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sonne ohne eigentümer

Ein Geburtstagsroman für Max Stirner


Sabine Scholz: Die Sonne hat keinen Eigentümer. Roman

Verlag Max-Stirner-Archiv, Leipzig; 2005

Rezensiert von: willi hengstler


Sabine Scholz, Mitarbeiterin des Max-Stirner-Archivs in Leipzig, hat mit Die Sonne hat keinen Eigentümer einen biographischen Roman über den Querdenker und Philosophen vorgelegt. Max Stirner, geboren als Sohn eines Flötenmachers in Bayreuth, wirkt auf mindestens drei einander überlagernden Feldern: einmal im Schutt halb vergessener Philosophiegeschichte als einer der Junghegelianer, die Hegels Staatsphilosophie – heute würde man sagen – „dekonstruierten“. Dann als Begründer eines extremen, nicht vereinnehmbaren Individualanarchismus – durchaus als Reflex auf sein eher kümmerliches Leben als schlecht bezahlten Lehrer einer Berliner Mädchenschule. Und schließlich wurde der radikale Philosoph zum Modell für Autoren, die sich ihre widerständige Randlage nicht weg instrumentieren ließen. Ein bedeutender unter ihnen ist Oswald Wiener, der Stirner in seiner Verbesserung von Mitteleuropa einigen Platz einräumt.

Neben sachlich-wissenschaftlichen Biografien kommen Bücher über bedeutende Köpfe häufig auch romanhaft daher. Trickreichere Erzähler wie Thomas Mann arbeiten dagegen große Männer und deren Theorien verschlüsselt in ihre Bücher ein. Im Zauberberg wird Gerhart Hauptmann zum Mynheer Pepperkorn, und sein Dr. Faustus wird unheilvoll von Schönbergs Zwölftontheorie beschallt.

Sabine Scholz treibt solch konventionelle, erzählerische Raffinesse durch das Ineinanderweben von Fiktion und Realität, durch das virtuose Verschränken von Kolportageelementen und Paratexten noch ein gutes Stück weiter. Sie bedient sich eines tollkühnen erzähltechnischen Aufwandes und einer postmodernen Formensprache, um „aus dem Neben- und Ineinander von Biografie und philosophischen Erörterungen ein sensibles Porträt von Stirners aus Gadebusch stammenden, vermögenden Ehefrau Marie Dähnhart“ und ihrem „Max“ zu entwerfen. Sabine Scholl kreuzt in ihrem Buch 19. und 21. Jahrhundert, Gegenwart und Vergangenheit. Einmal bekommt der Leser fiktive Briefe Marie Dähnharts an ihre Freundin vorgesetzt, dann darf er wieder in der Gegenwart verfolgen, was Ambra, die junge Besucherin einer Abendschule mit diesen zufällig gefundenen Briefen so anstellt.

Dabei zielt die Autorin Scholz mit ihrer Gliederung des Haupttextes in fünf Kapitel Über die Verführung, Über die Untreue, Über die Leidenschaft, Über die Ehe und Über die Sehnsucht, wohl auf etwas wie eine Phänomenologie der Liebe aus feministischer Sicht. Außerdem stellt sie ihrem zu einem konkreten Anlass (Geburtstag) und einer konkreten Person (Stirner) verfassten Roman noch ein trickreiches „Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt“ voran und droht anschließend mit einem George Sand-Zitat: „Wir können nicht eine Seite aus dem Buch unseres Lebens reißen, aber wir können das ganze Buch ins Feuer werfen.“ Als rahmende Paratexte schiebt Sabine Scholz zusätzlich einen Abschnitt Über die Autorin (also sich) ein, legt ihre Quellen offen und schließt schließlich mit einem alles erklärenden Nachwort. Allenfalls einem Nabokov, der seine Lolita mit Pale Fire kombinierte, hätte man eine solche Überfülle an selbstreflexiven Querverweisen und Anspielungen zugetraut.

