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günther freitag | nausea

Erinnerungssplitter

Vicenza an einem Sonntag im Februar. Spaziergänger auf dem Corso, in den Parks, auf der Piazza Signori. Turtleskinder, Jugendliche auf Motorrädern, vor einer kleinen Bar Männer mit einem Radioapparat, die auf die Fußballergebnisse warten. Um nach dem Ende der Spiele enttäuscht ihre Totoscheine zu zerknüllen. Stillstand der Zeit.
Die Idylle, als Ort begriffen, ist der Platz des Nicht-Denkens, der starre Text der Agonie. Der abgegrenzte Garten, über dessen Hecke sein Besitzer nicht sieht. Die Idylle lügt immer.
Essendo la meschinità
la caratteristica
più spontanea
degli uomini.
Die jahrhundertealten Häuser auf dem Corso schreiben den Text der Idylle. Täuschen den Spaziergänger, wenn er nicht hinter die Steine sieht. Durch die Perfektion, mit der sie ins Bild stimmen. Nichts geben die Steine preis von den Orgien der Niedertracht, die sie gesehen haben und Tag für Tag wieder sehen.
Nieselregen auf der Piazza Signori.
Im Café Garibaldi lese ich einen Artikel über Fremdenhaß in der Stampa. Immer wieder komme es, vor allem in den Städten des Nordens, zu Übergriffen gegen Afrikaner und Asiaten. Schließe ich die Augen, sehe ich nicht die Basilica Palladiana, sondern kahlgeschorene Jugendliche, die mit Stahlruten einen Wanderhändler zusammenschlagen. Vu cumpra? Und überall Blut.
In einer Seitengasse rassistische Parolen auf einer Hauswand. An denen die Passanten achtlos vorübergehen. Ich stehe und lese. Am Ende der blinden Aggression die Unterschrift: il gauleiter.
In einer Ausgabe des Panorama ein Bericht über die Skins der nördlichen Regionen: Razza violenta. Ein Mailänder, der sich Psycho nennt, erklärt den Reportern die Strukturen und Ziele der Gruppen. Spricht auch von einer, deren Mitglieder einander jeden Freitagabend in einer Bar an der Periferie von Vicenza treffen. Sie sind hungrig nach Härte, Reinheit und besitzen Hoden aus Marmor...
(Vicenza 1993)

Herbst, Trieste. Ich notiere für eine Neuschrift der Odyssee, laufe durch die Stadt. Notiere, fotografiere. Überall in der Stadt Wahlplakate. Die traditionellen Parteien befinden sich in der Defensive. Die Rache der Wähler nach jahrzehntelanger Arroganz und Mißwirtschaft. Das Vakuum will der Rechtspopulismus besetzen. Wenn es sein muß, mit Namen, die wie ein Paradoxon anmuten: Movimento Sociale Italiano nennen sich die Faschisten. Deren Parolen in Triest auf fruchtbaren Boden fallen: una città senza hinterland. Aufmärsche und Ver-sammlungen auf der Piazza Unità: Istria, Fiume, Dalmazia: ritorneremo! Zwei Weltkriege und der Vertrag von Osimo zerbrüllt. Hunderte Gefäße mit der Flaschenpost von der Rückkehr werden ins Meer geworfen. Fackelzüge und rhythmische Parolen auf dem Corso Italia.
Rassistische Aufschriften in der Fußgängerunterführung an der Stazione, welche - wie als Verhöhnung - unter der Piazza Libertà verläuft. Ein Plakat der rechtsradikalen Rockband Spy-Eye, der LEGA und des MSI (der sich heute, nach einer sekundenschnellen Wandlung mit pathetischen Abschwörritualen AN nennt. Mit demselben Vorsitzenden). Im Cafè degli Specchi freut sich ein kurzsichtiger Alter über die Anwesenheit eines Versorgungsschiffes der Sechsten Amerikanischen Flotte und fantasiert die Rückeroberung des Hinterlandes in einen düsteren Regennachmittag. Der Krieg ist erklärt, denke ich, während ich ein Auge des Alten erblinden und hinter einer schwarzen Klappe ver-schwinden lasse. Polyphem, der blinde Idiot, nenne ich ihn und schreibe ihm die Parkinsonsche Krankheit auf den Leib.
(Trieste 1993)

"Die Deutschen", schreibt Alberto Moravia (aber leider ist es nicht wahr), "bleiben an ihren Opfern kleben", lese ich in den Scorciatoie e racconti von Umberto Saba.
Vorrebbe visitare il campo di sterminio? fragt der Portier im San Giusto mit unverhohlenem Erstaunen, als ich mich erkundige, wie lange ich nach San Sabba gehen würde. Obwohl die Risiera im April 1965 zum monumento nazionale gegen das Vergessen erklärt wurde, kann sich der Mann nicht vorstellen, daß ich mich (als Österreicher?) für diesen Ort des Schreckens interessiere.
Ich stehe am Piazzale Valmaura. Die Stahlbetonkonstruktion des Fußballstadions erinnert mich an die gesprayten Aufschriften der jungen Radikalen, die überall in der Stadt zu finden sind: ULTRAS TS. Und obwohl das Stadion versperrt ist, stelle ich sie mir vor (beim Blick durch das Gittertor): Kahlgeschorene Köpfe, Bomberjacken, klobige Stiefel mit weißen Schuhbändern, rote Hosenträger ... und erinnere mich an das Bild eines Jungen im Panorama, der in seinen Stoppelschnitt ein Hakenkreuz rasiert hat.
Wenige Meter bis zum Eingang der Risiera. Zwischen hohen Mauern gehe ich auf den ersten Innenhof zu. Kein Mensch befindet sich in der Anlage. Ich sehe den Platz, an dem sich der Ofen zur Verbrennung der Opfer befunden hat, die Todeszelle, Hafträume, Dokumente (der Täter und der Opfer) in Schaugewölben.
Vor einer leeren Vitrine bleibe ich stehen. Lese unter der Abbildung eines Knüppels: La mazza, das Tötungswerkzeug, befindet sich nicht mehr an seinem Platz. Es wurde am Beginn der Achtzigerjahre von einer Gruppe SAH (Squadra Adolf Hitler) gestohlen. Und wird heute vielleicht in einem Raum aufbewahrt, in dem sich Kahlköpfe zu rassistischen Witzen betrinken.
Der nichtmehrobmannsondernnurnochlandeshauptmannseiende Kärntner wollte die Risiera, angeblich eingeladengewesenseiend von jüdischen Vertretern, besuchen, aber der Sindaco und Kaffeeproduzent Illy hat ihn kurzerhand in einen augenblicklichausgeladengewesenseienden Kärntnerhauptmann verwandelt. Noch immer ist die Vitrine leer, aber man weiß nun auch noch immer nichts über den Verbleib des Knüppels. (Trieste 1999)