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nilfisk schlägt zidane

wolfgang kühnelt | nilfisk schlägt zidane

Das Ende der Kunst im Mittelfeld

Anlässlich der WM 2006 in Deutschland überhäufen uns die Buchverlage mit neuen Werken zum Wesen des Fußballsports. Da erscheinen historische Weisheiten nicht gebunden, sondern auf einen Lederball gedruckt, Fakten-Sammlungen werden gestaltet wie christliche Gesangsbücher und natürlich vermarktet man auch wieder die allseits beliebten und wie von Geisterhand geschriebenen Selbstdarstellungen berühmter Spieler.
Kaum ein Fußball-Text aber widmet dem Phänomen der Mitte mehr als ein paar achtlose Zeilen. Dabei wurde seit Menschengedenken primär dort, an zentraler Stelle also, die Kunst im Fußball erdacht und ausgeführt. Heute ähnelt das Mittelfeld immer öfter einer neutralen Zone, die an den Rändern streng bewacht, aber nicht mehr als schöpferischer Freiraum genutzt wird. Im modernen Fußball kursieren die unterschiedlichsten Gerüchte darüber, wie und wo ein Spiel entschieden wird. Es wimmelt von „Analytikern“, die es angeblich verstehen, ein Spiel zu „lesen“. So lernen wir Zuschauer täglich neue Theorien. Es ist vor allem wichtig, kein Tor zu kassieren. Angriff ist immer noch die beste Verteidigung. Es ist entscheidend, den Gegner schon in dessen eigener Hälfte zu attackieren. Nein, den Gegner kommen lassen und knapp vor dem 16-Meter-Raum einen Abwehrriegel bilden. Über die Flügel spielen. Nein, durch die Mitte. Die Kommentatoren und Trainer scheinen sich dabei immer stärker auf die zwei Gegenpole Abwehr und Angriff zu konzentrieren. Die Denker und Künstler im Mittelfeld, die noch in den 90ern die wertvollsten und teuersten Spieler waren, sind in die Defensive geraten oder werden in „zurückhängende Spitzen“ verwandelt.

Vier - zwei - vier
Die Geschichte des Mittelfeldspiels ist eine wechselvolle. Lange wurde das räumliche Zentrum auch als Mittel-, Dreh- und Angelpunkt des Spiels gesehen, die meisten Kicker wurden also von ihren Trainern rund um die Mittellinie postiert. Doch 1958 begann die erste internationale Krise des Mittelfelds. In Schweden wurden Weltmeisterschaften ausgetragen und Brasilien holte mit einem 4-2-4 System den Titel. Die vier Verteidiger standen auf einer gedachten Linie knapp vor dem Strafraum. Die zwei Mittelfeldspieler waren nicht viel mehr als talentierte Ballbuben, die den vier genialen Stür- mern die Vorlagen zu liefern hatten. Alles sprach von den torgefährlichen Angreifern Zagallo, Vavá und Garrincha sowie von Pelé, der ebenfalls im Sturm aufgestellt war. Einige Jahre lang wurde daraufhin auch in Europa versucht, mit zwei Mittelfeldspielern das Auslangen zu finden, nur konnte kaum eine Mannschaft vier hochkarätige Stürmer nominieren. So wurde aus der Not ein tugendhaftes 4-4-2 Modell, das auch heute – zumindest in der Theorie – von den meisten Teams praktiziert wird. In den 70er-Jahren dominierten die Mittelfeldspieler das Geschehen. Der Niederländer Johan Cruijff (zuweilen auch Cruyff geschrieben) und der Wiener Herbert Prohaska sind nur zwei Beispiele dafür, wie kunstvoll und präzise, aber auch wie langsam im Vergleich zu heute gespielt wurde. Den Ball hoch und schnell nach vorne zu schlagen, überließ man den Engländern. Kaum jemand am Festland sprach „kick & rush“ ohne eine gehörige Dosis Verachtung aus. Gefragt war weniger Athletik, dafür aber Überblick und Grandezza. Auch in den 80ern waren die entscheidenden Spieler oft im Mittelfeld zu finden. Besonders die französische Mannschaft, die 1984 Eu Engropameister wurde, konnte vier Großmeister des zentralen Raums nebeneinander nominieren. Michel Platini, Alain Giresse, Jean Tigana und Luis Fernandez waren die unumstrittenen Stars ihres Teams. Platini war nicht nur ein geschickter Vorlagengeber, er schoss auch jede Menge Tore und konnte so das Manko der Franzosen kaschieren, die seit den Tagen von Just Fontaine keinen großen Stürmer mehr aufbieten konnten. In der italienischen Serie A war der Mittelfeldstratege Platini drei Jahre lang ununterbrochen Torschützenkönig.

