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halt mal die luft an!

claudia rief-taucher | halt mal die luft an!

Eine Schnupperstunde beim Wellness-Coach.

Warm Up
Halt' mal die Luft an. Noch immer anhalten. Noch ein bisschen, bitte!
So: Und jetzt wieder einatmen! Gründlich.
Ist dir was aufgefallen? Sicher, du warst erleichtert. Du hast den Brustkorb gehoben, wahrscheinlich auch die Schultern, das Schlüsselbein. Du hast deine Lunge mit frischer Luft gefüllt, vielleicht auch ein bisschen geseufzt beim Ausatmen.
Aber: Hat sich dein Bauchnabel gehoben, hat sich deine Bauchdecke vorgewölbt bis zum Anschlag des Hosenbundes? Hast du für einen kurzen Moment die Spannung in deinen Bauchmuskeln gelockert, sozusagen die Wampe rausgelassen, um die Luft so richtig reinzuholen – auch in den Bauch? Haben sich deine Lungenbläschen bis ganz nach unten in die Lungenspitzen prall mit Sauerstoff füllen dürfen? Hat deine sich nach unten ausweitende Lunge das Zwerchfell Richtung Gedärm gedrückt, um es herzhaft und wohltuend zu massieren? Hast du deinen Bauch, dein Körperzentrum gespürt?
Nein? Da siehst du! Alles falsch!
Center
Jeder bekommt eine zweite Chance. Du sollst dich wohl fühlen, denn nur auf diese Art werden wir unser Ziel erreichen – dich in die Mitte zu führen.
Geh in die Rückenlage, leg dich flach auf den Boden, leg deine Hände gemütlich auf den Bauch. Was ist dein Zentrum?
Da du ohne Kopf höchstwahrscheinlich nicht weit kommst, wirst du dir vielleicht aufs Hirn tippen oder – Hand aufs Herz – was wären wir ohne die unermüdlich pumpende Muskelmaschine im Inneren unseres Brustkorbs? Genau: tot. Vergiss nicht. Du kannst hirntot sein, zählst du noch immer zu den Lebenden.
Man muss schon in einen Kurs für Schwangerengymnastik oder Geburtsvorbereitung gehen, damit dir jemand begegnet, der ehrlich meint, sein Zentrum, seine Mitte, wäre der Bauch. Oder auch nach China oder Japan.
Bleib mit den Händen auf deiner Bauchdecke. Spüre deine Atmung. Schließ die Augen.
Ist der Bauch denn nur Behältnis unserer Abfallstoffe? Neues Leben wächst im Bauch heran. Ein brandneuer Mensch holt sich alle Ressourcen, die er braucht, in der Körpermitte der Frau, wird spürbar und real für alle im Zentrum des Körpers und verlässt sein erstes perfektes Nest nicht etwa als Kopfgeburt.
Atme in den Bauch hinein, sodass sich deine Hände beim Einatmen heben.
Nach dem denkwürdigen Ereignis ist es auch schon wieder aus mit der Bewusstheit rund um die Körpermitte. Kaum ist der neue Mensch draußen, muss der Bauch wieder weg und außer Sichtweite. Jede Vorwölbung ist verpönt.
Mit wenig überzeugenden Versuchen tasten wir uns an unsere Mitte heran: Das „Bauchgefühl“ als Entscheidungshilfe bei unseren täglichen Anforderungen und größeren Lebenskreuzungen ist mittlerweile „en vogue“ geworden und findet sich zahlreich in den Medien zitiert. Keiner weiß genau, was das ist, aber wenn sogar unser Finanzminister seinem Bauchgefühl vertraut und nach öffentlichem Pantscherl eine Verlobung löst, um in eine „Ich liebe sie auch“-Heirat zu gleiten, dann muss doch was dran sein. Der „sechste Sinn“ war uns ja immer schon ein bisserl suspekt.
Jetzt atme besonders tief in den Bauch hinein, sodass du deinen Bauch unter den Händen wie einen Ballon aufbläst. Atme gründlich aus, indem du deinen Nabel ein wenig nach innen ziehst.
Davon abgesehen arbeiten wir voller Überzeugung daran, unseren Bauch zu verstecken. Selbst das kürzeste bauchfreie Sommeroberteil verhüllt mehr Bauch als du denkst. Denn: Gerade wer seinen Nabel zur Schau trägt, muss dafür sorgen, dass er sich nicht frech über Hosen- oder Rockbund vorwagt.
