schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 14 - patient spezial advertale influenza
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/14-patient-spezial/advertale-influenza

advertale influenza

benedikt narodoslawsky | advertale influenza

Wir sind nicht nur werbe-degeneriert, sondern auch werbegeneriert

Ich bin krank. Mein Hausarzt diagnostizierte Advertale Influenza (AI) im fortgeschrittenen Stadium. Der Doktor übersetzte mir das als fieberhafte Beeinflussung durch Werbung. Ich leide an den krankheitstypischen Symptomen Kaufrausch und paranoide Naivität. Die Krankheit ist nicht tödlich – aber sie ist lästig. Ihr Erreger, penicillinresistent und großteils noch unbekannt, heißt Bacillus oeconomicus. Er breitet sich schleichend aus, überträgt sich nicht über die Atemwege, sondern über Aug und Ohr. Man kann Infizierte getrost berühren, küssen oder mit ihnen schlafen – es besteht im Gegensatz zu anderen bakteriellen Erkrankungen keine Ansteckungsgefahr.

Die Inkubationszeit kann Jahre dauern. Die Krankheit beginnt harmlos, oft mit einem Griff nach der Kaugummipackung an der Kassa. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt Advertale Influenza als westliche Krankheit. Besonders gefährdet sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis 49 Jahre. Offiziell sind ca. 800 Millionen Menschen daran erkrankt, die Dunkelziffer ist weit höher. Ärzte rechnen mit einer erneuten Ansteckungswelle vor Weihnachten.

Wissenschafter warnten erstmals in der Fachzeitschrift Science vor der Beeinflussung durch Markenwerbung. Die Gefahr beschrieben sie mit dem anglo-alemannischen Mischwort „brand-gefährlich“. AI ist gehirnschädigend und wirkt sich negativ auf die linke Gehirnhälfte aus. Der Bacillus oeconomicus manipuliert graue Zellen in der Entscheidungs- und Sprachregion. Dies beeinflusst in weiterer Folge die Wahrnehmung und den Sprachgebrauch der Infizierten. Zunehmend verwenden AI-Leidende, ohne es zu bemerken, Werbesprüche in ihrer Alltagssprache. Wollen Ärzte herausfinden, ob ihr Patient an AI leidet, so stellen sie ihm die Schnelltestfrage: „Können Sie auf diese Frage antworten, ohne einen Markennamen oder Werbespruch zu verwenden?“ Antwortet der Patient mit „Ja, natürlich“, so ist er infiziert.

Mein Arzt erkannte die Krankheit zufällig. Er ist ein bekannter Morgenmuffel, aus diesem Grund besuchen ihn seine Patienten vorzugsweise am Nachmittag. Ich bevorzuge indes einen Besuch am Vormittag, zumal dann die Warteraum meist leer ist. Als ich ihn eines Tages wegen einer Bänderzerrung aufsuchte, sprach er über den elendigen Morgen. Ich wusste nicht, was ich auf so viel Pessimismus sagen sollte. Plötzlich fiel mir ein, dass es darauf ein passendes Sprichwort gibt: „Morgenstund’ hat Gold im Mund“ wollte ich sagen. „Mit Cappy geht die Sonne auf“, sagte ich. Als er mir darauf die AI-Schnelltestfrage stellte, antwortete ich nicht mit der Bio-Produktlinie von Billa und Merkur. Ich antwortete mit:  „Ich bin doch nicht blöd, Mann!“ Seitdem weiß ich von meiner Krankheit.

Bei AI-Kranken brennen sich Marken und Slogans ins Hirn und verdrängen andere Informationen. Lange dachte ich, der Name des Parteichefs der Grünen sei nicht van der Bellen, sondern Bella Flora. Schließlich ist Bella Flora die grüne Nummer eins. Die sprachlichen Missverständnisse sind aber keinesfalls so schlimm wie die durch AI verursachten Verhaltensänderungen. Paranoide Naivität verleitet zu Aktionen, die im Nachhinein völlig irrsinnig erscheinen. Im Moment der Aktion fühlt man sich hingegen völlig klar im Kopf. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s nicht allen gut. Am wenigsten meiner Katze, die ich wegen ihres dicken Fells Fewa Wolle taufte. Regelmäßig sperrte ich sie am Abend ein und versteckte mein Geldbörserl vor ihr. Ich hatte Angst, sie würde Whiskas kaufen, während ich schlief. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass dies gar nicht hätte möglich sein können. Katzen können nämlich nicht einkaufen, wie mir ein Veterinär versicherte.


