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kodo, der kosmische dolm

brigitte fuchs | kodo, der kosmische dolm

oder Legenden und der Mythos „Mitte“

Ohne Zweifel gibt es im Universum angenommene Örtlichkeiten und Punkte, die zwischen, neben, über oder unter anderen angenommenen Örtlichkeiten und Punkten liegen. Daher kann die „Mitte“ auch nicht ausschließlich als Mythos betrachtet werden. Beispielsweise wissen wir aus dem Mathematikunterricht, dass es für geometrische Flächen und Körper Formeln gibt, womit sich deren „Mittelpunkte“ berechnen lässt. Dazu ist einschränkend festzustellen, dass erstens der „Mittel-“ häufig auch „Schwerpunkt“ heißt und zweitens derartige Körper in der Natur nur selten vorkommen. Eine Ausnahme bilden neben den kugelförmigen Schirmchen von Löwenzähnen und Huflattichen vor allem Sterne und Galaxien. Wie es in astronomischen Fachorganen heißt, „strahlen“ die Galaxien „in der Mitte am hellsten“. Ob es sich tatsächlich so verhält oder nicht, soll dahin gestellt bleiben. Immerhin wäre es nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die „Mitte“ – als Mythos oder Legende – auch die Wahrnehmung trübt. Jedenfalls ist nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass es die „Mitte“ (Löwenzähne!) auch wirklich gibt. Die Tatsache, dass die „Mitte“ eine empirische Tatsache darstellt, könnte dazu beigetragen haben, dass diese seit alters her als Metapher notorisch beliebt war. Beispielsweise gilt häufig der Nabel, das Herz, die Lunge, die Leber, die „Seele“ (?) etc. als „Mitte“ des menschlichen Körpers; Beijing, Aztlan, Jerusalem, Delphi, „Rom“ – und zwar wahlweise „Rom“ in Italien und „Rom“ in Asia – nebst vielen anderen Orten als „Mitte“ der Erde; die Erde, die Sonne, verschiedene Galaxien und schwarze Löcher etc. als „Mitte“ des Kosmos, aller Himmelsrichtungen etc. Im Einklang damit wurden und werden Artefakte und menschliche Ansiedlungen aller Arten und Größenordnungen als Objekte und Örtlichkeiten angelegt, die eine „Mitte“ besitzen. Diese hat häufig die konkrete Form von Stätten religiösen Kultes und/oder von Märkten. Daraus lässt sich allgemein zumindest eine ästhetische, vermutlich auch eine moralische Bevorzugung der „Mitte“ ableiten. (Als Gegenbeispiel ist in diesem Zusammenhang allerdings die negative Beurteilung einer „mittleren“, so genannt „farbigen“ Pigmentierung der menschlichen Haut zu nennen.)

Mythos „Mitte“
Ist die „Mitte“ eine Metapher, gehört sie in den Bereich der Legenden. Die „Mitte“ bildet darüber hinaus aber auch eine Mythologie. Der Mythos „Mitte“ entstand bemerkenswerter Weise an den Rändern von Gegenden, die zum gegebenen Zeitpunkt für die Mitte gehalten wurden. Die Entstehung dieses Mythos hat natürlich seine eigene Legende. Diese besagt, dass einem Herrn Isaac Newton, wohnhaft auf einer Insel im äußersten Nordwesten der großen asiatischen Landmasse, eines Tages ein Apfel auf den Kopf fiel. Dadurch soll ihm klar geworden sein, dass sich alles genau umgekehrt verhielt wie damals alle Welt dachte: nämlich, dass die Zeit verlief und der Raum sich veränderte. „Inmitten“ aller Abläufe von Stunden, Tagen, Monaten und Jahren phantasierte besagter Newton eine „absolute Zeit“, die niemals ablief und ebenso „inmitten“ aller Veränderungen einen „absoluten Raum“, der sich niemals veränderte. (Manche sagen, es lag nicht am Apfel, sondern es handle sich um einen Fall von „arktischer Hysterie“.) Newtons Sichtweise war allerdings ein Riesenerfolg beschieden. Nun war die Welt nicht länger darauf angewiesen, die „Mitte“ dadurch plausibel zu machen, indem sie zwischen, neben, über oder unter anderen Örtlichkeiten angesiedelt wurde. Als Mythen und Mythologie konnten „Mitte/n“ nun jederzeit selbst in großer Anzahl produziert werden. Es genügte, die „Mitte“ von vornherein anzunehmen und alles und jedes auf diese angebliche „Mitte“ zu beziehen. Darüber hinaus verlangt die Spielregel nur, dass auf keinen Fall verraten werden darf, worin die „Mitte“ eigentlich besteht: Ob die „Mitte“ einfach „leer“ ist und nicht existent, ist genau die Frage, der wir im Folgenden nachgehen.

