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reflektor

klaus ebner | reflektor

Ein Fall von Mediokrität, sagte er, purer, schrecklich purer Mediokrität, an welcher er nichts Beschönigendes ausmachte, so sehr er sich auch abmühte, solches herauszupicken und in den Vordergrund zu schieben. Nein, vermutlich spielte es nicht einmal eine Rolle, ob er die Studienabschlüsse, die in seiner Tasche ruhten, auf den Tisch legte oder nicht, denn dort, wo dieses sinnvoll wäre, verbarg er sie ängstlich, und dort, wo jeder ihn von vornherein als überqualifiziert abstempelte, legte er sie quasi zum Gruß vor die Nase seines Gegenübers. Wenn er zurückdachte, vermochte er sich kaum zu entsinnen, seine Mittelmäßigkeit schon während der Ausbildung vor sich hergetragen zu haben, ganz im Gegenteil, damals hatte er sich über das Lächeln gefreut und dieses (wohl fälschlicherweise) als eine Bestätigung seines großartigen Könnens aufgefasst, sich mehr oder weniger selbst auf die Schulter geklopft und lediglich eine wegwerfende Geste für jene übrig gehabt, die den Finger zaghaft hoben, um auf eine Schramme in seinem Selbstbildnis hinzuweisen, die er bedauerlicherweise nicht einmal als billigen Schönheitsfehler wahrnahm. Falls die Mitte das Zentrum war, wie es hieß, dann fühlte er sich nicht nur zentral, sondern immerzu im Kernfeld der Aufmerksamkeit, er traf jede Zielscheibe punktgenau und kümmerte sich nicht darum, ob sie seinen Treffern standhielt oder, wenn schon nicht umkippte, vor Scham zerrann und sich dem allmählich aufkommenden Gelächter als triftiger Grund anpries. Hatte er nicht erst in einer Sitzung der vergangenen Woche den sprichwörtlichen Vogel abgeschossen, als die Gesprächsleiterin vor versammelter Belegschaft meinte, sie hoffe, dass auch er, und nun zeigte er mit dem Finger auf die eigene Brust, bald erschiene, und er halb (also wieder mittig) aufstand, die Hand hob und rief, er sei schon da, wegen einer kurzen Unachtsamkeit nicht ahnend, dass die Sprecherin sehr wohl von seiner Anwesenheit wusste, aber das Erscheinen seines Artikels angesprochen hatte? Wodurch ein Gewieher unter den Kollegen losgetreten war, das noch heute in seinen Ohren klang. Er zog ein Taschentuch heraus und schnäuzte sich lautstark, grinste ob der gelungenen Unterbrechung und steckte es zurück in den Hosensack. Von seinen beruflicherseits bestenfalls durchschnittlichen Erfolgen einmal abgesehen, fuhr er fort, gemahnte ihn der Versuch, ein wunderbares – und wenn es nicht dermaßen abgedroschen klänge, nennte er es ein „glückliches“ – Leben aufzubauen, eher an einen erdgeschichtlichen Kata klysmus, der jedoch keinerlei neue Möglichkeiten schuf, sondern mit allem ratzeputz aufräumte und ihm, wenn er ins Grübeln geriet, vor Augen führte, dass vermeintlich kundige Ansätze im Schlamm der Realität stecken geblieben waren. In seinem Alter, versetzte er spitz, blickte er auf drei gescheiterte Ehen zurück, jede Frau lief ihm davon und vermittelte ihm das Gefühl eines auch im übertragenen Sinne gänzlich Zurückgebliebenen. Woher, rief er aus, sollte er die Kraft schöpfen, die es brauchte, um im Strudel des Daseins zu bestehen? Denn wer einmal in die Mitte des Strudels trieb (und hier offenbarte sich die wahre Natur des Mittelmäßigen), der stieß jedwede Chance, dem wummernden, alle Sinne benebelnden Kreisel zu entkommen, weit von sich fort und erlag dem Geraune der Gosse, welches er früher, als er noch Bücher las, bloß dem Reich der Sirenen zugetraut hatte. Einer gewissen Ungeschicklichkeit hatte er sich freilich schuldig gemacht, indes strebte er stets nach harmonischem Auskommen, nach verständiger Zweisamkeit und einer Generosität, deren monetäre Variante allein an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen litt. Nein, es machte wirklich keinen Spaß, immerzu in der Mitte zu landen, wenn diese Mitte im Grunde dazu missbraucht wurde, an der am raschesten erreichbaren Stelle den Müll abzuladen, sich danach die Hände abzuputzen und so zu tun, als läge ohnehin schon alles an seinem richtigen Platz. Besonders am Wochenende, erläuterte er mit nachdenklicher Stimme, fühlte er sich geradezu mau, widerstand nur mit Mühe der Versuchung, Pro und Kontra gegeneinander abzuwägen, ja auszuspielen und aufzurechnen, und reflektierte angestrengt über eine Welt, in deren Zentrum er zwar saß, aber welcher er bei genauerem Hinsehen lediglich am Rande angehörte. Ob er dann lachen oder weinen sollte, wusste er nicht, doch hatte er die Erfahrung gemacht, dass sowohl das eine wie auch das andere Erleichterung verschaffte. Um den Kopf wieder freizumachen, widmete er sich den privaten Zerstreuungen, lud Freunde ein oder brachte sein Kind zum Sportklub. Dann hielt er inne, beobachtend und still. Wenn er Zeuge wurde, in welcher Art sein halbwüchsiger Sohn seine Freunde begrüßte, wurde ihm mit einem Mal klar, dass dieser sich längst über die Mediokrität des Vaters erhoben hatte und zu etwas Besserem, zu etwas Ernstzunehmendem aufstrebte, das er selbst lediglich als jenen Zipfel kannte, dem er zeitlebens nachjagte.