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... links, rechts güts nix

andreas r. peternell | ... links, rechts güts nix

Trends, Moden und mediale Hysterien finden in der schreibkraft nur selten ihren Platz. Das „Gedankenjahr“ wurde von uns ignoriert, Goethe und Schiller ließen wir gute Leute sein und auch zu Freud und Mozart wird es keinerlei Kommentare aus der Redaktion geben (dasselbe gilt übrigens auch für das Jahr der Wüstenbildung). Einzig im Jahr 2000, pünktlich zur blau-schwarzen Regierungsübernahme also, beeilten sich die handelnden Politiker, um rechtzeitig dem längst gewählten Hefttitel „widerlich“ gerecht zu werden. Hier und jetzt aber wieder ein Heft, das – wie gewohnt – von der entspannten Zeitlosigkeit des Immergültigen lebt.

„In Gefahr und großer Noth / Bringt der Mittel-Weg den Tod“ hielt Friedrich von Logau bereits im 17. Jahrhundert fest. Den (fast) gleichnamigen Film Alexander Kluges aus dem Jahr 1974 nimmt Vrääth Öhner in seinen Überlegungen zur Philosophie der Mitte als Ausgangspunkt um festzustellen, dass Gesellschaften westeuropäischer Prägung „ihre Mitte über das gesamte gesellschaftliche Feld ausgedehnt haben“.

Doch die Mitte steht nicht erst seit dem 17. Jahrhundert unablässig im Zentrum zahlreicher Debatten und Überlegungen, sie zieht sich wie ein roter Faden durch die abendländische Kulturgeschichte. „Ob Aristoteles, Luther, Campanella, Ludwig XIV, Rudolf Steiner oder Edmund Stoiber – wer nach Transzendentem strebt, der propagiert die Mitte“, stellen Julian Blunk und Gudrun Sommer im Einladungstext zum vorliegenden Heft fest. In solch illustrer Runde darf natürlich Wolfgang Schüssel nicht fehlen, der meint, „wer Arbeitsplätze will, muss den Mittelstand stärken”. Was genau es mit diesem ominösen Mittelstand auf sich hat, untersucht Brigitte Fuchs unter Zuhilfenahme von Erdkarten, den gesammelten Harry Potter-Ausgaben und dem Wiener U-Bahn-Netz und kommt zum Schluss, dass der „Verlust der Mitte“ gemeinhin als Katastrophe gilt. Um dem vorzubeugen, begibt sich Christiane Kalss auf die Suche nach dem Lebensmittelpunkt und findet dabei die Website von „Nah und Frisch“. Katja Schmid kauft dortselbst ein und erklärt, was man mit einem „Hohlknochen aus dem Hause Kong“ so alles anstellen kann („mit Leberwurst, Erdnussbutter oder Schmierkäse füllen“ nämlich), Wolfgang Kühnelt trauert der Position des „Spielmachers“ im Fußball nach, und David Staretz beobachtet, dass motorisierte Verkehrsteilnehmer mit Vorliebe die Mittelspur benützen, offensichtlich aus Imagegründen – Rechtsfahrer stünden, so Staretz, hierarchisch „nur knapp über dem Radfahrer, der sich von seinem Hund ziehen lässt“.

Entschlossener als den eingangs erwähnten medialen Trends verschließen wir uns nur noch jenen Modeerscheinungen, die mit großer Begeisterung von schwer überblickbaren Einheiten, wie etwa „der Wirtschaft“, vertreten werden, und handeln auch hier streng antizyklisch. Statt etwa Massenentlassungen mit komplexen Sozialplänen abfedern zu müssen, haben wir das Redaktionsteam mit Julian Blunk und Gudrun Sommer vielmehr um zwei Gastredakteure erweitert (ihnen vielen Dank für die fruchtbare und spannende Zusammenarbeit), die federführend an der Themensektion des vorliegenden Hefts beteiligt waren.