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märchen vom schönen leben

egyd gstättner | märchen vom schönen leben

Es waren einmal sieben Zwerge, die hießen Novak, Oberhammer, Voglhuber, Deutschbauer, Jedlautschnig, Hochedlinger und Wallisch. Einer bekam Bauchspeicheldrüsenkrebs, einer Speiseröhrenkrebs, einer Prostatakrebs, einer Hautkrebs, einer Darmkrebs, einer Lungenkrebs und einer Knochenkrebs. Da waren es nur noch null.

Bevor es aber soweit war, zeugten die sieben Zwerge mit einer isländischen Gebietskrankenkasseangestellten sieben Zwergensöhne, und die hießen also Novakson, Oberhammerson, Voglhuberson, Deutschbauerson, Jedlautschnigson, Hochedlingerson und Wallischson. Als hätten sie sich miteinander verabredet, schrieben die sieben Zwerge den sieben Zwergensöhnen in sieben Totenbetten sieben Abschiedsbriefe folgenden Wortlauts: „Lebe dein Leben, mein Sohn. Mach es besser als ich.“ Dieses Vermächtnis nahmen sich die Söhne zu Herzen, sie wuchsen heran und wurden selber richtige Zwerge.

Novakson wollte Mittelstürmer bei Real Madrid werden, wurde aber Systemprogrammierer bei der Gebietskrankenkasse, blieb sein ganzes Leben lang Systemprogrammierer bei der Gebietskrankenkasse, starb und hinterließ circa fünfzig Urlaube in Wildbad Einöd.

Oberhammerson wurde Logistiker bei Madza Austria, blieb sein ganzes Leben lang Logistiker bei Madza Austria, starb und weg war er. Zu Lebzeiten hatte sich Oberhammerson Jahr für Jahr das Saisonabonnement in einem Stadttheater gekauft, sah ungefähr hundertzwanzig Boulevardkomödien, bei denen das ganze Publikum stets lauthals an Stellen lachte, wo gar nichts zu lachen war. Der Mann in der Loge neben ihm schlug sich so heftig auf die Schenkel, dass er einen Oberschenkelhalsbruch erlitt und drei Tage nach der Operation an einer Embolie starb.

Voglhuberson wurde Lateinlehrer, blieb sein ganzes Leben Lateinlehrer, starb und kam in die Hölle, wo niemand konjugieren und niemand deklinieren kann bis in alle Ewigkeit. Zu Lebzeiten wollte Voglhuberson eine ganz schöne Frau heiraten. Aber die erste ganz schöne Frau, die er kennen lernte, sagte: „Du gefällst mir nicht.“ Die zweite ganz schöne Frau sagte: „Mir gefällt ein anderer.“ Die dritte schöne Frau sagte: „Mir gefällt eine andere.“ Die vierte schöne Frau sagte: „Ich habe keine Zeit.“ Die fünfte schöne Frau sagte: „Ich muss mich selbst verwirklichen.“ Die sechste schöne Frau sagte: „Zwerge sind Scheiße.“ Da heiratete Voglhuberson eine ganz mittelmäßige Frau und lebte mit ihr glücklich und zufrieden, aber nur ein paar Wochen lang, denn dann fuhren die beiden während der Semesterferien auf Winterurlaub in die Alpen und wurden von einer gigantischen Staublawine verschüttet. Der Landeshauptmann sagte ihnen daraufhin sofortige finanzielle Unterstützung zu und wurde wegen dieses eindrucksvollen Krisenmanagements wieder zum Landeshauptmann gewählt. Aber zu dem Zeitpunkt war Voglhuberson ja schon in der Hölle, wo niemand deklinieren und niemand konjugieren kann.

Deutschbauerson wurde Entdecker, entdeckte aber überhaupt nichts und ging als erster Entdecker, der gar nichts entdeckte, in die Geschichte ein und ein.

Jedlautschnigson wurde Priester, kümmerte sich um die Seelen von Schafen und lieferte unentwegt Gottesbeweise. Er baute mit seiner eigenen Hände Kraft und Schweiß ein Therapiezentrum für integrative Gestalttherapie, stürzte aber während der Bauarbeiten von einem Gerüst und brach sich sämtliche Knochen. Die Unfallchirurgen im Spital operierten im Rahmen eines Gottesbeweises sämtliche Knochen wieder zusammen, entdeckten dabei aber einen faustgroßen Tumor gleich hinter dem Rückenmark (Dank sei Gott dem Herrn für diese glückliche Fügung), den ein aus Spanien eingeflogener Spezialist in einer fünfzehnstündigen Operation entfernte. Aus der Narkose erwacht, hatte Jedlautschnigson nach Tagen zwischen Leben und Tod höllische Schmerzen, war aber von den Fügungen seines Schicksals derart beeindruckt und gerührt, dass er einen Abschiedsbrief an seinen Tumor schrieb und seinem Tumor ganz herzlich für alles dankte, was er, der Tumor, für ihn, Jedlautschnigson, getan hat. Diesen Abschiedsbrief an seinen Tumor kopierte Jedlautschnigson dutzende Male, verschickte ihn als Gottesbeweis an alle seine Schäfchen und wurde daraufhin aus der Intensivstation der Unfallchirurgie in die Intensivstation der Psychiatrie überstellt, wo er vergeblich versuchte, Psychiaterseelsorger zu werden. Man kann nicht alles haben. Als Jedlautschnigson starb, kam er in den Himmel, damit Voglhuberson auch weiterhin niemanden hat, der deklinieren und konjugieren kann.

Hochedlingerson wollte Countrysänger werden und liebte Mundharmonikas, Blechgeschirr, Riesenkakteen, Lagerfeuer in der Prärie, T-Bone-Steaks, Bourbon, John Denver, Johnny Cash und Walker Percy. Er wurde dann aber Buchhalter. Falls er noch nicht gestorben ist, ist er trotzdem schon gestorben. 

Wallischson wurde Totengräber und Eishockeylinienrichter und blieb das so lange, bis das Wort Eishockeylinienrichter durch das Wort Eishockeyschiedsrichterassistent ersetzt wurde. Dann wurde er Eishockeyschiedsrichterassistent. Und dann starb er und wurde von seinem Totengräberassistenten, den er ins Totengraben eingeschult hatte, begraben.

Bevor es aber soweit war, zeugten die sieben Zwerge mit einer sibirischen Bäuerin sieben Zwergentöchter, und die hießen also Novakova, Oberhammerova, Voglhuberova, Deutschbauerova, Jedlautschnigova, Hochedlingerova und Wallischova. Als hätten sie sich miteinander verabredet, schrieben die sieben Zwerge den sieben Zwergentöchtern in sieben Totenbetten – genaugenommen in sechs Totenbetten und einer Staublawine, aber Märchen darf man ja nicht so genau nehmen – sieben Abschiedsbriefe, und sie schrieben ihren Töchtern genau das, was ihre Väter ihnen geschrieben hatten.

Die Zwergentöchter wuchsen heran, wurden selber richtige Zwergenfrauen und nahmen sich die Vermächtnisse ihrer Väter zu Herzen. Was aber den armen Zwergenfrauen während ihrer Existenzen alles widerfuhr, ist so über alle Maßen deprimierend, dass ich es gar nicht erzählen möchte. Wahrscheinlich ist es auch von keinem besonderen pädagogischen Nutzen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann haben sie das noch vor sich.

Gute Nacht, liebe Kinder! Träumt was Schönes, lebt Euer Leben und macht es besser als wir.