„Brust heraus und Bauch hinein“ ist immerhin nach wie vor ein Teil unserer Haltungsmedaille und das durch Pilates eingeführte „Power House“ (die angespannte Körpermitte) trägt dazu bei, dass wir weiterhin fleißig in gewohnter Stressatmung ein Minimum an Sauerstoff zu uns nehmen, obwohl unsere Lunge, hätte sie die Möglichkeit sich im Oberkörper optimal bis in den Bauch hinein auszudehnen, uns ein Vielfaches an Energie zuführen könnte. Die andere Seite unserer Haltungsmedaille ist das in sich versunkene „U“: Wer seinem Brustkorb permanent erlaubt, dem Bauch Gesellschaft zu leisten und nach einiger Zeit dadurch einen veritablen Rundrücken aufweisen kann, der nimmt seiner Lunge ebenso jedwede Chance zur Entfaltung.
Lenke jetzt deinen Atem auch in den Brustkorb. Lege deine Hände auf die Rippen und atme tief ein, sodass sich der Brustkorb wie ein Regenschirm aufspannt. Dein Bauch bleibt locker und weich, und die Lunge hat weiterhin auch die Möglichkeit, sich nach unten auszudehnen.
Im Hara (japan.) oder Dantien (chin.: Energiezentrum zwei Finger breit unter dem Nabel gelegen) liegt unser Körperschwerpunkt. Dem Westen ist diese Körperzone nach wie vor etwas peinlich. Es mag am Inhalt liegen. Oder auch schlicht und einfach daran, dass die Mitte eine Unentschiedenheit darstellt. Der Punkt zwischen dem Geerdeten, unserem Menschsein, das sich mit dem Boden, dem Schlichten, dem Natürlichen in Verbindung setzt, und all dem, das uns zum Himmel streben lässt, die Suche nach Neuem, die Ideen, die Kreativität und Schaffenskraft. Der Bauch entscheidet sich nicht (auch, wenn er uns bei Entscheidungen helfen mag), er ist, was er ist: Bauch, Mitte.
Er ruht in sich und arbeitet doch unermüdlich, eine nimmermüde Metamorphose, selbst wenn wir die Augen schließen, gurgelt es weiter. Ein „In sich ruhen“ ist uns ja in hohem Maße verdächtig. Auffällig, expressionistisch, nach außen gerichtet, nach Ausweitung strebend und Energie verpulvernd muss es sein. Alles. Woher unsere Kraft kommt, ist weniger Thema. Hauptsache, wir haben genug davon zu vergeuden. Wozu sammeln? Wir leben nur einmal. Oder?
Traditionelle Japaner sitzen angeblich immer und überall aufrecht auf ihren Sitzbeinhöckern (die zwei Knochen, die wir besonders auf Bierbänken ohne Polsterl unliebsam zu spüren bekommen) und überlassen ihren Oberkörper nie der Lehne. Während wir so höchstens in der Meditationsstunde gequält verweilen und unsere Knochen zu krachen scheinen, ruhen die Japaner im aufrechten Sitz entspannt und schließen auch noch ihre Augenlider dabei. Keine verschränkten Beine, kein zusammengesunkener Brustkorb, kein gebeugter Rücken, kein verdrehtes Becken, kein Knick im Bauch.
Die gebeugten Beine stehen parallel und locker nebeneinander, die Fußsohlen liegen voll am Boden auf. Aufrechter Oberkörper, lockerer Bauch, offener Brustkorb, entspannte Schultern, auf denen ebenso aufrecht der Kopf sitzt.
Dabei sehen sie dann so aus, als wären sie in ihrer Mitte.
Wir können durchaus davon ausgehen, dass sie das wirklich sind. Äußere Haltung ist immer auch innere Haltung. Eine Ausstrahlung von Ruhe wirkt anders als eine von Erschöpftheit oder Passivität.
Buddha lächelt dabei auch noch und lässt offensichtlich seine Wampe raus.
Lass jetzt deinen Atem wieder ganz von alleine und völlig ungelenkt kommen und gehen. Leg die Arme wieder neben deinen Körper. Bleib mit deiner Aufmerksamkeit bei deinem Atem.
Das japanische Wort Hara heißt übersetzt zwar auch „Bauch“, bedeutet aber viel mehr: „Ein Mensch, der wirklich Hara hat, hat mehr als nur körperliche Kraft, er siegt mit einer ganz anderen Kraft“, schreibt Karlfried Graf von Dürckheim im Buch Hara. Die Erdmitte des Menschen. Diese Kraft der Mitte nimmt uns die Entscheidung – Himmel oder Erde – ab, wir sind einfach da, eins mit der Welt, und nehmen das Leben, wie es sich uns eben zeigt.
Relax
Stell dir nun bei jedem Atemzug vor: du atmest weiße, saubere, frische Luft ein und dunkelgraue, verbrauchte, schmutzige Luft aus. Deine Bauchdecke bleibt locker ...
...Wenn du genug neue Energie aufgenommen hast, dann atme tief ein und aus, seufze, wenn dir danach ist. Beweg langsam wieder deine Finger und reibe die Handflächen aneinander. Öffne deine Augen und komm vollständig, gestärkt und entspannt wieder in diesen Raum zurück.