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david staretz | surfen auf dem zauberteppich

Über die hartnäckigste Präsenz von Mitte: Die Sperrlinie und ihre Folgen

Das Wesen der Straße liegt in ihrer Mitte. Sämtliche Instinkte eines selbstbewussten (oder ängstlichen) Autofahrers drängen zur Mitte – also exakt dorthin, wo aus der Gegenrichtung ein anderer selbstbewusster Autolenker angefahren kommt. Und schon haben wir das verstrickteste Regelwerk beisammen, StVO genannt, triumphierend bereits im ersten Satz des II. Abschnitts, Fahrregeln:

Der Lenker eines Fahrzeuges hat, sofern sich aus diesem Bundesgesetz nichts anderes ergibt, so weit rechts zu fahren, wie ihm dies unter Bedachtnahme auf die Leichtigkeit und Flüssigkeit des Verkehrs zumutbar und dies ohne Gefährdung, Behinderung oder Belästigung anderer Straßenbenützer, ohne eigene Gefährdung und ohne Beschädigung von Sachen möglich ist.

Also eh dort, wo das Wasser steht, abgefallene Auspuffteile hinkullern, Splittdünen lagern und Kanaldeckel scheppern, Tiere und Kinder herumspringen, Fahrräder gaukeln und Fußbälle hüpfen. Achtung, Bankette nicht befahrbar. Der Rand, ein Abgrund.


Holy Middle

Und ein unüberwindlicher Trieb bemächtigt sich unser, Zentimeter um Zentimeter schieben wir uns auf freier Bahn wieder an unseren evolutionär angestammten Platz heran: Auf das Podest.

Der weiße Streifen signalisiert staatliche Unantastbarkeit; die Sperrlinie darf nicht befahren, ja nicht einmal überragt werden. Insofern zeigt die doppelte Sperrlinie Schwäche. Meist jedoch haben wir es mit der generös aufgelockerten Mittellinie zu tun, sie versinnbildlicht für den zeichnerisch erfahrenen Techniker den verdeckten Bereich einer Konstruktion. Insofern führt man uns ein Geheimnis vor, einen schönen Satz von Novalis: „Das Sichtbare ist ein in einen Geheimniszustand erhobenes Unsichtbares“.

Ja, man kann das durchaus historisch betrachten. Greifen wir doch nur ein Stück Weges zurück im Straßenbau. Eines der wesentlichen Anliegen auf unbefestigten Fahrwegen war es damals, das Regenwasser von der Oberfläche abfließen zu lassen, um Verschlammung zu vermeiden. Deshalb waren Fahrbahnen auf Geraden und genauso in den Kurven sehr stark bombiert. Noch 1879 betrachtete man den Kreisbogen als idealen Querschnitt. Das bedeutete, dass man links und rechts praktisch von der Straße kippte. Also fuhr man vorzugsweise in der Mitte, um die Krone zwischen die Räder zu nehmen. Daraus erklärt sich auch der starke negative Radsturz, der damals üblich war und verhindern sollte, dass Räder von den Achsen getrieben würden. Negativer Sturz bedeutet: Die Achsen waren nach unten gekrümmt, so dass die entsprechend schräg auf der Fahrbahn aufstehenden Räder immer gegen die Achsnabe nach innen gedrückt wurden, wodurch keine Scherkräfte gegen die außen liegenden Splinte wirkten.

Ausweichen unbeliebt

Jedenfalls war das Ausweichen höchst unbeliebt, vor allem auf Wegen, die nur aus Mitte bestanden – Hohlwege zum Beispiel. Wenn dort zwei vierspännige Holzfuhren gegeneinander standen, konnte man sich gleich samt den Pferden erschießen, aber das half genauso wenig, wie den Gegenverkehr zu eliminieren. Einzige Lösung: Kleinteilig abtragen.

Mittiges Autofahren kannte man in einer funktionierenden Variante von Italiens dreispurigen Autostradas. Die Mittelspur war dem reinen Überholverkehr zugewiesen, was auch ganz gut zu funktionieren schien. Großer Vorteil gegenüber den heute angewandten vierspurigen Lösungen: Kein Geisterfahrerproblem!


Rechte Spur,quasi Pannenstreifen

Heute, wo man drei Autobahnspuren auch in einer Fahrtrichtung finden kann, lässt sich das evolutionäre Prinzip klar und systematisch ablesen: Die rechte Spur entspricht quasi dem Pannenstreifen und wird nur von Schwer-Lkw, waidwunden Fahrzeugen, die aus allen Löchern blasen, oder Fahrern mit Hut und halboffener Fahrertür benützt. Sie stehen in der Hierarchie nur knapp über dem Radfahrer, der sich von seinem Hund ziehen lässt.

Die rechte Fahrspur ist auch das Biotop der Berichtiger und Rechthaber, die tollkühne Manöver liefern, um möglichst demonstrativ die StVO-gerechte Spur einzunehmen, die sie nur verlassen haben, um ein korrektes Überholmanöver an Mittelspursündern und -sünderinnen zu exerzieren.

Die Überholspur hingegen, inoffiziell Fast Lane genannt, entspricht unserem klaren, fitten Denken vom Survival der Triumphierenden. Mit wehenden Fahnen und gloriosem Dauerlinksblinken verfolgen wir unsere großartigen Ziele, leider immer wieder abgebremst von weniger fitten Typen, so genannten Losern, die sich irrtümlich für Sieger wie wir halten. Mit Xenon-Beams beschießen wir ihre schweren Hinterteile, wir röntgenisieren sie auf etwaige feste Partikel (prestigegerechte Emblems) in ihrer amorphen Struktur hin, ehe wir sie ins Nirvana der nicht gesellschaftsfähigen Mittelspur atomisieren.

Mittelspur ist Mittelmaß

Denn hier wohnt das indifferente Mittelmaß, hier klammern sich verkrampfte Friseurlehrlinge, SchuhverkäuferInnen und VolksschullehrerInnen in ihren mittelklassigen Kompaktvernunftdosen an die Hoffnung, nicht von der Straße zu fallen. Sie knozen sich fröstelnd auf diese Spur wie in ein Eisenbahnabteil und verlassen den angestammten Platz erst, wenn sie die Autobahn zu Hause abliefert.

Die Mitte einer Straße ist niemals ein Punkt, immer eine Linie. Diese Tatsache hält uns auf Trab, bergauf, bergab. Wir werden immerfort in den Idealfall eines Mittenverlaufs, den unendlichen Raum zwischen zwei Parallelen, gezogen, auf den wir uns setzen wie auf einen endlos gewobenen Zauberteppich. So segeln wir auf einem Flechtwerk aus gutem Glauben, schlechter Laune und geflickter Asphaltdecke voran, immer hart eingeregelt, immer hart am Ideal.