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monolog der gitti w.

franzobel | monolog der gitti w.

Auszug aus dem noch unveröffentlichten Theaterstück „Das Knie der Japanerin“

Gitti in ihrer Wohneinheit, sich die Beine rasierend: Putzen. Was hab ich denn sonst, vom horizontalen Gewerbe abgesehen, noch für Chancen? Putzen kann ich gehen. Aufwischen. Ins Gastgewerbe. Fabriksbesitzer hat er gesagt. Industrieller. Pha, ein läppisches Bräunungsstudio, das nichts bringt. Ich putze gerne, ich halte das nicht aus, wenn keine Ordnung ist, die Blusen müssen Millimeter, säuberlich geschlichtet sein, und meine Lippenstifte, Stirnreihe, die Zahnpasta muß ich blind finden. Blind. Alles seinen Platz. Alles. Ich wasche mich auch, wenn es sein muß, fünfmal täglich, zehnmal, bevor mir der Schweiß so Joghurt runterrinnt, Achselschweiß, pfui widerlich. Und wehe der Josef wäscht sich nicht. Dann gnade ihm, da braucht er mich auch gar nicht angreifen. So als verschwitztes Topfenneger-Schwein. Nie. Wenn ich dusche, nimmt er unseren 20 Monate alten Sohn, setzt sich auf den Topf und schaut mir zu. Schau Burli, er sagt immer Burli, dabei heißt er Telemach. Schau Burli, was die Mama macht, die wäscht sich den Hals und wäscht sich den Bauch und den Busen wäscht sie sich, und das, was der Papa nicht mehr berühren darf - wäscht sie sich. Oder ich setze mich vor den Spiegel und ziehe mir die Wimpern, drücke mir die Ottos aus, Zahnseide, kommt er wieder an mit unserem Sohn, sagt, schau, was die Mama macht, Burli. Seppi, schrei ich ihn dann an, Seppi, schleich dich. Nimm den Telemach und schau, daß du verschwindest. Und er machts. Ich könnte ihn umbringen. Fabriksbesitzer? Industrieller. Pha. Ein mittelmäßiges Bräunungsstudio. Ein Scheißgeschäft. Das Schlimmste sind die Wochenenden. Grauenvoll. Was ich mich vor den Wochenenden fürchte. Schon heißt es, fertig, los, was machen wir? Gehen wir in den Club? Treffen wir Freunde? Einen Ausflug? Und wie widerlich das ist, wie widerlich, wenn er in der Öffentlichkeit seine Wichserhand auf meine Schulter legt, und mich angreift, berührt, liebe Familie spielt. Entsetzlich. Mich ekelt. Der ganze Mensch. Schwammig. Ich ertrage das nicht länger, sage, nein, gehe du allein, nimm den Telemach und geh, du siehst ja, daß ich putzen muß. Die Unordnung, die hier herrscht. Du siehst ja, daß man bügeln, saubermachen muß. Oder glaubst du, das macht sich von selbst? Sagt er: Schatzi, Schatzi, wie ich das hasse, Schatzi, sagt er, du mußt nicht immer putzen, komm doch mit, putz morgen. Gehn wir heute aus. Aber ich ertrage das nicht länger. Unterbezahlt zu kochen, zu putzen, das Kind zu betreuen, mich angreifen lassen. Wofür? Fürs Haushaltsgeld? Für die paar Lappen? Das Schlimme ist, ich putze gerne. Ordnung ist mir heilig. Da bin ich Schweizerin. Und wenn ich putze, sitzt er da, liest Zeitung, brülle ich ihn an, merkst du nicht, wenn du im Weg sitzt. Schaut er mich an, erstaunt. Ahso? Was soll ich denn? Wo soll ich hin? Was weiß ich, von mir aus nimmst du deine Zeitung, gehst du auf das Häusl, setzt dich auf den Topf. Das Schlimme ist, er tuts. Ohne murren. Nach zehn Minuten, ich bin mit Putzen fertig, will das Klo aufwischen, schreie, was ist, willst du ewig da drin hocken? Kommt er raus. Schaut mich blöd an. Ist freundlich. Das Schlimme ist, er kapiert es nicht. Nichts kapiert er. Nichts. Einmal hat er mich gefragt, liebst du mich? Ich kann ja nur die Wahrheit sagen, Lügen vertrag ich nicht, also sage ich, nein, du siehst es selbst. Lieben? Nein, lieben tu ich dich nicht. Fragt er mich, und, empfindest du etwas für mich? Empfinden? Pha. Nur Mitleid, sage ich, nur Mitleid. Eine Woche später steht er wieder in der Unterhose da, sagt, ich bin jetzt frisch geduscht, alles ist geputzt. Die Zähne und das Klo. Sogar Martha schläft. Martha ist meine 13jährige Tochter aus erster Ehe. Sage ich ihm, daß der Sohn, Telemach, bereits im Ehebett liegt, weil er sonst hysterisch wird, nicht richtig schläft. Was, sagt er, dann wird es heute abend wieder nichts. Wann, fällt ihm das Gesicht herunter, wann -, wir haben schon seit Wochen nicht. Nein, sag ich. Schau Seppi, wenn der Telemach nicht richtig schläft. Schaut er blöd. Wenn er wenigstens zu Huren ginge oder saufen würde, damit käme ich noch klar, aber nein, er sagt, er ist ein guter Junge. Ich rauche nichts, ich trinke nichts, ich hure nichts. Ich arbeite und bringe das Geld nach Hause. Ich muß ein guter Junge sein. Da nützt es nichts, wenn ich ihm sage, daß das zu wenig ist. Nicht reicht. Er endlich ein Mann werden muß, kein guter Junge bleiben. Oh, wie ich ihn hasse. Ich rauche nichts, ich trinke nichts, ich hure nichts. Wenn er wenigstens mich schlagen täte, nein, nicht einmal das. Aber eines Tages, er will ja den Sohn, eines Tages, ich spürs, wird er mich, wollen wird er mich, und umbringen. Bestimmt. Der Josef kann brutal sein. Wenn er sich sonst nicht mehr zu helfen weiß. Grob. Der ist zu allem fähig. Aber ich werde ihm zuvorkommen. Da gibt es Mittel, Wege. Der schnarcht ja ungeheuer. Ich war mit ihm bei Ärzten, alle wissen es, Atemstillstände jede Nacht. Mehrere. Immer längere. Wer will beweisen, daß bei einem ein Polster auf ihm lag? Wer wird eine arme Witwe mit einem behinderten Kind verdächtigen? Hnn? Keiner! Oder ihm gemahlenes Glas ins Essen mischen, eine Prise täglich. Das macht Magenblutungen, nimmt Mörser, spielt damit, spuckt er ein bißchen Blut, sage ich, gut, da ist dir ein Äderchen geplatzt, hast du dich verkühlt, nichts weiter. Das vergeht. Und das vergeht auch wirklich. Gleich mit ihm. Nach einem Monat ist er hin. Das wird ein Fest.