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die schönste mitte berlins

klaus nathaus | die schönste mitte berlins

Erkundungen im Wedding

Ihr letzter Umzug hatte Carla in den Wedding verschlagen bzw. in die, wie es die Dame im Einwohnermeldeamt ausdrückte, „schönste Mitte Berlins“, schließlich war der Wedding bei der letzten Bezirksreform gemeinsam mit dem Tiergarten dem neuen Großbezirk „Mitte“ zugeschlagen worden. Tatsächlich erreichte man vom Leopoldplatz, Weddings Mitte, aus die Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden in zehn Minuten; der Bahnhof Zoo war genau so nah. Neben Geographie und Verkehrsmitteln rückten die hiesigen Stadtmagazine den Stadtteil der Mitte näher, verkündeten immer mal wieder den kommenden Zuzug aufstrebender Kulturschaffender und beobachteten die zartesten Triebe einer keimenden Kunstszene, von der man gerade vor dem Weddinger Hintergrund aus Arbeitslosigkeit und hohem Fremdenanteil das gewisse Etwas zu erwarten habe. Neulich schrieb sogar jemand in einer Art argumentativer Spitzkehre, dass Mitte sowieso überall sei! „Nun ja“, dachte sich Carla beim Lesen des Artikels, den sie nicht so recht verstand, „mal sehen“.

Bei einem Streifzug stieß Carla in der Triftstraße auf den „Dart Shop“, der ausschließlich Dartpfeile in allen Farben und Formen führte. Mit der Frage im Hinterkopf, wie ein solches Geschäft überleben konnte, und ob das nicht wieder ein Beispiel für eine der vielen todgeweihten Unternehmungen war, fielen ihr die „Hier wird Dart gespielt!“-Schilder auf, die bei allen Kneipen im Umkreis von zwei Kilometern in den Fenstern hingen. Handgeschriebene Zettel wiesen auf Dartturniere hin oder forderten Interessierte auf, einem zu gründenden Dartclub beizutreten. Der „Dart Shop“ war also alles andere als todgeweiht; er war das Zentrum einer lebendigen Dart-Szene.

Die Weddinger pflegten sonderbare Hobbies. Vorletztes Wochenende hatte Carla die Wahl zwischen einem Seifenkistenrennen auf der Badstraße, dem 8. Kleingärtnertag in der „Kolonie Togo“ und einer Modelleisenbahn-Ausstellung in der „Postkutsche“. In der Oudenarder Straße hatte sie gesehen, dass jemand seinen Balkon im vierten Stock zum Taubenschlag ausgebaut hatte. Würde sie Briefmarken sammeln, wüsste sie, dass sie sämtliches Zubehör in einem großen Laden in der Müllerstraße kaufen könnte; und hätte sie Interesse am Angeln, würde sich der Bedarf an jeder dritten Ecke decken lassen. In der Tegeler Straße gab es sogar einen Madenautomaten an der Außenseite eines Angelgeschäfts, aus dem man zu allen Tageszeiten Köder ziehen konnte.

Als sich Carla neulich in der „Futterluke“ Puzzle-Kiezmeister Karl-Heinz Witzkowski vorstellte, wusste sie, dass es Zeit war, die Sache mit den Hobbies noch einmal zu überdenken. Ihr war nun klar, dass das, was ihr zunächst abseitig erschienen war, hier offensichtlich den breitesten Mainstream bildete. Seltsam war also nicht, dass die Hiesigen Tauben züchteten, sondern dass solche Aktivitäten in der veröffentlichten Wirklichkeit nicht vorkamen, es sei denn, sie lieferten Material für mokante Expeditionen in die „Randbereiche“ der Populärkultur. Carla schien derlei Missachtung irgendwie unfair und auch ein wenig dumm. Einerseits. Andererseits war sie sich ziemlich sicher, dass die schlappe Ironie der Meinungsmacher an einem Mann wie Kalle Witzkowski einfach abperlten.

Alte Bundesrepublik

Vergangene Woche waren Carlas Eltern zu Besuch gekommen, 500 Kilometer mit dem Auto aus der westfälischen Kleinstadt. Carla hatte es mittlerweile aufgegeben, ihre Eltern auf die preiswerte und erholsame Alternative der Bundesbahn hinzuweisen, denn sie war heraus aus dem Alter, in dem man seine Eltern noch erziehen will. Umgekehrt waren auch die Eltern toleranter geworden. Mutter hielt sich zurück, nach der Ankunft als erstes die Küche zu putzen. Vater versuchte, eine erwartungsfrohe Miene aufzusetzen, als sie eine dieser Stadterkundungen planten, unter denen er litt, denn er war für Städte nicht gemacht.

