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punkt ohne ausdehnung

vrääth öhner | punkt ohne ausdehnung

Zur Philosophie der Mitte

„Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ In großen, schwarzen Lettern gemalt, verziert die Frage eine Wohnzimmerwand, die zu einem gerade noch besetzten, nun aber zum Abbruch freigegebenen Haus gehört. Ohne Zweifel richtet sie sich an die Öffentlichkeit und nicht an jene, die dort gewohnt haben, schließlich ist der Abbruch des Hauses gegen den Widerstand seiner Bewohner und deren politischer Verbündeter durchgesetzt worden. Jene, die gekommen waren, um den Abbruch durchzuführen oder Zeugen desselben zu werden, sollten auf die Frage stoßen und in ihr das Zeichen eines gesellschaftlichen Protests erkennen, der in der widerrechtlichen Aneignung von Wohnraum nur einen Ausdruck unter vielen möglichen gefunden hatte. Denn im Grunde zielt die Frage natürlich auf die Gesamtheit der bestehenden Eigentums-, Sozial- und Lebensverhältnisse – was wiederum für Alexander Kluge ausschlaggebend dafür gewesen sein mag, die Frage ebenso wie die Umstände ihres Erscheinens aufzuzeichnen und für die Mit- bzw. Nachwelt festzuhalten: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod heißt der Film. Er spielt in Frankfurt am Main anno 1974.

Frankfurt am Main, Februar 1974: Ein Ort und ein Datum, die vor einigen Jahren in Verbindung mit der Person des damaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer erhebliches Aufsehen erregt hatten. Gegenstand der Auseinandersetzung war unter anderem die Frage gewesen, ob es legitim sei, vom politischen Rand ins Zentrum vorzurücken, und damit eine Frage, die dem Thema des vorliegenden Hefts sehr nahe kommt: Wie organisch ist die Mitte, bzw. wie organisch muss etwas sein, damit es als Mitte in Frage kommt? – Offenbar nicht besonders organisch. Einen Außenminister, der sich in der Vergangenheit als „Politrocker“ (Die Zeit) mit der Polizei Straßenschlachten geliefert hatte, wird man nur unter der Bedingung als „Skandal“ wahrnehmen können, dass man die Bewegung vom Rand ins Zentrum als nicht zur Mitte gehörend ausschließt. Einer solchen Sichtweise haftet allerdings der Geruch des Reaktionären an. Anstatt den Aufstieg des „Politrockers“ als Beweis für die Offenheit einer Gesellschaft zu nehmen, in der die Feinde des Staates zu dessen Repräsentanten werden können, würde man an einem normativen Modell festhalten, dem zufolge eine außerparlamentarische Vergangenheit spätere Regierungsämter verbietet. Halten wir fest, dass ein solches Bild die gesellschaftliche Realität zwar nur erheblich verzerrt wiedergibt, dafür aber eine genaue Vorstellung davon vermittelt, wer zur Mitte gehört – einige wenige, die sich „immer schon“ in der Mitte befunden haben – und wer nicht.

Nun ist es ein Leichtes, dieses Bild der Mitte als zu statisch, zu exklusiv und zu autoritär zurückzuweisen; ungleich schwieriger hingegen ist es, diesem ein Bild der Mitte entgegenzusetzen, das für funktional differenzierte Gesellschaften Gültigkeit beanspruchen kann. „Die ‚Mitte’“, bemerkte Richard Herzinger mit Bezug auf die Positionierung der SPD während des Bundestagswahlkampfs 2002 einigermaßen verwundert, „ist also das Ganze, die ganze Gesellschaft, eine klassenlose, konfliktbereinigte Gesellschaft, in der alle, wenn sie nur mittun wollen, an einem Strang ziehen.“ Wie aber, so wäre zu fragen, ließe sich unter der Voraussetzung, dass die Mitte potenziell alle umfasst, noch sinnvoll von Mitte sprechen? – Ich würde sagen, gar nicht. Vielleicht ist das Interessanteste an der Konjunktur, die das Thema der Mitte in den letzten Jahren erlebt hat, im Umstand zu erkennen, dass diese im Kontext flexibel-normalistischer Gesellschaften westeuropäischer Prägung auftritt; in Gesellschaften also, die ihre Mitte beinahe über das gesamte gesellschaftliche Feld ausgedehnt haben. „Mitte“ bezeichnet in diesem Zusammenhang den kollektivsymbolischen „Archipel des Normalismus“ (Jürgen Link); sie ist letztlich das Ergebnis einer statistisch ermittelten Normalverteilung, die überall dort neu berechnet werden muss, wo man wissen will, wie es um die Mitte gerade steht. Unschwer einzusehen ist, dass eine zur statistischen Größe geschrumpfte Mitte neben ihrer Substanz auch viel von ihrem dramatischen Potenzial eingebüßt hat. Selbst die Rede von einem drohenden „Verlust der Mitte“ erscheint in diesem Kontext weniger als Offenbarung, denn als Steuerungsimpuls, der die Gesellschaft weiterhin auf Fortschrittskurs halten soll.