„Wien Mitte“
oder „Bahnhof Wien Mitte“ liegt nicht wirklich in der „Mitte“ der Stadt Wien, wohl aber „mitten in der Stadt“. Dieses Merkmal teilt „Wien Mitte“ mit vielen anderen Örtlichkeiten, die in ähnlicher Weise „mitten in der Stadt“ gelegen sind. Die Tatsache, dass die Bestimmung dieses Ortes als „Mitte“ kein wirklich distinktives Merkmal darstellt, soll nicht weiter irritieren – das ist bei „Mitten“ meistens so. Tatsächlich scheint die Distinktion auch ohne jede Bedeutung, wie durch die Legende von „Wien Mitte“ gezeigt wird. Diese populäre Legende, die sich als Folge der Ausstrahlung der Fernsehserie „Kottan“ verbreitete, besagt, dass „Wien Mitte“ der Ort ist, wo sich der „Tod“ personifiziert. Einer älteren Fassung der Legende zufolge wird der Eingang zum Totenreich oder „Hölle“ im „Stephansdom“ angesiedelt. Dabei handelt es sich um die wichtigste religiöse Kultstätte der Stadt, die in Zeiten, bevor es Bahnhöfe gab, als „Mitte“ betrachtet wurde. Durch die Namensgebung und aufgrund des Umstands, dass der „Bahnhof Wien Mitte“ nicht etwa am Stadtrand liegt, wurde die alte Legende auf den Bahnhof übertragen: Daraus folgt, dass es unwesentlich ist, wo genau die „Mitte“ liegt; wichtig ist nur, dass sie die „Mitte“ ist.

„Mitte“ wird in diesem Zusammenhang offenbar in einem einfachen metaphorischen Sinn verwendet und steht für „Tod“ oder „Totenreich“. Ob es sich bei allen anderen Orten, die als „Mitte“ bezeichnet werden, ebenso verhält, kann allerdings nicht ohne weiteres behauptet werden. Zum Beispiel unterscheidet sich


Mitteleuropa (Mitte-l-europa)
von „Wien Mitte“ (und ähnlich konstruierten Ortsbezeichnungen) dadurch, dass es nirgendwo „inmitten“ gelegen ist. Am ehesten liegt „Mitteleuropa“ noch „inmitten“ eines Binnenlandes, aber auch das ist ungewiss, weil „Mitteleuropa“ anderen Quellen zufolge eventuell auch ans Meer grenzt. Keinesfalls aber liegt „Mitteleuropa“ „inmitten“ „Europas“, das seinerseits eine willkürliche Zusammenfassung der nordwestlichen Teile der asiatischen Landmassen darstellt. Darauf bezogen liegt „Mitteleuropa“ eher zu weit westlich. Andererseits wurde „Mitteleuropa“ in früheren Zeiten als äußerster Osten „Frankreichs“ betrachtet. All dies ist verwirrend und offenbar beginnt das eigentliche Problem schon mit dem geographisch eigentlich haltlosen „Europa“: Einen Ort, der inmitten eines Ortes liegt, den es nicht gibt, kann es erst recht nicht geben. Wenn es einen Ort wie „Mitteleuropa“ aber trotzdem gibt, kann es sich nicht um eine Örtlichkeit handeln, sondern nur um ein „Mythos“.
Immerhin scheint es sich aber bei „Mitteleuropa“ wie bei „Wien-Mitte“ um einen Mythos des Todes zu handeln, wenn auch das Motiv des „Totenreiches“ variiert wird. „Wien-Mitte“ ist offenbar das Totenreich der ansässigen, eines natürlichen Todes verstorbenen Population. Hingegen bezeichnet „Mitteleuropa“ eher eine Mission zu töten – und zwar alles und jedes, was „Nicht-Mitteleuropa“ ist. „Mitteleuropa“ ist folglich all das, was andere nicht sind oder nicht sein sollten und daher vor allem ein „Totenreich der anderen“ (vgl. auch „Mittelwert“).


Mittelerde (Mitte-l-erde)
ist ein fiktiver Ort und kommt daher in diesem Zusammenhang nicht in Betracht.