Mit den Eltern im Schlepptau ging Carla mit anderen Augen durch ihren neuen Kiez. Jetzt, wo ihre Mutter von Prag erzählte und lobte, „dass die da schon ganz schön was gemacht haben“, fiel ihr auf, wie vermüllt die Straßen in der „schönsten Mitte Berlins“ doch waren. Als sie über den Leopoldplatz gingen, unterbrach Carlas Mutter ihr Lob auf das „saubere“ Prag und schaute sich um. Der zentrale Platz des Viertels wartet zwar auch mit einer vom berühmten Baumeister Karl Friedrich Schinkel erbauten Kirche auf, doch Augen hatten die Eltern nur für die lautstarke Trinkerszene. Die hatte noch vor kurzem Zulauf bekommen, weil ein Wirt, der einige Straßen weiter den ungestörten Biergenuss allein seiner zahlenden Gäste im Auge hatte, beim Bezirksamt erwirkt hatte, dass die öffentlichen Bänke vor seiner Wirtschaft entfernt wurden. Ihres Stammplatzes beraubt zogen die Trinker weiter und vereinigten sich mit Gleichgesinnten am Leopoldplatz. Die lokale Gratiszeitung nannte sie „Bierfreunde“, obwohl weil keiner wusste, wer um der Sucht, wer um der Geselligkeit willen trank. Fest stand nur, dass es im Zentrum des Kiezes geschah und sich die Szene dort fest etabliert hatte. Man traf sich früh und ging erst spät, als gäbe es etwas zu verpassen, und ließ sich auch von Regen und Kälte nicht verdrängen.

Nach drei Tagen machten sich die Eltern wieder auf den Heimweg. Zurück in die „alte Bundesrepublik“, wie ein Freund von Carla es einmal ausgedrückt hatte, in der sich doch seit Loriots Hochzeiten nichts geändert habe. Mutter bemerkte vor der Abfahrt nochmals, dass es im Prenzlauer Berg, wo Carla vorher wohnte, diesen netten Bäcker gab. Vater drückte Carla verlegen dreihundert Euro in die Hand, die sie verlegen annahm. „Fahrt nirgendwo vor“, sagte sie zum Abschied, ihre ironische Abschiedsformel, die aber so unernst gar nicht gemeint war, denn etwas anderes als einen Autounfall musste sie für ihre Eltern, rundum abgesicherte Bewohner der westdeutschen Provinz, nicht befürchten.

Soziale Selbstorganisation

So einen Nachbarn wie den aus dem Erdgeschoß hatte Carla bisher noch nicht gehabt. Auch nicht so einen wie den aus dem ersten Stock, der gerne sonntags morgens die Amsterdamer Straße mit Weltkriegsschlagern wie Bomben auf England beschallte, aber das war ein anderes Thema. Der aus dem Erdgeschoß jedenfalls hatte sein zur Straße weisendes Wohnzimmer wie eine Kneipe eingerichtet, mit Tresen, Schultheiss-Reklameleuchte und Spielautomaten. Das Fenster zur Straße war den Tag über geöffnet, häufig standen Bekannte davor und unterhielten sich mit Herrn Kruske, so der Name des Nachbarn, während im Hintergrund oft Frank Zander sang, der, das hatte Carlas Nachbar bei einer persönlichen Begegnung einmal feststellen können, „´ne dufte Type“ war.

Herr Kruske lebte wie viele in der Umgebung vornehmlich vom An- und Verkauf gebrauchter Dinge des täglichen Bedarfs. An Wochenenden sah Carla ihn seinen blauen Ford Transit mit Videorecordern, Küchengeräten und Kinderkleidung beladen, die er dann auf einem der zahlreichen hiesigen Trödelmärkte anbot. Kruskes Traum aber war die eigene Kneipe, das konnte man seiner Inneneinrichtung ansehen und den samstäglichen Partys anhören, bei denen sich Frau Radevormwald aus dem zweiten Stock oft genötigt sah, die Polizei einzuschalten, was Herr Kruske für übertrieben hielt, denn man könne über alles reden.