Flügellose Löwen
Dass Werbung nicht unbedingt exakt ist, merkte ich nach einem Besuch im Zoo. Ich wollte endlich herausfinden, was sich unter den Flügeln des Löwen verbirgt. Ich tigerte also zum Löwengehege, ausgezahlt hat es sich aber nicht. Der Löwe hatte nämlich überhaupt keine Flügel. Als ich den Wärter auf das Fehlen der Flügel aufmerksam machte, konnte er mir nicht helfen. Er sagte, ihm wäre das auch schon aufgefallen. Der Wärter war der Meinung, die roten Bullen könnten den Löwen helfen – denn sie würden seines Wissens Flügel verleihen. Wie sich später herausstellte litt der Mann an derselben Krankheit wie ich. Sein Gedankengang blieb für mich so lange plausibel, bis ich in der Toyota-Werbung ebenfalls einen flügellosen Löwen sah. Werbung stand gegen Werbung. Von da an wusste ich mit Sicherheit, dass es nicht nur Löwen mit Flügeln gibt, sondern auch eine Spezies ohne.

Glauben Sie also nicht alles, was Sie im Fernsehen sehen! Wenn Sie im Teleshopkanal mit eigenen Augen sehen, wie ein Fleischmesser Beton, Metall und Holz schneidet, so dürfen Sie dem nicht unbedingt trauen. Ich fand folgendes heraus: Das Messer schneidet Fleisch. Es schneidet sehr, sehr dünnes Holz. Es schneidet nicht Beton und Metall. Trotz dieser ärgerlichen Erfahrungen können wir den Werbefiguren nicht böse sein. Selbst Robert Hartlauer nehmen wir es nicht böse, wenn er uns Brillenträger mit seinen futuristischen Augengläser-Scheußlichkeiten verhöhnt. Wir vertrauen den Werbegestalten, vergöttern sie zum Teil. Als Kind träumte ich davon, mit Captain Iglo in See zu stechen. Dr. Best ist für uns alle der nette Onkel, den man sich immer wünschte. Kinder rennen zu Fasching als Möbelix-Man herum. Mein erstes Haustier war ein Duracell-Hase – ich liebte das rosa Plüschding.


Santa Cola
Zugegeben: Heidi Klum vergöttern wir ohne Katjes- und Stiefelkönigreklame, ihre Werbeauftritte sind ihrem Erfolg aber keineswegs abträglich. Werbefiguren erreichen durch die Werbung Kultstatus, verdanken der Reklame ihre Karriere und Existenz. Coca-Cola erfand Santa Claus, der in nicht einmal einem Jahrhundert das Christkind fast arbeitslos machte. Es ist ungewiss, ob Toni Polster ohne Danone-Werbung Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft geblieben wäre. Anna Kournikova gewann kein einziges Einzelturnier in ihrer Karriere – die Werbung machte sie zur bekanntesten Tennisspielerin der Welt.

Geld regiert die Welt, Werbung regiert das Geld. Kein Ereignis ohne passenden Slogan, nichts passiert ohne Sponsoring. Fände die erste Mondlandung heute statt, so würde Astronaut Armstrong statt der amerikanischen Flagge ein McDonalds-Fähnchen in den Boden rammen. Statt des Spruches „Ein großer Schritt für die Menschheit“ würde er beim Betreten vermutlich die Honda-Werbung zitieren: „The power of dreams“. Nach der Live-Übertragung würde die Fernsehstation zwei Firmenlogos einblenden und ein Sprecher aus dem Off sagen: „OMV & Ford – Official Sponsors of first Mondlandung“ gefolgt von den Slogans „OMV – Mehr bewegen“ und „Ford – Besser ankommen“.

Wir sind nicht nur werbe-degeneriert, sondern auch werbegeneriert. Werbung verändert unsere Gesellschaft, Werbetexter sind die Philosophen unserer Zeit. Sie geben Denkschemata vor und brechen Tabus. Die Cola-Light-Werbung positionierte z.B. nicht den reichen Topmanager zum Sexsymbol, sondern den schwitzenden Lieferanten im billigen, weißen Unterhemd. Der einfache Mann von der Straße wurde salon- und heiratsfähig. Ein Tabubruch erfolgte auch durch den viel diskutierten Slogan „Geiz ist geil“. Also ich fand das super – endlich brachte jemand den Kapitalismus auf den Punkt! Einer will alles, alles für einen. Jeder für sich! Besser reich als arm. Wollte Charles Dickens heutzutage ein erfolgreicher Schriftsteller sein, müsste er seine Weihnachtsgeschichte rückwärts schreiben.


