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siren songs

Sonja Harters erster Gedichtband


Sonja Harter: barfuß richtung festland. gedichte

leykam: Graz; 2005

Rezensiert von: roswitha m. jauk


Ihre Gedichte sind nicht plump, nicht dumm, nicht kitschig, nicht sentimental , nicht grob, nicht platt. Ihr Können ist keinesfalls in Frage zu stellen, aber um Sonja Harter und ihren „Ton“ wird in Graz ein Trommelfeuer gemacht, das befremdet. Zuletzt hat sie Günther Nenning als jüngste Autorin (sie ist erst 22, wird immer betont) und noch vor Erscheinen ihres ersten Gedichtbandes in die Landvermessung gepackt. Sie selbst macht darum kein Theater, sondern nimmt ihren Ruhm mit Selbstverständlichkeit hin. Irgendwo in den knappen, filigranen, mal ins Surreale verfremdeten, mal hermetisch dunklen Zeilen sitzen offenbar die Sirenen und erzeugen einen Sound, der at least hellhörig macht. Aufpassen muss man also, denn er sei “gefährlich schön“ heißt es weiter und man könne sich ihm nicht entziehen. So befand auch der Leykamverlag, der beschloss, dem Buch dieses spezifischen Sounds wegen auch eine CD beizulegen, auf der die Autorin ihre Gedichte liest. Gleichmütig, ohne Emphase, aber auch markant intoniert Harter alle 69 ihrer titellosen Gedichte, die aus fünf Jahren stammen. Die Art zu Lesen verstärkt den eigentümlichen Sound, der sich aus Zart- und Nüchternheit mischt, und die Gedichte zu hören macht noch klarer, dass Sonja Harter Sprache gleichsam komponiert. Die Gedichte sind weit mehr einer Melodik, einem Rhythmus und der Sprache als Klangform geschuldet als einem Mitteilungs- oder Abbildungswunsch von „Welterfahrung“ – sei diese innerlichsubjektive oder äußerlich greifbar. Ihr Ausgangspunkt ist – anders als beispielhaft Gertrud Steins Tender Buttons – kein real existierendes Objekt; sie schreibt nicht „close to the thing“, wie es etwa Ezra Pound eingefordert hat. „Es ist die Sprache, die den Inhalt schafft“, sagt sie selbst über ihr Schreiben, und Musik sei ständiger Begleiter, Untergrund und Bezugspunkt ihres Schreibens.

Als „sprachlich zur Ruhe gelangte Gefühle“ bezeichnet Günther A. Höfler die Poetik der Gedichte treffend. Das lyrische Ich „streicht über längst / vergilbte Tasten / bis der Ton die / Verstimmung hebt“. Salopper ausgedrückt könnte man das Kühle, aber nicht Harte, Verhaltene und dennoch „Sprechende“ mit dem Unterstatement von Lyrics vergleichen. Sonja Harter reduziert die Sprache extrem, bringt sie in vieldeutige Schwebe und an jenen Punkt, wo das den Texten zugrunde gelegte Schweigen hörbar wird. Auch wenn man all das als „unverwechselbaren“ Stil bezeichnen kann, sind längst nicht alle Gedichte gleich gut. Manche sind nicht mal gut (oder nicht als Ganzes gut, wie das „Gemüse“- Gedicht, S. 55, das sich mit der auch in Haikus üblichen Kippstruktur überfordert und im Schlusspunkt schwer abfällt). Andere Gedichte haben dichte, reizvolle, neuartige Stellen, aber auch dünne, anämische Zeilen. Der Stil erscheint, bei genauer Betrachtung, nicht ganz konsequent, sowohl was den Grad der Verdichtung als auch den der Verfremdung betrifft. Der Versuch, den Gedichten einen zumindest irgendwie logischen Sinn abzugewinnen, scheitert oft. Trotzdem funktioniert das, was Sonja Harter macht. Wie Musik lenken ihre Gedichte von sich selbst ab, wirkten ätherisch über sich auf etwas kaum konkret zu Benennendes hinaus. Mit zartester (Un-)Sinnlichkeit bringen sie Saiten zum Schwingen, die jene Lust bescheren, die im Erliegen besteht.