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mittel.punkt.mitte.

eva martischnig | mittel.punkt.mitte.

Zur Lage

"Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen will, darf man nicht hingehen." -Audrey Hepburn

Die Mitte ist eine Frage der Position. Als solche steht sie relational zu einem Gegenüber, mit dem verglichen und an dem gemessen werden kann. Und damit ist schon jeder Versuch einer Verortung der Mitte relativ. Und dennoch wird die Mitte als zentraler Maßstab herangezogen, um unsere Umgebung zu erfassen.

Mit der steigenden Bedeutung des individuellen Bewusstseins ist nicht die Welt selbst in den Mittelpunkt gerückt, sondern die Wahrnehmung derselben – und die liegt bekanntlich im Auge des jeweiligen Betrachters. Was unsere Sinne angeht, kann sich der/die Einzelne nicht anders wahrnehmen als das Zentrum, um das sich der Rest der Welt dreht.

In der Kommunikation mit anderen wird man sich dann immer wieder bewusst, dass unser Gegenüber ebenfalls keine andere Mitte kennen kann als die jeweils eigene. Darin liegt das unvermeidliche und unerschöpfliche Potential an zwischenmenschlichen Konflikten: in der praktischen Unmöglichkeit über den eigenen Wahrnehmungshorizont hinauszusehen. Jede Auseinandersetzung mit einer anderen Person beruht zu einem großen Teil auf Fantasievorstellungen von dem, was in ihr vorgeht – basierend auf Erwartungen und Einbildungen, die Gefahr laufen, an den Grenzen der persönlichen Vorstellungskraft zu scheitern. Die Annäherung zweier Individuen aneinander ist eine Gratwanderung zwischen tatsächlichem Austausch und gegenseitigen Projektionen.

Eine reizvolle Illusion

Objektivität ist eine reizvolle Illusion, in der man sich fest vorstellt, seinem eigenen Urteilsvermögen zu entkommen. Eine Situation, in der man die Summe aller vorstellbaren Meinungen erfährt, eine Schnittmenge bildet und diese Position für sich beansprucht – so könnte Objektivität aussehen. Wie der absolute Nullpunkt. Ein Moment der völligen Balance durch die Aufhebung von Gegensätzen.

Die Revolution der Null

In der Mathematik hat die Entdeckung der Zahl Null die Antike revolutioniert. Doch eine Kategorie vergleichbar mit dem Nullzustand gibt es in der Wahrnehmung nicht. Plus und Minus heben sich darin nicht gegenseitig auf, sondern Gegensätze existieren nebeneinander und verursachen das gewohnte Chaos von Empfindungen und Sinneseindrücken. Wie jeder selbst am besten beurteilen kann, färbt ein jeweiliger Empfindungszustand nicht nur die Wahrnehmung der Umgebung mit einer sanften Schattierung, sondern ist der einzige Spiegel, den wir zur Verfügung haben. Je nach Laune zeigt er ein unterschiedliches, ja sogar der vorhergehenden Empfindung gegenläufiges Bild. Kann es da eine Mitte geben, aus der sich eine vertrauenswürdige Kopie der Umgebung entziffern lässt, an der wir uns dann orientieren können? Die aus verschiedenen sinnestechnischen und emotionalen Eindrücken zusammengewürfelte Wahrnehmung ist massiven Schwankungen und Ungenauigkeiten unterworfen, und gleichzeitig ist sie das Maß aller Dinge, auf das wir angewiesen sind. Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach Objektivität, Ausgeglichenheit, Standards und Mittelmaß hoch ist, spenden sie doch ein gewisses Gefühl von Zuverlässigkeit. Die Position der Mitte suggeriert Überschaubarkeit und Stabilität, daraus scheint sie ihre Anziehungskraft zu ziehen.

Mitte als Credo

Das Streben nach der Mitte zieht sich durch alle Bereiche, von der Politik bis zur Yogaübung. Sich in der Mitte zu finden ist das Credo, das gesamtgesellschaftlich und im Einzelnen Stabilität und (inneren wie äußeren) Frieden garantieren soll.

Die eigene Mitte zu finden gilt als das Mekka der Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung. Die Suche nach Balance hat sich zu einem fast religiösen Sinn des Lebens entwickelt, der unerschütterliche Gelassenheit verspricht. In Krisensituationen des Alltagslebens spendet das Ziel von innerer Balance Trost und Hoffnung – auf einen Zustand in unabsehbarerer Zukunft, in dem keine äußere Belastung oder innere Zerrissenheit irgendeinen Einfluss auf das Befinden hat. Mit gelöster Gelassenheit kann dann den Querelen begegnet werden, die einen sonst an den Rand des Wahnsinns treiben, denn sie finden eben nur noch am Rande statt. Alle Aufmerksamkeit ist auf die innere Mitte gerichtet. Aus der heraus tritt man milde lächelnd den eigenen und fremdverursachten Stimmungsschwankungen entgegen und lässt sie weitgehend unbeachtet einfach vorüberziehen. Diesen paradiesischen Zustand verheißen viele, etwa der Werbejingle, der da trällert: „Das Leben ist für mich ein Tanz, alles eine Frage der Balance“ und für Diätprodukte wirbt. Oder die sich steigender Beliebtheit erfreuenden Yogakurse. Beide Beispiele reagieren auf und befriedigen (unterschiedlich effektiv) eine Sehnsucht nach Stabilität.

Atempause

Sollte einem durch die intensive Versenkung in die eigene Mitte schwindlig werden, gebietet es sich rechtzeitig wieder in den Alltagszustand zu finden – zurück an die Oberfläche sozusagen. Das Selbst ist aus den unterschiedlichsten internen und externen Faktoren zu einem Ich gewachsen, das als gegeben und – wenn schon nicht normal, dann doch gewohnt – erfahren wird. Reiner Selbstschutz also, dass man nicht bei jedem Blick in den Spiegel über die erstaunlichen Tiefen dieser an sich paradoxen Situation sinniert (ich, im Anblick meines Selbst als visuelle Oberfläche, als Bild, das wiederum nur ein reines Fragment meiner Ganzheit ist, das in komplexer Beziehung zu meinem inneren Selbstbild steht, usw.), sondern man sich etwa über die gelungene Farbkombination von Pullover und Hose freut oder an einen baldigen Frisörbesuch denkt. Natürlich im Bewusstsein dessen, dass das alles nur Oberfläche ist und uns irgendwann die Frage nach der wahren Mitte einholt. Dennoch: zwischendurch sollte man sich Oberflächlichkeit gönnen – am Rande verweilen, wenn man so will. Als Atempause auf der Suche nach der Position der Mitte.