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nachtland

helmut eisendle | nachtland

Für die Bewohner und Organisatoren des Vinzidorfes in Graz

Ein guter Mensch bemerkt während eines Spazierganges wie ein böser schlechten Gewissens an ihm vorbeischleichen will. Erbost läuft der Gute dem Bösen nach und stellt ihn zur Rede. Als dieser keine Antwort gibt, überwältigt er ihn und schleppt ihn zur Polizei. Der böse Mensch ist darüber sehr traurig und nimmt sich vor, sein Leben zu ändern und ein guter Mensch zu werden.

Der Mensch hat um sich und in sich ein großes Reich aufgebaut, ein nachtländisches Reich, ein Nachtland. Mit der Wirklichkeit habe dieses Reich nichts zu tun. Es sei eine Variante davon. Sicher. Eine sogenannte Minusvariante. Das nachtländische Reich hat viele Bewohner. Jedermann und jede Frau habe schon einmal in ihm gewohnt. Irgendwann, aus irgendwelchen unklaren, heimlichen Gründen der Not. Es sei ein Eiland, dem es an vielem mangle, dem alles jene fehle, was die normalen Reiche auf Erden auszeichnete. Ordnungen, Vernunft, Gesetze, Wohlstand und Chancengleichheit, Sicherheit und Profit, Wachstum und Demokratie. Oder das Gegenteil. Das Nachtland liege jenseits aller dieser Festlegungen, jenseits des Asphalts, sozusagen. Sous le pave - la plage. Unter dem Asphalt - der Strand, hinter der Wirklichkeit die Phantasie, das Greuel, der Abschaum. Natürlich, dieses unbeschreibliche Nachtland habe etwas von einer Unterwelt, einer Unterwelt, einem Ghetto. Es sei erfüllt mit Schmerz und Wehmut, mit gleichgültiger Verkommenheit und einer zärtlichen Gleichgültigkeit dem gegenüber, was die Rettung wäre.
Die Gegenden des Nachtlands seien die Städte, die Hinterzimmer, Bierstuben und Trinkhallen, die Bahnhöfe. Es seien erfundene und bekannte Landschaften.

Es sei ein Land der Träume, der verlorenen, der erwünschten und der Angstträume. Im Norden sei es vielleicht so schön und karg wie das Innere von Spanien, oder es erinnere an die Mischwälder im Süden der Steiermark oder an die Gegend am Meer um Genua oder vielleicht an die Bretagne oder Anjou, wo der Kindermörder und Kampfgefährte Jeanne d'Arcs, Chevalier Marechal Gilles de Rais, sein Schloß besessen habe. Der Himmel sei am Abend weit wie über Berlin, die Luft klar und gläsern, ein kühles, freundliches Blau wie in der Stunde der Hinrichtung oder der Morgen nach einer durchzechten Nacht am Viktualienmarkt in München. Das Nachtland sei überall. In Berlin mit dem Wedding, mit Neukölln oder Friedrichshain, in Kreuzberg oder Pankow, in München mit Haidhausen, in Frankfurt und seinem Bahnhofsviertel, in Barcelona und dem Barrio chino, in Rom mit seinen Vorstädten, in Genua mit dem Hafen, in Graz mit dem Griesviertel, in Wien mit dem Gürtel, in Paris mit Montreuil, wo die Clochards neben der Peripherique den Rest ihres Lebens verkaufen. Das nachtländische Reich sei so schön wie das grausame Leben anderer und so häßlich wie das eigene, wenn man in Not sei und etwas erlitt. Es sei aber auch etwas Unauffälliges, etwas, das viele, fast alle irgendwann erlebten. Hinter dem riesengroßen, spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen oder schwebten oder staken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe mit darangelassener Hälfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich, glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant und wie zum Umarmen und Küssen eingerichtet. Also keine Menschenschlächterei, sondern - wie soll ich sagen? - leichenartig konservierte Hälften mit vorgequellter Brust, Menschenmumien, aber unter Berücksichtigung und Konservierung des kostbaren Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom schneeigsten Weiß bis zum tiefen Beinschwarz; die Farben nicht angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also herausgeschwitzt und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit anderen Farben eingefaßt. Oskar Panizza, Visionen der Dämmerung. Ein Nachtland. Die Bewohner dieses Reiches gäbe es überall. Sie säßen bei Wein und Kastanien im Süden der Steiermark, am Hafen von Genua, auf den roten Felsen des Cinque terre, im verfallenen Schloßhof von Champtocé, in Berlin in einer der Eckkneipen bei Korn und Pils, in den unzähligen blauen Stunden, die es irgendwo und überall gäbe, in Wien, in Graz, zwischen Friedhof und Kirche, in Sankt Leonhard oder wo. Es seien Denker und Spieler, Zweifler und Besserwisser, Gestrauchelte und Erfolgreiche, Gehenkte wie der auf der zwölften Karte des böhmischen Tarot, es seien Glückliche, die irgendwo angelangt seien, und Unglückliche wie der in der S-Bahn, die in die Abenddämmerung zum Wannsee fahre, in der Manteltasche die halbvolle Flasche Fusel oder Limbo, es seien Frauen, deren Schönheit kein Gestern und Morgen mehr kenne, es seien Künstler, Dichter und Träumer und Verfolgte und Verfolger, die nie ans Ziel kämen, es seien freischaffende Trinker wie Oskar Hut, den sie längst zu Grabe getragen hätten, es seien Poeten, die nie vom Erfolg geschlagen wurden, die immer schon bereit gewesen waren, überall hin zu verschwinden wie der Herr Doktor Serner, der dann doch in einem Konzentrationslager zugrunde gehen mußte oder wollte?

