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wenn dem wirt der saft ausgeht

Georg Petz’ Erzählungen zur Anatomie des Parasitären


Georg Petz:: Die Anatomie des Parasitären. Erzählungen

Steirische Verlagsgesellschaft: Graz; 2005

Rezensiert von: christoph d. weiermair


Ich sehe durch das Fenster nach draußen, das keine Aussicht hält als mein eigenes Spiegelbild vor dem Hintergrund einer undurchdringlichen Finsternis. Da ist noch immer die Glätte in meinem Gesicht, die ich so sehr mag.

Der junge Autor Georg Petz hat seine neue, zweite Publikation Die Anatomie des Parasitären getauft. Ein hochtrabender, wenngleich viel versprechender Titel und ein nicht untreffendes Motto für neun Erzählungen unterschiedlicher Länge und Qualität. Petz’ Figuren sind Räuber, Schinder, Mensch gewordene Zecken, Parasiten, Verführer einerseits, Opfer ersterer, Ausgesaugte, Getriebene, Kraftlose, Kranke andererseits. Allesamt bewegen sie sich in ihren Lebenswelten auf Grenzen zu, loten sie aus, bauen sie auf, tragen sie ab, erliegen Zwängen, manipulieren ihre Umwelt, beuten andere aus, entfremden und verlieren sich in düsteren Szenarien. Wenn Anatomie die Lehre vom Aufbau der Organismen bezeichnet, dann will Petz wohl Leibarzt seiner Figuren sein, abwechselnd Skalpell führender Chirurg und lauschender Psychologe.

Da ist Clara, die zu Weihnachten aus Schuldgefühlen ihren dominanten Vater in Spanien besuchen will, aber nicht bei ihm ankommt. Schließlich findet sich die unsichere Frau in einem kafkaesk anmutenden Finale „am Grabenbruch einer allmählich in Schall und Rauch aufgehenden Welt“ wieder. Eine junge Tierpräparatorin stopft novembers im Neonlicht der Katakomben eines Museums Säbelzahntiger aus. In der Hoffnung auf eine feste Anstellung arbeitet sie Tag und Nacht, lässt sich von Direktor „Dünkel“ ausnutzen, ehe sie sich in die Steinwolle im Bauch des Urhais eingräbt, „als das letzte noch schlagende Herz der Bestie“. Die lungenkranke Leta trifft auf ihrer ersten Italienreise einen Schriftsteller, der sie nach allen Regeln der Kunst umgarnt und auf einen Berggipfel hetzt. Auf einen „auf immer unerreichbaren Horizont“ zustrebend, „der ihr keine Zuflucht vor dem Untergang gewähren wollte“, geht ihr schließlich die Luft aus. Ein Landvermesser wird auf dem Anwesen des Großgrundbesitzers „Kleingeist“ in Peru Zeuge des „schweinernen Lebens“: Fleischeslust am Teller und am Schoß, zügellose Vermehrung nebst Gestank, Verwesung und Ausbeutung.

„Europa riecht an allen Ecken und Enden wie eine Hure.“ Die vielleicht stimmigste Erzählung, Die Verführung Europas, nimmt in Istanbul ihren Anfang und führt per Bahn quer über den Balkan nach Wien. Der Ich-Erzähler, ein schleimiger Parasit, der im Auftrag von Nahrungsmittelagenturen in Osteuropa wie ein Blutegel ganze Wirtschaftszweige aussaugt, begegnet einem türkischen Mädchen von sechzehn Jahren, das Verwandte in Wien besuchen will. Über die Gleise nach Nordwesten spannt Petz ein Netz subtiler Gemeinheiten. Ganz in seiner Profession gefangen, sucht der Protagonist die junge Jadé durch seine verzerrte Darstellung der Ovid’schen Gründungssage Europas zu verunsichern und zu manipulieren. Er meint zunächst, seinen „trojanischen Gaul bereits sicher eingestallt“ zu haben, doch im stickigen Abteil kehren sich schließlich die Rollen und Jadé wird zum Parasiten. „In der Hoffnung, ihre Träume zu zerstören, habe ich ihr meine eigenen verkauft. Zum Spottpreis (…).“

Georg Petz ist vieles zu Gute zu halten: Die liebevolle Schilderung von mythologischen und historischen Details, die penibel recherchierten und gleichzeitig stimmungsvollen geologischen und topographischen Exkurse zeugen von solidem Wissen und einer Affinität zum Realistischen. Gleichzeitig ist Petz Romantiker mit einem Hang zu fast trotziger Negation und zur Düsternis, er führt seine Leser in Zwielicht, Schatten und Nacht, skizziert Untergangsszenarien und wirft einen Blick in die Abgründe der Seele. Diese Vielschichtigkeit hat zweifellos ihren Reiz, fordert vom Leser aber ein hohes Maß an Konzentration und Durchhaltevermögen. Denn die Dozentengabe des jungen Autors artet stellenweise in ein bloßes Mitteilungsbedürfnis aus, Petz verliert sich in hochtrabenden, ausschweifenden und dem Fluss seiner Geschichten undienlichen Formulierungen und Konstruktionen.

Der durchwegs apokalyptische, von schwer wiegenden Begriffen, Vergleichen und Metaphern geprägte Grundton schlägt irgendwann auf die Seele und provoziert die Frage nach der Motivation für diese Texte. Ist dieser Pessimismus blanker Weltschmerz oder schicke Mode, sind die plakativen Schlussszenarien, in denen etwa „Eisregionen“ zum „letzten Mutterschoß der Menschen“ werden, Selbstironie oder tiefer, fast prophetischer Ernst? Die Sorge um den Seelenzustand des Autors bleibe ungeäußert, was sich im Zuge der Lektüre nährt, ist die Vermutung, Georg Petz wäre übermäßig ambitioniert und wollte wie seine Figuren Grenzen ausloten, ja sich etwas „erschreiben“, zum Beispiel einen Sonderpreis für europäische Literatur, zumal Europa mit all seinen Bruchstellen faktisch wie auch im übertragenen Sinne ein zentrales Thema dieses Buches ist.

Genug der Spekulation. Die Kleine Zeitung hat Petz zum „Morgen-Stern – Künstler der Zukunft“ ernannt. Einmal abgesehen von der weihrauchschwangeren Titulierung dieser Auszeichnung, Petz ist zweifelsohne ein großes Talent. Das beweisen nicht zuletzt der Literaturförderungspreis der Stadt Graz 2004 und die 2003 erschienene erste Erzählung, Übernachtungen, des 1977 in Wien geborenen und in der Oststeiermark aufgewachsenen Autors. Petz’ Anatomie des Parasitären sei, das bleibt als Schlussbemerkung, durchwegs empfohlen – trotz aller geäußerten Bedenken.