. Die veröffentlichten Meinungen zeigten sich eingeschnappt. Nur hat sich der Feuilletonist inzwischen locker gemacht, gerade was die populären Kulturen angeht. Man weiß um die listenreiche Masse und den schlechten Stil des Ressentiments. Man lässt sich nicht provozieren, schweigt, lobt den netten Burschen Bully oder gibt den Beobachter zweiter Ordnung: Über den Schrott um uns kein Wort, bitte, aber warum Leute Schrott schauen, das gerne. So kommt man auch um die peinliche Aufgabe herum, den Sinn im Sinnlosen finden zu müssen. Gern erinnere ich mich an das Pointenfeuerwerk, das Siegfried Kracauer 1926 anlässlich des Phänomens „Charlie Chaplin“ abbrannte: Chaplin fülle die ontische Lücke der Moderne und zeige dem ins Dasein geworfen Menschen mal so richtig sein Sein.

Jedoch darf sich dann auf den Nebenschauplätzen des Feuilletons das Ressentiment Bahn brechen: Die „kleinen, wichtigen Filme“ des Filmfestivals in Hof seien verdrängt worden, weil der „Massengeschmack“ und Schuh des Manitu reüssierten. Statt Problembewusstsein zu demonstrieren, zeige das Kino „Feelgood-Filme“ wie Amélie, Bridget Jones und Der Schuh des Manitu. Mit Genuss zitiert man russische Kommentare zum Film (»Eine dumme, absolut sinnlose Geschichte«, »Ein stümperhafter Film ohne jeglichen Witz«), um daran besorgte Analysen des kranken Mannes „deutscher Humor“ anzuschließen. Und das Zeichen für unsere „Spaßgesellschaft“ ist der Film allemal.

Aber manch einer ist nicht so geübt im Indirekten. Der österreichische „Entertainer“ Alfons Haider war so unprofessionell, sein Entsetzen zu äußern, und galt hinfort als Gewährsmann für die schwulenfeindlichen Intention: „Puder Rosa Ranch“ und „Winnetouch“; „Leck mich am Arsch!“ - „Ja, wie denn?!“. Alfons Haider: „Das finde ich entsetzlich, weil es dabei nur um die Quoten und ums Geld geht.“ Recht hat er. Genauso Recht hat aber sicher auch der echte Winnetou, also Pierre Brice. In seinem unvergessenen, luziden Auftritt bei Wetten Dass ..? sah er nun die Indianerwerte, die er selbst als Franzose wie kein Zweiter verkörpere, unter Beschuss. Dem anwesenden Michael Herbig erklärte er, dass ihm der Respekt vor echten Indianern fehle und Herbig damit für die Zerstörung des World Trade Centers am 11. September 2001 verantwortlich sei. Denn dem mangelnden Respekt vor dem echten Indianer entspreche der mangelnden Respekt vor den Mitmenschen, das führe zum Egoismus, der Egoismus der reichen Länder zum Terrorismus und der Terrorismus zu den bekannten Verheerungen.

Und tatsächlich: Alle haben sie Recht, und das ist das Schöne des Films. Man könnte ihm vor dem hier angedeuteten Hintergrund sicher seine Redundanz vorwerfen. Ihm will keine Synthese zwecks erneuter Zerstörung gelingen, die Witze verharren auf derselben Ebene. Das mag ermüden. Der Film ist „halt doch nur eine Ansammlung von Sketches, Gags und flapsigen Pointen“. Aber er ist es nicht nur „halt doch nur“, sondern mit dem festen Willen zu Unstruktur und Unsinn, was das Feuilleton verstummen lässt. Er bietet eben keine wohlfeilen Synthesen an, diese Komik sucht keine Mitte, sondern hält die Deutung offen und so beides in der Auseinandersetzung. So bleibt unklar, wer nun der Depp ist: der Indianer oder der Schwule? Kein sinnstiftendes Ende. Wie sollte das auch gehen? So vielleicht: Winnetouch findet heraus, dass er kein Mann ist; sein Begehren und Verhalten sind nicht fehlgeleitet. Er entdeckt, dass er wie jeder echte Indianer schon immer einen Indianer geliebt hat, nämlich Winnetou. Der ist natürlich nicht sein Bruder, sondern wurde als Kind vertauscht. Gemeinsam mit dem Bleichgesicht Ranger reiten sie in den Sonnenuntergang und gründen einen neuen Stamm, der sich für indianische Werte wie nachhaltige Nutzung ökologischer Ressourcen einsetzt.