Es seien Menschen wie Oskar Panizza, Hanns Grosz, der grausame Vater des Otto Grosz oder George Grosz oder wer auch immer, es seien Menschen, die nichts zu verlieren hätten, die alles gewinnen könnten, die keine Freunde mehr fänden, keine Heimstatt und keine Zukunft. Ihre Heimat sei die Phantasie, diese seltsame Schwester, welche jede Flucht aus dem, was eben als Wirklichkeit bezeichnet würde, gestattete. Es seien die großen Verrückten und die kleinen Zuhälter, die Zocker und Hasardeure, die Pornoliebhaber und Anbieter, die Südländer, die Nordländer, die Ostländer, die Ossis und Wessis, die Westländer, die Überalländer, die Thekensteher, deren Augen manchmal angeschlagenen Glaskugeln glichen, es seien tatsächlich die Narren, die Irren, die Anstaltsinsassen, die nur mehr dächten, dächten, dächten und dächten, die dächten, daß Denken, daß das Denken zu erdenken sei, die dächten, daß Denker nur dächten, daß sie dächten, es seien die Schwätzer und Konfubalierer, die sich selbst genug geworden wären und jedem alles erzählten, es seien die Helden des Versagens, jene, die Mittleid erregten und Mitleid hätten, es seien die vielfach Verurteilten der Hauptbahnhöfe, die unrechtmäßigen Schläfer hinter der Gepäcksaufbewahrung, die, gejagt von Klofrauen und Polizisten, vor der Sperrstunde die Bierreste der Gegangenen tränken, es seien die Phantasten, die Abweichenden, die ruhmlosen Dissidenten, die Kokser und Wermutbrüder, die Trinker und jene, die über die Wirklichkeit nicht mehr nachdächten und bereit seien, es seien mehr oder weniger alle, die anderen zugleich wie die eben, ja, auch diejenigen, die nie auffällig würden.
Sie kommen aus den Städten.

Das Stadtleben erhöhte seine Bedeutung, wenn man die Bedingungen verschwinden lasse, ob diese Arbeit hießen oder die Attraktivität, die sie zur Schau stellten. Städte seien Ungetüme, die sich Tag für Tag selbst erlebten. Und liebten. Und haßten. Am Morgen erwachten sie. Bald seien sie voller Leben. Wie immer. Die Geschäfte und Ämter würden geöffnet, die U-Bahnen, Busse, die Straßenbahnen mit Menschen gefüllt sein, die der gewohnten Arbeit an einem gewöhnlichen Tag nachgingen. Die Straßen würden überfüllt von Menschen und Fahrzeugen sein. Die Polizei würde den Verkehr regeln, Freund und Helfer sein und die Bösen während oder nach der Tat stellen.