Dem Traum von der eigenen Kneipe war Kruske jetzt ein Stück näher gekommen, worüber er die vorbeigehende Carla aus seinem Wohnzimmerfenster heraus ins Vertrauen zog. Er war nämlich beim Amtsgericht gewesen und hatte einen rechtsfähigen Verein registrieren lassen, den „Verein der D-Mark-Freunde“. Zweck dieser einer besseren Vergangenheit zugewandten Vereinigung war das Vergnügen, beim Eintritt in den noch zu mietenden Clubraum seine Euros in D-Mark zu tauschen, mit denen Getränke bezahlt und die Spielautomaten gefüttert werden sollten. So bleibe das Geld im Verein und die Preise auf dem Stand von 1982.

Kruske ging es aber nicht nur um das Vergnügen, das er zum Euro-Kurs auch in den hiesigen Eckkneipen hätte haben können. Vielmehr wollte er mit seinem wahrhaft gemeinnützigen Verein den wirtschaftlich gebeutelten Menschen im Kiez wieder zu Lächeln und aufrechtem Gang verhelfen. Carla war eingeladen mitzutun und fand das sehr nett von Kruske. Bemerkenswert fand sie, dass ihr Nachbar seine Rede auf die Möglichkeiten gegenseitiger Unterstützung im Club brachte, wo man sich einander Jobs zuschanzen oder guterhaltenes Gebrauchtes verkaufen könnte. Geselligkeit und Ökonomie waren in den Ausführungen ihres Nachbarn in subtilster Weise verflochten, die der in der neuen Mitte gebräuchliche Begriff des „Networking“ nicht beschreiben konnte. Ging es beim Netzwerkeln um das individuelle Vorwärtskommen, gründete der Zusammenhalt der Clubmitglieder auf dem Bewusstsein der Gleichheit: Die anderen hatten es ebenso schwer wie man selbst. Man war solidarisch, weil man wusste, gemeinsam ging es besser; im Kollektiv sicherte man sich gegen das Zurückfallen ab, indem man gab und auf die Gegengabe vertraute.

Carla fragte sich, woher dieser kooperative Geist kam, der die D-Mark-Freunde offenbar beseelte. Hatte die Tradition der Arbeiterbewegung im Wedding etwa überlebt? Oder war die genossenschaftliche Strategie ein quasi natürlicher Reflex auf die wirtschaftliche Krise? Am wahrscheinlichsten war, so dachte Carla weiter, dass Kruske und die anderen Anhänger der Deutschmark von der türkischen Community des Viertels gelernt hatten. Deren „e.V.“s waren zu dutzenden im Kiez zu finden; und deren sogenannte eigenethnische Ökonomie gründete auf engen familiären und freundschaftlichen Beziehungen. Wenn die Fremden in dieser Weise stilprägend waren, schloss Carla nun selbst einmal paradox, würde das bedeuten, dass gerade die Leute von weit her mit ihrer lokalen Lebensweise diejenigen waren, die im Wedding am ehesten beheimatet waren.

Wie verhielt es sich nun mit dem Wedding und der Mitte? Geriet man in den Einzugsbereich von Mitte? War die Gentrifizierung auf dem Vormarsch, oder war Mitte eh längst auf allen Schirmen, wie der schwierige Artikel aus dem Stadtmagazin es schlau auseinandergelegt hatte? Carla hatte ihn aufbewahrt und kam ins Grübeln, als der Text ihr beim Aufräumen erneut in die Hände fiel. Nein, sie fand, dass eher das Gegenteil zutraf. Andernorts mochte man anders darüber denken, doch hierzulande bestimmte doch nicht das Zentrum, was drin, was draußen, was normal und was ausgeschlossen war, sondern die Peripherie. Dort entstanden die Eigenheime, mehrte sich der Wohlstand, lebten die glücklicheren Kinder, wohnten Menschen, die mit ihren Autos schnell überall hinkamen; dorthin flüchteten die, denen die Mitte laut, schmutzig und gefährlich erschien; dorthin strebten die Angehörigen von Carlas Generation nach Beendigung ihrer experimentellen Lebensphase, vorausgesetzt, sie konnten sich den Wegzug leisten. Nur so gesehen war der Wedding tatsächlich die geballte Mitte, die Verkörperung dessen, was die Menschen aus der bevorzugten ruhigen Randlage heraus an der Mitte ablehnten.

Diesen Gedankengang unterbrach The Germans are driving me crazy; der Nachbar aus dem ersten Stock hatte wieder einen Hit aus den 40ern aufgelegt, diesmal Landsermusik der jazzigen Art. „Man muss doch Abstriche machen in dieser Mitte“, dachte Carla, fand aber die Melodie gar nicht mal schlecht.