Man mag von einer Mitte, die sich beinahe über die gesamte Fläche einer Gaußschen Normalverteilung ausdehnt, halten was man will; im Vergleich mit jenen apokalyptischen Szenarien, wie sie zuletzt vor gut 60 Jahren mit dem Begriff der Mitte verbunden wurden, erscheint sie als das wesentlich kleinere Übel. 1948, nur drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hatte der Wiener Kunsthistoriker Hans Sedlmayr den „Verlust der Mitte“ noch einmal als „kosmologische Störung“ zu beschreiben versucht, welche die Menschheit als Ganze bedrohe. Aus heutiger Sicht nur mehr schwer nachvollziehbar, legten für Sedlmayr, der während des austrofaschistischen Ständestaats vom Intellektuellen linksliberaler Prägung zum Anhänger Hitlers konvertiert war, nicht die Verbrechen des Nationalsozialismus das beredteste Zeugnis für den konstatierten „Verlust der Mitte“ ab, sondern die Phänomene der modernen Kunst. Über diese gelangt Sedlmayr zur Beurteilung des Zustands der Zeit:

Als normal und befriedigend kann der Gesamtzustand nur dem erscheinen, der, selbst in den Zuständen dieser Epoche befangen, an den ‚autonomen’ Menschen glaubt und Gott leugnet. Dass die Abschaffung Gottes auch die Abschaffung der Architektur und vielleicht ‚sogar’ die Abschaffung der Kunst nach sich zieht, wird von den konsequenten und aufrichtigen Materialisten zugegeben. Geleugnet wird nur, dass diese Schritte notwendig auch die Abschaffung des Menschen im Vollsinn nach sich ziehen: die Verwandlung des Menschen in das Untermenschliche, die Menschenmaschine (den ‚Roboter’) oder das anarchische Menschenatom (das aber eben nicht ‚atom’, sondern noch weiter zertrümmerbar ist) – jedenfalls aber den dämonisierten Menschen. Es wird verkannt, dass zum Wesen des Menschen ‚Persönlichkeit’ gehört, dass aber ‚Persönlichkeit’ nur als Ebenbild Gottes definiert und festgehalten werden kann.

Für Sedlmayr stellt die Moderne, vermittelt über die Phänomene der modernen Kunst, einen menschheitsübergreifenden Schicksalszusammenhang dar, den er in die Formel vom „Verlust der Mitte“ fasst: Moderne bezeichnet genau diesen Verlust. Alles strebt auseinander unter den Bedingungen der Moderne: die Kunst und die Menschen ebenso wie der Mensch und die Kunst, die Kunst und der Mensch. Nun findet diese Charakterisierung der Moderne als „heilloser“ Epoche auf der einen Seite zweifellos, wie Werner Hofmann festgestellt hat, in der „moralischen Entlastung der politischen Gewalttäter“ des Nationalsozialismus ihr Motiv, auf der anderen Seite aber gibt sie sich zugleich als rhetorische Figur einer politischen Antinomie zu erkennen, die, wie Joseph Vogl ausgeführt hat, „von der Politik zur Katastrophe, von der Katastrophe aber zum Topos der reinen und unverbrüchlichen Gemeinschaft führt. In der Rede vom Verlust der Mitte verschafft sich mit anderen Worten eine Heilserwartung Ausdruck, die unter den Bedingungen demokratischer Gemeinwesen – d. h. solcher, welche die antagonistische Grundverfassung der Gesellschaft anerkennen – schlicht nicht zu haben ist. Setzt die Möglichkeit solcher Gemeinwesen doch voraus, dass jener „Tod Gottes“ bereits stattgefunden hat, den Sedlmayr ganz im Gegensatz zu seinem Kronzeugen Friedrich Nietzsche als erste und letzte Konsequenz des Verlusts der Mitte betrauert: „Stürzen wir nicht fortwährend? Nach rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht durch das unendliche Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden?“

Dass die Nachricht vom Tod Gottes noch auf dem Weg ist zu den Menschen, dass diese weder den Tod Gottes, noch den Umstand wahrhaben wollen, dass sie selbst es waren, die Gott getötet haben, davon wusste nicht nur Nietzsche, davon zeugen umgekehrt auch die immer neuen Konjunkturen einer Sehnsucht nach der Mitte, die niemals etwas anderes meint als die Wiederkehr eines auferstandenen Gottes. Die wenigen aber, die ein Stück der Nachricht bereits vernommen haben, sehen sich ständig der Gefahr ausgesetzt, dass ihr Wohnraum über kurz oder lang zum Abbruch freigegeben werden wird.

 

Weiterführende Literatur:

  • Richard Herzinger: Die Mystik der Mitte. In: Die Zeit, Nr. 9. / 5.3.2002.
  • Werner Hofmann: Denker der Kehrseiten. In: Hans Sedlmayr: Verlust der Mitte. Salzburg 1983.
  • Jürgen Link: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Opladen 1999.
  • Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe. Bd. 9. München 1988.
  • Hans Sedlmayr: Verlust der Mitte. Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit. Salzburg 1983.
  • Joseph Vogl: Einleitung. In: Ders. (Hg.): Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen. Frankfurt am Main 1994.