Glücklicherweise zeigt Frau Scholz im Fortlauf der Handlung Einsehen und setzt vor allem auf zweifellos ironisch gemeinte Kolportageelemente: Das alter Ego der Marie Dähnhardt, die ebenfalls aus Gadebusch stammende Ambra Brücker, schläft mit ihrem Mitschüler Django aus dem Abendgymnasium, bei dem sie auch die besagten Briefe findet, dann mit ihrem Deutschlehrer und schließlich mit einem Stirner-Forscher Robert Weigert, der in Berlin ein der Stirner’schen Existenz vergleichbar bescheidenes Leben als Filmvorführer fristet. Ambra und Marie Dähnhart, Geschlechtsgenossinnen über die Jahrhunderte hinweg, spiegeln einander trefflich in ihren Emanzipationsbestrebungen, die sie, immer auf der Suche nach Selbstverwirklichung, von einem Mann zum anderen führen. Die historische Marie Dähnhart lebte nur 4 Jahre mit Stirner, später gelangte sie über London nach Australien, heiratete einen gänzlich unphilosophischen Arbeiter. Sie bleibt bis ins hohe Alter ihrer Verwandlung von einer Femme fatale der Berliner Boheme in eine eher bigotte Christin treu – nicht gerade eine freidenkerische Erfolgsgeschichte. Erfolgreicher agiert die fiktive Ambra. Sie wird mit der Herausgabe der Dähnhardt-Briefe genug verdienen, um ihre eigene Kar riere als Schriftstellerin verfolgen zu können.

Der Autorin Sabine Scholz gelingt es auf 248 Seiten abwechselnd ein Panorama vom Berlin vor 1848 und der gegenwärtigen BRD zu entwerfen, das wahrhaft schonungslos die verschiedensten, lebendig beschriebenen Typen umfasst: Arrogante Unternehmer, magersüchtige Boutiquenführerrinnen, faschistische Geschichtslehrer, Selbstmord verübende Automechaniker, trinkende Väter… Leser was willst du mehr.

Bedauerlich ist dabei, dass sich die jugendlich Heldin Ambra während der einzigen kursorischen Erörterung des Stirner´scher Systems denkt „Mein Gott, muss das immer so detailliert sein...“. Der Rezensent fühlt sich also der Vollständigkeit halber verpflichtet, ebenfalls über den Philosophen zu dilettieren. Am Schluss seiner Geschichte der Philosophie fordert Hegel, den Geist der Zeit zu ergreifen und dessen Verschlossenheit an den Tag zu ziehen. Auch Stirner argumentiert ähnlich, nur stellt er die Hegel`schen Kategorien auf den Kopf, indem er ihnen populäre und sehr konkrete Namen gibt. Christliche Erlösung als Ende der Tage, menschliche als „Ziel der Geschichte“ werden abgelöst von dem als „Ich“ entzauberten Menschen, der schon für sich selbst die Weltgeschichte ist. Stirner entlarvt die göttliche Restwahrheit vom Humanitären als Phrase, die er mit seiner eigenen, absoluten Phrase vom Ende aller Phrasen überholt. Der Einzige ist unbesorgt um die ganze übrige Welt, die sein verbrauchbares Eigentum ist. „Stell ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen: Ich hab´ mein Sach auf Nichts gestellt.“ Immerhin hat Der Einzige und sein Eigentum Karl Marx zu einer 500-seitigen Entgegnung Sankt Max veranlasst, die er aber, um Stirner nicht zu viel Ehre anzutun, doch nicht veröffentlichte. Nach ihm ist Stirner der radikalste Ideologe einer zerfallenen Gesellschaft von „vereinzelten Einzelnen“.

Noch Ende der Fünfziger- , Anfang der Sechzigerjahre galt Der Einzige und sein Eigentum in der vergriffenen Reclamausgabe von 1912 als hochgiftige Rarität, deren Spur sich bis hinein in die radikalsten und bedeutendsten Arbeiten, wie Oswald Wieners Verbesserung von Mitteleuropa verfolgen lässt. Mittlerweile ist der Text leicht erhältlich und das Buch von Sabine Scholz wird vielleicht dazu beitragen, ihn weiter zu entschärfen.