Der Verkehr würde rauschen, den ganzen Tag lang. Einen Tag lang würden sich die Menschen sich der Arbeit oder dem Müßiggang hingeben. Sie würden betriebsam sein. Oder auch nicht. Jeden Tag. Alltäglich. Plätze, Orte, Arbeitsplätze, Geschäfte, Büros würden voll sein oder sich entleeren und den Städten ihre unbeachtete Bedeutung verleihen. In Berlin und Wien. Wie in jeder anderen Stadt. Ja, Städte sind Ungetüme aus Blech, Stahl, Glas und Beton. Und Leben. Städte seien alleine gedankenlos. Es seien zuviele, die denken müßten. Jeder Einzelne dächte, sicher. An sein Leben. Die Stadt verlangte es von ihm. Oder von ihr.
Die breite, gepflasterte Straße führt vom Hafen, einen der Binnenhafen der Stadt, weg, in einen der Außenbezirke, wo die großen Lagerhäuser Woche für Woche gefüllt und entleert werden. Täglich.
Von früh bis spät.

Im Hintergrund begrenzt die Straße ein Bürgersteig, der - wie man annehmen muß - selten von Bürgern betreten wird. Hier geht keiner spazieren, vorbei an den Auslagen oder um seinen Geschäften nachzugehen, auf diesem Gehsteig wartet täglich am frühen Morgen eine Arbeiterschar vor dem großen Tor, um den Taglohn zu verdienen. Und nicht alle schaffen es. Einige kehren verdrossen um, gehen in die nächste Kneipe, trinken ein Bier und fluchen.

Das Tor hat zwei übermannshohe Flügel aus Brettern und ist mit einer Kette verschlossen.
Das, was die Hilfsarbeiter täglich auf ihren Rücken laden, transportieren, abladen und aufstapeln, mag des Schutzes wert sein und doch, wenn es hier etwas zu stehlen gibt, ist es doch die Arbeit, vielleicht der Taglohn von hundert Arbeitern.
Das Tor steht zwischen zwei mannshohen, gemauerten, kantigen Säulen, die am oberen Ende in Art kleiner, quadratischer Pyramiden mit Dachziegeln abgedeckt sind.
Von der linken Seite führt die den Bürgersteig begrenzende Bretterwand hunderte Meter weiter und verschwindet am Horizont. Neben einer Säule hängt auf drei Holzmasten, in Form eines Galgens eine Laterne, die das Tor und die nähere Umgebung beleuchtet.

Es ist Nacht, der Himmel ist schwarz, über die Bretterwand, vom Lagerplatz her, dringt ein breiter, schwerer Nebelschwaden auf die Straße. Wenn man die Szenerie lange genug betrachtet, erkennt man im Hintergrund einen Haufen von Kisten und Holzsteigen, aufgeschlichtet für den Abtransport oder allfälligen Gebrauch.

Auf der endlosen Bretterwand kleben noch Reste von Plakaten, abgerissen, entweder weil man neu aufkleben will oder weil das Plakatieren hier verboten ist. Wer will auch hier etwas plakatieren? Es ist keine Gegend, in der Käufer wohnen.
Die Papierreste leuchten im Licht der Laterne wie ein Bild, dem man aus der Entfernung mehr abstrakten als konkreten Charakter zutraut. Von den kantigen Säulen des großen Tores ist mannshoh der Putz abgebröckelt; das matte, regengefärbte Weiß des oberen Teils ergänzt die weißen Flecken der abgerissenen Plakate bis zum Schwarz und Braun des Tores und des Himmels.
Abgesehen von der Künstlichkeit des vorgestellten Bildes, vermitteln Bretterwand, das Tor, die Säulen, der Hintergrund und die Laterne etwas von ärmlicher Verkommenheit. Die Gegend, die Straße, alles hat hier seine Zeit erlebt. Was man sieht, ist ein Rest, etwas Zurückgebliebenes, das gerade noch gebraucht wird. Die Straße ist breit und ausladend, auf der anderen Seite befindet sich ebenfalls ein Gehsteig. Direkt über dem Rinnsal steht eine Frau. Sie ist jung, vollschlank und trägt eine Frisur, die man früher einmal als Bubikopf bezeichnet haben würde.