Mittelwert (Mitte-l-wert)
Die Tatsache, dass der „Mittelwert“ auch kurz „Mittel“ genannt wird, deutet auf seine zentrale Position im Mythos der „Mitte“. Dabei handelt es sich natürlich um keine örtliche Zuschreibung. Ein „Mittelwert“ muss vielmehr mathematisch oder statistisch errechnet werden. Dazu benötigen wir nichts weiter als eine Reihe von Zahlenwerten, beispielsweise Messwerte oder Stichproben. Diese ergeben nach Anwendung von mehr oder weniger komplizierten Rechenoperationen schließlich den „Durchschnitt“ oder „Mittelwert“. Wer das Berechnen von „Mittelwerten“ für harmlos hält, täuscht sich sehr! Denn der „Mittelwert“ ist die „Mitte“ (!) des dazu gehörigen Mythos und seiner „Klasse“:


Mittelklasse (Mittel-l-klasse)
Jüngst äußerte die Wirtschaft ihre Besorgnis über den Rückgang des Konsums von Produkten der „Mittelklasse“ zugunsten von „Billigprodukten“ und solchen der „gehobenen Preisklasse“. Dies deutet schon darauf hin, dass die „Mittelklasse“ einen Standard („Mittelwert“) bildet, an dem andere „Klassen“ – „teuer“ und „billig“ – gemessen werden, und zwar ohne dass genauere Preisangaben gemacht werden müssten. Dem entsprechend bildet die „Mittelklasse“, die auch „Mittelstand“ oder „Mittelschicht“ genannt wird, historisch eine soziale Gruppierung, die „zwischen“ anderen sozialen Gruppierungen angesiedelt ist: Vertreten die einen die Meinung „zwischen“ Großgrundbesitzern und „Besitzlosen“, so meinen andere „zwischen“ „Kapitalisten“ und „Besitzlosen“. Daraus folgt jedenfalls, dass die „Mittelklasse“ weder „besitzlos“ ist noch über bedeutenden Besitz verfügt. Vielmehr verfügt sie über „durchschnittliche“ oder „mittlere“ pekuniäre Mittel, die aus „durchschnittlichen“ Einkommen gewonnen werden. Diese werden dazu verwendet, um eigens zu diesem Zweck hergestellte Produkte „der Mittelklasse“ zu konsumieren. Geht der Konsum derartiger Produkte zurück, macht sich die Wirtschaft (besonders natürlich die „mittelständische“) selbstverständlich große Sorgen, dass sie selbst mitsamt der „Mittelklasse“ untergeht. Und macht sich die Wirtschaft Sorgen, tut das auch die Politik, die immer und überall für die „Mitte“ ist: Furcht geht um vor dem


„Verlust der Mitte“
Der „Verlust der Mitte“ gilt allgemein nicht nur für die Welt, sondern auch für jede/n Einzelne/n als Katastrophe. Freilich zu Unrecht. Als Resultat des bisher Gesagten wissen wir, dass die „Mitte“ entweder identisch ist mit dem „Tod“ (vgl. „Wien Mitte“) oder mit dem „Durchschnitt“ (vgl. „Mittelwert“, „Mittelklasse“), manchmal auch mit beidem (vgl. „Mitteleuropa“). Daraus ergibt sich, dass diese Furcht völlig haltlos ist. Schließlich gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass der Tod in nächster Zeit aus der Welt verschwinden wird. Sollte die manchmal geäußerte Auffassung zutreffen, die Mittelklasse sei heute nur scheinbar nicht tot und längst „zombifiziert“, wäre die Furcht erst recht völlig unbegründet. Zwar wäre dann die „Mitte“ im Sinn von „Tod“ schon „verloren“, aber dieser Verlust bliebe für die „Mitte“ im Sinn von Durchschnittskonsum letztlich ohne alle Konsequenzen: Ohne Zweifel müssten auch Untote damit fortfahren, alles Mögliche zu konsumieren (wenn auch vermutlich keine Nahrungsmittel).
Und für all jene, die sich mit dieser Frohbotschaft nicht begnügen wollen, gibt es noch eine weitere des kosmischen Dolms:

Kodo der dritte / aus der Sternen Mitte / bin ich der dritte von links /…/ Und ich düse, düse, düse im Sauseschritt / und bring die Liebe mit / ... / Denn die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spaß, / viel mehr Spaß / als irgendwas!