Die Nummer 10
Zum Superstar schlechthin aber wurde der Argentinier Maradona, der sich nach einschlägigen Fan-Umfragen noch vor Pelé als der größte Spieler des 20. Jahrhunderts fühlen darf. Auch er entwickelte seine Kunststücke im Mittelfeld, hatte aber in guten Momenten die Kraft, über den halben Platz nach vorne zu stürmen und die gegnerische Verteidigung schwindlig zu spielen. Die Nummer 10, die kaum einer jemals so überzeugend verkörperte wie Diego Armando Maradona, sollte nach dem Wunsch des argentinischen Verbands nie mehr wieder an einen Spieler im hellblau-weißen Trikot vergeben werden, doch die Technokraten-Fraktion der Fußballvereinigung FIFA entschied letztlich dagegen. In Zeiten wie diesen, wo Kicker freiwillig mit Rückennummern jenseits der 30 auflaufen, wäre diese Geste ohnehin nicht verstanden worden. So bleibt als letzte Reminiszenz an die große Ära des kleinen Genies aus Buenos Aires eine TV-Show mit dem Titel La Noche del 10 (Die Nacht der Nummer 10). Wieder hergestellt von Drogen- und Fress-Exzessen präsentiert Maradona nun im argentinischen TV hochkarätige Gäste aus der Welt des Sports und eigene Erkenntnisse über das Leben an sich.


Wenn es an den Flanken flankt
Nach dem Abschied Maradonas waren die berühmtesten Mittelfeldspieler in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre nicht selten an den seitlichen Rändern zu bewundern. Luis Figo, von weniger Wohlmeinenden die dribbelnde Ölsardine aus Portugal genannt, und sein späterer Mitspieler im Dress von Real Madrid, David Beckham, überstrahlten in der Fußballberichterstattung zentral aufgestellte Kicker wie Paul Scholes. Die angeblichen Superstars Figo und Beckham, beide im Vergleich zu Platini oder Cruijff limitiert in ihren spielerischen Möglichkeiten, wurden im Lauf der Jahre nicht selten wegen ihrer fehlenden Zweikampfqualitäten kritisiert. Da die Flügelposition bereits durch Figo und die zentrale Rolle des Spielmachers durch Zidane besetzt waren, musste Beckham bei Real ins defensive Mittelfeld. Eine undankbare Rolle für jeden Spieler, der nicht nur reich, sondern auch berühmt werden will. Ganz besonders galt dies für den kickenden Popstar aus England, der nun unauffällig, zerstörerisch und vor allem mannschaftsdienlich spielen sollte. Der ehemalige Flankenkönig Beckham ist kein Einzelfall. Immer öfter werden Mittelfeldspieler in zweifacher Hinsicht missbraucht. Hat der Gegner den Ball, so müssen sie seinen Spielaufbau unterbinden. Die Rede ist dann gerne von „Staubsaugern im Mittelfeld“. Ist die eigene Mannschaft in Ballbesitz, gilt es nicht mehr kunstfertig zu kombinieren, sondern nur rasch das synthetische Leder an die Angreifer weiter zu leiten.


Die Nilfisk-Ära
In Österreich, ohnehin in der Gegenwart arm an spielerischen Großmeistern, ist mit der Pensionierung des Rekordnationalspielers Andreas „Alpen-Maradona“ Herzog (103 Ländermatches) das Kapitel Mittelfeld-Star fürs Erste beendet. In Deutschland wird zurzeit unter Fußball-Intellektuellen darüber diskutiert, ob es im 21. Jahrhundert überhaupt noch einen „Spielmacher“ geben kann und soll. Und in Frankreich wehrt man sich mit Händen und Füßen gegen eine Pensionierung von Zinedine Zidane, der wohl einer der letzten europäischen Künstler der Mitte ist. Wie es aussieht, sind die ballverliebten Zauberer und genialen Strategen eine aussterbende Gattung, die Kämpfer und Rackerer, die „Staubsauger“, haben gesiegt. Der Fußballsport verliert seine Mitte.