Keine Opfer, nur Geschenke

Werbung verändert unser Glaubensbild, aus Monotheismus wird Mammonotheismus. Das Geld als einzig wahrer Gott. Keine Opfer, nur Geschenke. Manchmal auf Kosten anderer. Oft auf Kosten vieler. Aber uns geht’s gut. Der Trost bringt allen was. Zumindest allen, die davon profitieren. Darwin’s Nightmare lässt grüßen.

Und doch zeigt sich die Werbung stets von ihrer schönsten Seite. Schöne Frauen, schöne Männer, Meer, Sonne, Spaß! Fühlen Sie nicht auch immer ein Stück Karibik, wenn Sie in ein Raffaello-Kügelchen beißen? Werbung ist schön, sie war es schon immer.

Aber was ist aus der guten, alten Werbung geworden? Was wurde aus den minutenlangen Geschichten, die einem die Werbung einst im Kino erzählte. Damals war der Werbevorspann im Kino schon das Geld wert, so manch gute Werbung rettete den folgenden, schlechten Film. Die Manner-Werbung zum Beispiel, als Zeichentrickfilm gestaltet, in Reimform gesprochen, Kindermusik im Hintergrund. Geistreich, lieb und harmlos. Heute zahlt man pro Sekunde. Die Werbung wurde zeitamputiert. Lange Werbungen mag man eben nicht mehr finanzieren. Slogans werden deshalb schärfer und aggressiver, müssen sich in die Käuferköpfe hämmern. Werbungen werden so lange wiederholt, bis sich die Botschaft im kollektiven Gedächtnis manifestiert. Im Fall der legendären BAWAG-Werbung dauerte das Jahrzehnte. Über mehrere Generationen spielte die Bank die immer gleiche Werbung im Fernsehen und Kino. Der Inhalt der Werbung war der wahre Bawag-Skandal: Sohn und Tochter streiten sich ums BAWAG-Sparschwein, am Ende läuft die Familie Hand in Hand glücklich über einen Hang. Die Aufnahmen entstanden wahrscheinlich in der Nachkriegszeit, ausgestrahlt wurde die Antiquität bis in die Mitte der 90er-Jahre. Ob sie wegen Erfolglosigkeit abgesetzt oder per Gesetz verboten wurde, weiß ich nicht.


Im Kaufrausch
AI ist nicht nur ungesund für den Geist, sondern auch fürs Portemonnaie. Man gibt all das Geld aus, das man nicht hat. Viele geraten krankheitsbedingt auf die schiefe Bahn, erliegen dem Kaufrausch. Ich selbst erinnere mich an ein T-Shirt mit einem großen, schlichten Hakerl. Made in Taiwan – für 999, damals noch Schilling, konnte man der erlauchten Nike-Riege beitreten. I just did it. Geben wir es doch zu: Alle sind wir Werbe-Träger. Und manchem von uns ist das 999, damals noch Schilling, wert.

Ein schwer gezeichneter AI-Patient war Opernfürst Marcel Prawy. Ohne seine Billa-Sackerl ging er nicht außer Haus, er brauchte seine Ration Werbung stets an seiner Seite. Seine Plastik-Accessoires stilisierte er zum modischen Equipment. Niki Laudas Werbesucht spiegelt sich in seinem roten Parmalat-Kapperl wider. Die hässliche Kopfbedeckung ist seit Jahren fixer Bestandteil seines Gesichts.

Ein wirkliches Gegenmittel für AI gibt es noch nicht, Schriften von Marx und Engels erwiesen sich als reines Placebo. Der Krankheit beugt man durch Aufklärung vor, ein geografischer Standortwechsel in den Urwald bietet den besten Schutz. Ich befinde mich derzeit auf Erholungskur. Mir geht es schon etwas gösser, ich mache kleine Fortschritte. Was wären die großen Erfolge ohne die kleinen? Ich lebe nun auf einem Tiroler Bergbauernhof. Auf so einem, wo die Kühe noch nicht lila sind. Dort werde ich bleiben. So lange, bis alle Werbetafeln verschwunden sind. Das dauert laut einem Plan der WHO noch mindestens zehn Jahre. WHO – Working for health.