Ihre füllige Gestalt wirkt müde und wirft einen grauen Schatten auf den Pflasterstrand der Straße.
Sie ist allein. Unter dem rechten Arm hält sie eine kleine, schwarze Tasche. Sie raucht und stützt den rechten Arm in die Hüfte, auf den Schuhen, die Pantoffeln gleichen, sieht man Reste von Stoffblumen. Unter der kurzärmeligen Wolljacke trägt sie einen grüngestreiften Pullover, der die großen Brüste und die Figur noch massiger scheinen lasse. Der halblange Rock mit einem langen Zippverschluß auf der linken Seite hält ihren Körper in der gewünschten Form. Die Zigarette glimmt, in unregelmäßigen Abständen glüht sie und die Asche verlängert sich.
Sie blickt auf die Straße in Richtung der langen Bretterwand als warte sie. Ja, sie wartet. Sie wartet.

Oder Männer?
Er stand im Stehausschank des Bahnhofes. Es war früh am Morgen. Im Hintergrund sah er die Gleisaufschriften, links davon eine Gepäckaufbewahrung. Die Schiebefenster sind offen. Es muß kurz nach sechs sein. Ein Bediensteter stand hinter einem Pult und trank Bier aus der Flasche. Unter dem Fenster lag ein Stadtstreicher auf ausgebreiteten Zeitungen. Zu seinen Füßen standen Plastiktüten und leere Bierflaschen. Es mußte tatsächlich kurz nach sechs sein, sonst wäre der Stadtstreicher schon längst vertrieben worden. Aus dem großen Eingangstor des Bahnhofes kam ein Mann. Er war schwarz gekleidet und trug einen Geigenkasten. Mit langsamen Schritten durchquerte er die Halle und blieb auf der anderen Seite stehen, legte seinen Hut auf den Boden, öffnete den Kasten, nahm die Geige und begann ohne Vorbereitungen zu spielen. Die Toselli-Serenade. Und das am frühen Morgen. Es tröstete den Mann, schließlich war er die ganze Nacht unterwegs gewesen. Als er zu spielen begann, kam ihm Aragon in den Sinn.

Die Nacht und der Morgen der Städte ähneln nicht mehr jenem Hundegebell römischer Finsternis, noch jenem Bild der Schmerzen, das die Nacht der Renaissance war. Die Nacht ist ein riesiges Ungeheuer aus Blech, tausendmal von Messern durchbohrt.
Der Bedienstete der Gepäckaufbewahrung beugte sich aus dem Fenster, sah den Stadtstreicher unter sich und auf der anderen Seite den musizierenden Alten. Er nahm den Hörer des Telefons vom Pult, wählte, sagte etwas, legte auf, nahm einen Schluck aus der Flasche, ging in den hinteren Teil der Aufbewahrung und kam mit einer Brechstange zurück, ging zum Fenster direkt über dem Stadtstreicher und schlug mit Gewalt auf die Eisenbrüstung. Der Mann unter ihm schrak auf, der Geiger hielt den Bogen an, der Beamte machte einige forsche Handbewegungen. Der Penner nahm seine Plastiktüten, ließ die Zeitungen liegen und setzte sich in eine Ecke, wo ihn der Bedienstete nicht sehen konnte. Der Musiker begann noch einmal die Toselli-Serenade. Nach einigen Minuten, der Mann stand noch immer im Ausschank, betrat ein Polizist die Halle und ging schnell zur Gepäcksaufbewahrung und wechselte mit dem Mann einige Worte. Dann drehte er sich um und schwang zur Musik des Geigers den Gummiknüppel. Kurz vor dem Stadtstreicher blieb er stehen, der ihn von unten ängstlich anstarrte. Der Polizist schlug mit dem Knüppel in die offene Hand. Der Geiger hörte wieder zu spielen auf, packte sein Instrument, nahm den Hut und ging langsam wie ein Gebrechlicher aus der Halle. Als der Stadtstreicher aufspringen wollte, schlug der Polizist auf ihn ein. Von den Geleisen her kamen Menschen. Sie blickten beiläufig auf die Szene. Der Polizist hörte auf zu schlagen.

Der Musiker kam wieder in die Halle, stellte sich an die Wand neben dem Eingangstor und begann wieder zu spielen. Die Toselli-Serenade. Der Polizist schlug mit dem Knüppel im Rhythmus der Melodie in die Hand. Ein Passant warf eine Münze in den Hut. Der Stadtstreicher stolperte hoch, nahm seine Tüten und verließ den Saal. Der Mann drehte sich um, machte eine Handbewegung und bestellte ein Bier. Hinter ihm erklang die Toselli-Serenade noch einmal.
Nun, dachte er, ich habe mit diesen Dingen nur am Rande zu tun. Aber sie passieren im Mittelpunkt der Welt.