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literarische slideshow

Andrea Grill durchforstet ein Gehölz namens Stammbaum


Andrea Grill: Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum.

Otto Müller: Salzburg, Wien; 2005

Rezensiert von: hannes luxbacher


Gerade mit beträchtlichem zeitlichem Abstand ist das Betrachten von Familienalben ein Vergnügen, basierend auf mehreren Qualitäten: da wären zum einen die modischen Zeitläufe, die retrospektiv ein gerechteres Urteil über Treffer und Verirrungen der Modebranche zulassen, da bieten sich Fachsimpeleien über die Kunst und die Mode des Posierens an (Warum wird heute beim Fotografieren gnadenlos Lächelpflicht ausgesprochen, warum schauen hingegen auf alten Fotografien die Leute immer so ernst?); und zu guter Letzt sind es die Erinnerungen an die Abgebildeten selbst, die Geschichten und Anekdoten, die sich um sie ranken, die gut erfundenen Legenden und die wehmütigen Nachrufe. Prägnant und in stark konturierten Skizzen porträtiert Andrea Grill eine Verwandtschaft, erweitert um assoziierte Mitglieder wie Nachbarn, den Freund des Hauses oder den Friseur. Mal stärker mal schwächer füllt sie die Skizzen aus, immer aber schafft sie es, ein plastisches (Teil)Bild des oder der Beschriebenen zu gestalten. So entsteht allmählich unter beinahe sprechenden Überschriften wie Großmutter, das Schalentier oder, ganz lapidar, Der Cousin ein System an Verbindun gen und Verzweigungen, sachten Verweisen und Ausschließungen. Es ist nicht die Absicht Grills, unter den Porträts eine Erzählung zu lancieren, vielmehr bleibt sie bei der vorgegebenen Form des Albums und reiht Bild an Bild, Text an Text. So bietet das Buch schließlich einen Überblick über die Extravaganzen des Alltäglichen. Ohne diese überzubetonen und als Spleen zu karikieren, stellt uns Grill etwa den Onkel vor, der das Gaspedal seines Autos nur mit speziellem Schuhwerk aus Italien zu treten pflegte, oder Tante Lulja, „die als Moslem im Wohnzimmer ein Gemälde von Jesus mit der Dornenkrone hängen hatte und auf deren Fensterbord eine kleine Moschee stand, die im Grunde aber nur glaubte, was im Kaffeesatz zu lesen war“. Vor allem aber sind es „Schicksale“ wie jenes vom Großvater, der aus gesundheitlichen Gründen in medizinische Obhut überantwortet werden muss oder das kurze Kapitel über Tante Annie, die mit zunehmendem Alter von den Erinnerungen an das Konzentrationslager in Indonesien eingeholt wird, für die Grill eine feinfühlige Sprache findet, ohne in der Pathoskiste zu wühlen. Gleichzeitig vermittelt der Ton beständig ein gutes Maß an Zuneigung für die beschriebenen Personen, in die sich durchaus ein wertendes Molekül mischen kann, das sich etwa in das Namen spendende Kapitel über den gelben Onkel mengt, der in die Hauptstadt gezogen ist, um dort, fern der familiären und dörflichen Strukturen, seine Homosexualität leben zu können. Hier bezieht das Ich des Buches kritisch Stellung zum posthumen Erschrecken der „Leute“ über den „hübschen Knaben, der sich eigenen Angaben zufolge bereits mehrere Jahre lang in der unmittelbaren Umgebung des Onkels aufgehalten hatte“.
Nicht alles, was angeführt wird, mag relevant erscheinen, manche Passagen schrammen hart an der Banalität vorbei oder verheddern sich in inflationären Motiven, als Fazit aber kann gelten: Andrea Grill stellt ihre Figuren zwar aus, führt sie jedoch niemals vor. Die Sympathie für die Beschriebenen gewährleistet, dass das Buch bei aller Öffentlichkeit immer auch einen Schuss Intimität behält.